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07.04.2013

16:39 Uhr

Wachstum adé

Frankreich senkt Konjunkturprognose

Finanzminister Pierre Moscovici hat die Konjunkturprognose deutlich gekappt. Damit schwenkt Paris auf die Vorhersagen der EU-Kommission ein. 2013 wird es nur ein Miniwachstum geben.

Frankreichs Finanzminister Moscovici muss die Wachstumsprognose senken. Reuters

Frankreichs Finanzminister Moscovici muss die Wachstumsprognose senken.

ParisDie französische Regierung verabschiedet sich Stück für Stück von ihren Wachstumszielen. Finanzminister Pierre Moscovici hat am Sonntag die Konjunkturprognose für dieses und das kommende Jahr deutlich gesenkt. Demnach wird es 2013 nur ein Miniwachstum von 0,1 Prozent geben, für 2014 werden 1,2 Prozent erwartet.

Damit schwenkt Paris auf die Vorhersagen der EU-Kommission ein. Zuvor hatte die Regierung von Präsident François Hollande eine schnellere Erholung vorhergesagt. Ursprünglich war ein Wachstum von 0,8 Prozent für dieses und 2,0 Prozent für das nächste Jahr angepeilt worden.

Moscovici sagte dem Sender i-Tele, er erwarte positive Auswirkungen der Konjunkturentwicklung auf den Arbeitsmarkt für 2015, ein Jahr später als zunächst erwartet. Die Arbeitslosenquote in Frankreich liegt aktuell bei fast 11 Prozent und damit so hoch wie seit 1999 nicht mehr. Hollande hatte noch Ende März betont, er setze auf eine Umkehr des Trends auf dem Arbeitsmarkt bis zum Jahresende. Dies sei keine Frage des Glaubens, sondern ein Ziel.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Die nach Deutschland zweitgrößte Wirtschaftsnation im Euro-Raum hatte im vierten Quartal 2012 ein Minus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) zum Vorquartal von 0,3 Prozent verzeichnet. Für das gesamte Jahr 2012 standen in Frankreich 0,0 Prozent beim Wachstum zu Buche - also Stagnation. Im Jahr 2011 waren es laut Statistikbehörde Insee noch plus 1,7 Prozent.

Der renommierte Ökonom Thomas Mayer warnte vor den schlechten Wirtschaftsdaten Frankreichs. Mayer, bis 2012 Chefvolkswirt und heute Berater der Deutschen Bank, sagte der „Welt am Sonntag“: „Allein auf der Basis der Fundamentaldaten betrachtet könnten französische Finanzwerte mit höheren Risikoaufschlägen als italienische bewertet werden.“ Wegen seines großen Einflusses auf die europäische Politik störe sich der Markt jedoch wenig daran. Für Frankreich selbst sei dies aber fatal, es fehle der unverzichtbare Druck der Märkte für Reformen.

Mayer hat die Leistungsbilanzsalden, die Staatsverschuldung, die Budgetdefizite und die Größe des Bankensektors analysiert. Frankreich hat demnach erheblichen Nachholbedarf in beinahe allen Bereichen außer bei der Größe seines Bankensektors, der nur leicht über dem Durchschnitt im Euro-Raum liege.

Von

dpa

Kommentare (4)

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Gast

07.04.2013, 16:44 Uhr

Frankreich taumelt sogar führungslos abwärts. Die Prognosen sind blanke Träumerei. Man darf getrost davon ausgehen, dass sämtliche Zahlen in der Eurozone massiv geschönt werden.

krakendienst

07.04.2013, 17:01 Uhr

"Konjunkturprognose": Lächerlich. Eher in der neuen VWL sollte all das heißen: Entschuldungsprognose. Je höher jährlich desto erfolgreicher die (immer noch nationale, noch immer nicht EU-weite...) Volkswirtschaft!

Account gelöscht!

07.04.2013, 23:12 Uhr

Die Regierungen in den Krisen geschüttelten Ländern müssen nach den Vorstellungen in Brüssel, getreu dem Eurowahnsinn, die Einkommen der Bevölkerung drastisch senken. Diese Einsparungen sollen für ein florierendes Wirtschaftswachstum sorgen. Weil die Kaufkraft nachhaltig geschwächt wird, wird auch die Volkswirtschaft zunehmend schrumpfen. Die Binnenwirtschaft ist besonders betroffen. Folglich schwinden auch die Steuereinnahmen erheblich.

Immer wieder wird fälschlicher Weise propagiert, dass die Einkommen zu kürzen sind, um die Staatsausgaben zu senken und um die Wirtschaft anzukurbeln. Das ist ein Trugschluss, wie oben zu lesen ist.

Die andere Möglichkeit besteht darin, eine nationale Währung einzuführen.
Aus einer schwächeren Währung heraus, lassen sich jedoch Produkte wettbewerbsfähiger herstellen. Zudem würde eine abgewertete Währung den Tourismus in den Südländern zunehmend ankurbeln. Mit dem Wechselkurs können krasse „Wirtschaftsflanken“ ausgeglichen werden, in dem die Währung mit dem entsprechenden Wechselkurs blitzschnell auf- oder abgewertet wird.

Das Einkommen der Bevölkerung (Gehälter, Diäten, Pensionen oder Renten z.B.) lassen sich nicht in der erforderlichen Schnelligkeit anpassen, wie das mit den Wechselkursen möglich ist. Die schwächere Währung kann mittels variablen Wechselkurs jederzeit den wirtschaftlichen Verhältnissen angeglichen werden. Die Wechselkurse der nationalen Währungen gleichen sich permanent dem Wirtschaftswachstum an.

Jetzt besteht die Frage, warum wurden die nationalen Währungen der betroffen Länder nicht schon längst wieder eingeführt. Die Antwort liegt bei den Banken. Die Politik folgt immer dem Kapital. Erst wenn die Wirtschaft völlig am Boden liegt, wird neu gestartet, wie auch immer.

Die AfD will dem Treiben ein Ende setzen. Die Rettungsschirme gehören endlich abgeschafft. Jeder Cent (Pfennig) was gen Süden fliest fehlt der deutschen Bevölkerung.

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