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07.02.2015

11:17 Uhr

Wähler-Umfrage

Dreiviertel der Griechen stehen hinter Tsipras

VonGerd Höhler

Bei EU-Politikern und Investoren macht sich Griechenlands Premier, Alexis Tsipras, mit seiner Reformkritik nicht gerade beliebt. Ganz anders bei seinen Wählern. Sie stehen voll hinter Tsipras, zeigt eine Umfrage.

Alptraum von Politikern und Gläubigern, Hoffnung seiner Wähler: Griechische Bürger stehen hinter der reformfeindlichen Politik ihres Premiers Alexis Tsipras. dpa

Griechischer Premier Alexis Tsipras

Alptraum von Politikern und Gläubigern, Hoffnung seiner Wähler: Griechische Bürger stehen hinter der reformfeindlichen Politik ihres Premiers Alexis Tsipras.

AthenIn Europa wurden die ersten Schritte des neuen griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras eher als Fehlstart wahrgenommen. Nein zur Troika, Schluss mit dem Sparkurs, Rückbau der Reformen: Damit provoziert Tsipras eine Machtprobe mit den Gläubigern Griechenlands. Aber eine große Mehrheit der Griechen steht hinter dem Konfliktkurs des Links-Politikers.

Zehn Tage nach der Parlamentswahl, die das von Tsipras geführte Bündnis der radikalen Linken (Syriza) mit 36,4 Prozent klar gewann, haben Meinungsforscher der Universität Thessaloniki im Auftrag des Fernsehsenders „Skai“ nachgefragt.

Das Ergebnis: Die überwältigende Mehrheit der Syriza-Wähler steht hinter Tsipras Konfliktstrategie. 91,5 Prozent meinen, die Regierung dürfe im Streit um einen Schuldenerlass, die Sparpolitik und die Reformagenda der EU keinesfalls nachgeben. Von den Wählern der ultrarechten Partei Unabhängige Griechen, mit der Tsipras koaliert, vertreten 91 Prozent diese Meinung.

Viel Zustimmung für seine Politik findet Tsipras auch bei den Wählern der Neonazi-Partei Goldene Morgenröte (70 Prozent) und der spätstalinistischen Kommunistischen Partei (81 Prozent). Aber selbst von den Anhängern der konservativen Nea Dimokratia (ND) und der sozialdemokratischen Pasok, die bis zu den Wahlen in einer Koalition regierten, bekommt Tsipras viel Applaus: 43 Prozent der ND-Wähler und 55 Prozent der Pasok-Wähler befürworten den Crash-Kurs der neuen Regierung.

Das Dilemma Griechenlands in Zahlen und Fakten

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25,5 Prozent. Bei den unter 25-jährigen Erwerbspersonen ist sogar fast jeder zweite ohne Job. Nach jüngsten Erhebungen liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 48,4 Prozent.

Staatsschulden

Griechenland hat insgesamt Schulden in Höhe von rund 320 Milliarden Euro (Stand September 2014). Das sind fast 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die EU und der Internationale Währungsfonds haben dem Land mit Darlehen in Höhe von rund 240 Milliarden Euro unter die Arme gegriffen.

Einkommen

Nach übereinstimmenden Angaben von Regierung und Gewerkschaften mussten die Menschen in Griechenland seit 2009 im Durchschnitt Einkommenseinbußen von 30 Prozent hinnehmen. Im öffentlichen Dienst wurden Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen. Auch Renten wurden massiv gekürzt.

Öffentlicher Dienst

Nach jüngsten Zahlen arbeiten derzeit 675 000 Menschen im öffentlichen Dienst. Das sind rund 277 000 weniger als noch 2009. Allein im Jahr 2014 wurden 9500 Staatsbedienstete entlassen. Zudem wurden viele Stellen nach altersbedingtem Ausscheiden von Angestellten nicht nachbesetzt. Die Regierung Tsipras steuerte der Entwicklung jedoch gegen – und stellte per Gesetz rund 4000 zuvor entlassene Staatsdiener wieder ein.

Wirtschaftswachstum

Erstmals nach vielen Rezessionsjahren wuchs die Wirtschaft 2014 nach vorläufigen Zahlen um 0,7 Prozent. Für 2015 erwartet die EU-Kommission einen Zuwachs von nur 0,5 Prozent.

Unter dem Strich finden 72 Prozent der Befragten Tsipras‘ Konfliktstrategie richtig. Die Umfrage dürfte den griechischen Premier in seiner kompromisslosen Haltung bestärken. Wahlforscher gehen davon aus, dass Tsipras mit einem weitaus deutlicheren Sieg rechnen könnte, sollte es in den nächsten Wochen zu Neuwahlen kommen.

Griechische Medien interpretierten die Umfrage vor allem als Absage an Angela Merkel, die als treibende Kraft hinter den Sparauflagen gesehen wird und in Griechenland seit Beginn der Krise die unbeliebteste ausländische Politikerin überhaupt ist. Nach einer Umfrage von 2012 haben 84 Prozent der Griechen eine negative Meinung von Merkel.

Der griechische Premier lehnt Gespräche mit der verhassten Troika strikt ab, will das Ende Februar auslaufende Hilfsprogramm nicht verlängern und verlangt eine Umschuldung. Damit isoliert Tsipras sein Land allerdings in Europa zusehends.

Am kommenden Mittwoch wollen die Finanzminister der Eurogruppe in einer Sondersitzung über Griechenland beraten, bevor Tsipras tags darauf erstmals als Regierungschef an einem EU-Gipfel teilnimmt. Athen stehe bisher völlig allein, heißt es in EU-Kreisen.

Kommentare (1)

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Celo Abdi

07.02.2015, 12:04 Uhr

Ich stehe ebenfalls zu Tsipras und Varoufakis.

Lehrt der Elite noch ein wenig das Fürchten. Lasst Sie mit den Säbeln rasseln, aber wir wissen alle, dass es genug deutsche Versicherer und französische Großbanken gibt, denen der A... bei einer Insolvenz auf Grundeis geht.

Hier in den Medien spielt ja nur der Kleidungsstil der "bösen & faulen Griechen" eine Rolle. Nach dem Motto "da zocken sie uns ab und tragen noch nicht mal Krawatte.".

Go Tsipras! Go Pedemos! Nur so ist ein Wandel in Europa möglich.

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