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28.08.2012

14:42 Uhr

Vorbild für Krisenstaaten

Von Lettland lernen, heißt siegen lernen

VonDietmar Neuerer

Dass Lettland in vielerlei Hinsicht als Vorbild für die erforderlichen Anpassungen in einigen Euro-Ländern gelten kann, hat Ex-EZB-Chefvolkswirt Stark schon früh erkannt. Eine aktuelle Studie gibt ihm jetzt Recht.

Der lettische BMX-Fahrer Maris Strombergs feiert seine Olympia-Goldmedaille. dapd

Der lettische BMX-Fahrer Maris Strombergs feiert seine Olympia-Goldmedaille.

BerlinDie Euro-Retter hangeln sich von einem Krisengipfel zum nächsten und finden doch nicht den Stein der Weisen, der die Verschuldungskrise im gemeinsamen Währungsraum hilft einzudämmen. Dass es kein Patentrezept gibt für Wackelkandidaten wie Griechenland, Spanien oder Italien gibt liegt in der Natur der Sache. Die einzelnen Länder sind unterschiedlich gestrickt. Ihre spezifischen Probleme lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Was aber hilft, ist ein Blick in andere Länder und darauf, wie diese ihre Probleme bewältigt haben.

Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, hat schon frühzeitig Lettland als Vorbild für die erforderlichen Anpassungen in einigen Euro-Ländern hervorgehoben. Ende letzten Jahres sagte er bei einem Besuch in Riga, das Land halte wichtige Lehren für die Mitglieder der Währungsunion bereit, die eine ähnliche Phase vor sich hätten. Und Stark sollte Recht behalten, wie eine Studie der Commerzbank zeigt. Demnach spielten in Lettland zwar regionale Faktoren beim Überwinden der Krise eine Rolle. Doch zeigen der dortige hohe politische Konsens für Reformen und die guten Rahmenbedingungen, etwa flexible Arbeitsmärkte, dass ein Land sehr schnell auf die Erfolgsspur zurückkehren kann.

„Heißer Herbst“ für die Euro-Retter - Der Fahrplan in der Krise

Ende September/Anfang Oktober

Die „Troika“ der internationalen Kreditgeber Griechenlands will ihren neuesten Bericht über die Fortschritte bei den Reformen veröffentlichen. Die Analyse der Experten von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) ist Grundlage für die Auszahlung der nächsten Kredittranche an Athen.

8. Oktober

Treffen der Euro-Finanzminister.

18. und 19. Oktober

EU-Gipfel in Brüssel. Dort könnten die Euro-Retter entscheiden, ob Athen weitere Kredite und möglicherweise mehr Zeit für sein Sparprogramm erhält oder ob der Geldhahn zugedreht wird. Im letzteren Fall droht Griechenland der Staatsbankrott mit anschließendem Euro-Austritt.

Um den lettischen Erfolgsweg zu verstehen, muss man die Vorgeschichte kennen. Das Land verzeichnete wie alle baltischen Länder zwischen 2002 und 2008 das stärkste Wirtschaftswachstum in Europa. Das Ausland flutete die Region mit Kapital und löste einen regelrechten Immobilienboom aus. Die Region entwickelte sich zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Im gleichen Zeitraum verdreifachten sich die Einkommen. Das Leistungsbilanzdefizit stieg auf mehr als 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – für Schwellenländer mit festem Wechselkurs ein bedrohliches Ausmaß, wie die Commerzbank-Analysten in ihrer Untersuchung schreiben. Am kräftigsten profitierte von dieser Entwicklung Lettland. Kein Wunder also, dass es von der Weltfinanzkrise besonders hart getroffen wurde.

2008 galt Lettland als das „nächste Argentinien“. In den Jahren bis 2010 kollabierte in der kleinen baltischen Republik die Volkswirtschaft.  Das Bruttoinlandsprodukt ging innerhalb von nur zwei Jahren um 25 Prozent zurück. Auch das Banken- und Finanzsystem brach zusammen. Die Märkte verloren rasch das Vertrauen in die Stabilität der Währung, und Anleger zogen massiv Kapital ab, als die zweitgrößte Bank Lettlands verstaatlicht wurde. Durch die Kapitalabflüsse geriet auch die Wechselkursbindung an den Euro in Gefahr.  Gleichsam von einem Tag auf den anderen drohte dem Land der Staatsbankrott.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Kommentare (6)

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Edelzwicker

28.08.2012, 15:11 Uhr

Das lettische Modell macht für die mediterranen Langsamversteher und Sich-nicht-Beweger keinen Sinn. Dann müssten sie nämlich zunächst verstehen, wie sie zu dermaßen bizarren Verschuldungsständen gekommen sind, um sich anschließend in die richtige Richtung bewegen - die nur heißen kann, Löhne, Gehälter und Renten der tatsächlichen Wertschöpfung und Produktivität anzupassen, damit wieder fleißig produziert und exportiert werden kann. Aber wie gesagt, sie müssen erst einmal verstehen, wie sich dieser Augiasstall auftürmen konnte.

Vorbild-Island

28.08.2012, 15:49 Uhr

Dass die Leute immer auf diese neoliberale Propaganda hereinfallen?!

Kürzung von Bildungs- und Gesundheitssystem? Zu welchem Zweck? Damit lettische Arbeitnehmer als "dumme" und billige Arbeitskräfte in Deutschland arbeiten können?

Siegen lernen? Aktuelle kämpft Lettland mit einer Arbeitslosenquote von ca. 18%! Nennt man das Siegen? Ein Sieg für den Neoliberalismus, da sich mit dieser Quote die Löhne noch weiter drücken lassen!!!

Ich empfehle einen Blick nach Island!!!

Dort wurden alle Banken verstaatlicht und die eigenen Bürger geschützt!!!

Spekulanten, welche mit den Banken zuvor Island an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatten, gingen per Volksentscheidung leer aus!!!

Nehmen wir uns Island als Vorbild!!! Ein Land, welches unter einer links-grünen Regierung wieder zum Wohlstand kommt. Eine AL-Quote von ca. 7,4% und ein Wachstum des BIP von voraussichtlich 2,4%.

Und warum? Wegen gerechter Umverteilung!

"Man kürzte die hohen Pensionen und Renten der Oberschicht und erhöhte parallel die Mindestrenten für die ärmere Bevölkerung. Anstatt die Budgets im Sozialsektor zu kürzen, erhöhte man sie und konnte so der sich abzeichnenden Rekordarbeitslosigkeit gezielte Förderungsmaßnahmen und Sozialprogramme entgegensetzen. Der Erfolg dieser Maßnahmen war gewaltig – der Höhepunkt der Arbeitslosenquote betrug im Jahr 2009 rund 10% und bereits seit dem ersten Quartal 2010 ist die Quote wieder rückläufig und beträgt momentan rund 7,4% – weniger als der EU-Durchschnitt."

DerGentleman

28.08.2012, 16:23 Uhr

Lettland?? Estland ist das Vorbild!!

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