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18.04.2006

09:18 Uhr

Während des Erziehungsurlaubes bleibt der Arbeitsplatz sicher

Familienpolitik macht Franzosen zu Geburtenchampions

Frankreich greift den Eltern mit Kindergeld und einem breiten Angebot vorschulischer und schulischer Einrichtungen unter die Arme. Nach einem dreijährigen Erziehungsurlaub müssen auch Väter keinen Jobverlust fürchten.

HB PARIS. Madame Martin hat ihren Nachwuchs schon während der Schwangerschaft für einen Krippenplatz angemeldet. Und sie kann sich in aller Ruhe auf ihre Schwangerschaftsgymnastik konzentrieren, denn die gewünschte spätere Betreuung ist ihr ziemlich sicher. Frankreich greift den Eltern mit Kindergeld und einem breiten Angebot sowohl mit vorschulischen wie mit schulischen Einrichtungen unter die Arme. So gelten die Franzosen auf diesem sozialen Feld als Vorbilder in Europa - und sie sind unter den wenigen Ländern, die keine hitzigen Debatten über Baby-Mangel und mangelnde Kinderbetreuung führen müssen.

Zu den Schattenseiten gehört indessen auch in Frankreich die „Überalterung“. Auch Monsieur Martin stellt sich gelassen darauf ein, Vater zu werden. Seit Anfang 2002 stehen ihm bis zu 14 Tage Baby-Urlaub zu. Sollten es Zwillinge oder Drillinge werden, darf er 18 Tage daran arbeiten, seine neue Rolle auszufüllen. Einen bis zu dreijährigen Erziehungsurlaub - auch bei einer Adoption - können die Mutter oder der Vater nehmen. Ihr Arbeitsplatz bleibt ihnen sicher. Und vom Kindergarten an greifen die Eltern auf ein Netz praktisch kostenloser Einrichtungen für Kinder in allen Altersstufen zurück.

Viele geben die Zöglinge mit zweieinhalb Monaten in eine Ganztags-Krippe und dann vom 3. Lebensjahr an in einen der kostenlosen Vorschulkindergärten. „Wir müssen bei der Kinderbetreuung mit den Franzosen gleichziehen“, hatte schon der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) angesichts des Babymangels und des demographischen Schrumpftrends in Deutschland verlangt.

Die Grundsteine für das, was Frankreich zu einem Geburtenchampion macht, wurden jedoch bereits vor 60 Jahren gelegt. Die Franzosen vertrauen der Familienpolitik, weil sie sich trotz der politischen Machtwechsel seit dem Zweiten Weltkrieg nicht wesentlich verändert hat. „Während Deutschland demographisch an Boden verliert, nimmt die Bevölkerung in Frankreich also noch zu“, erklärt François Héran vom nationalen Demographie- Institut (Ined) - nach EU-Berechnungen um etwa 4 auf knapp 66 Millionen bis 2050.

„Die Geburtenziffern sind sehr viel höher bei uns als sonst in der EU, die Differenz zwischen Geburten und Todesfällen ist erheblich und liegt bei etwa 200 000“, erläutert der Fachmann Héran. Und was ist dafür ausschlaggebend, abgesehen einmal davon, dass die Millionen Einwanderer aus dem Maghreb einen stark „familienorientierten Sinn“ in die französische Gesellschaft bringen? Es sind die Beihilfen, die Steuererleichterungen und vor allem wohl die Einschulung praktisch aller Kinder im Alter von drei Jahren (99 Prozent). „So ist es auch ein Weltrekord, dass nahezu 35 Prozent der Kinder bereits zweijährig in die Ganztags-Vorschulen kommen“, hält der Demograph stolz fest.

Damit können Französinnen Familie und Beruf besser in Einklang bringen, sich also für mehrere Kinder entscheiden. Allerdings bleibt auch Frankreich von den Folgen und damit von den gesellschaftlichen Kosten der verlängerten Lebenserwartung nicht verschont. Die meisten Frauen werden erst so um die 30 Mutter, 20 Millionen Franzosen sind über 50 Jahre alt. Und die Familien mit mehreren Kindern werden doch weniger. Zwar hat sich die politische Antwort auf einen zeitweisen Rückgang der Geburtenrate in den siebziger Jahren ausgezahlt. Eine Französin bekommt heute im Schnitt 1,9 Kinder. Doch muss sie in dem Land starker Individualisten auch fest davon überzeugt sein, dass es schon den Kleinen gut tut, praktisch mit ihresgleichen aufzuwachsen.

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