Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.08.2014

12:13 Uhr

Waffenruhe abgelaufen

Israels Militär greift erneut Gaza an

Die Kämpfe im Nahen Osten flammen wieder auf: Die israelische Armee greift nach einem Raketenbeschuss durch militante Palästinenser den Gazastreifen an. Die Hamas hat zuvor die Waffenruhe nicht verlängern wollen.

Das israelische Militär rüstet sich für weitere Angriffe. dpa

Das israelische Militär rüstet sich für weitere Angriffe.

Tel AvivDie israelische Armee hat nach Raketenbeschuss durch militante Palästinenser den Gazastreifen angegriffen. Das gab das israelische Militär am Freitag wenige Stunden nach Ablauf eine dreitägigen Feuerpause bekannt. Zuvor hatten israelische Medien einen Regierungsbeamten mit den Worten zitiert, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Mosche Jaalon hätten die israelischen Streitkräfte angewiesen, die Angriffe aus Gaza mit Feuer zu erwidern.

Damit ist eine friedliche Lösung des Konflikts wieder in weite Ferne gerückt. Freitagmorgen – unmittelbar nach Ablauf der Waffenruhe zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas – schossen militante Palästinenser erneut Raketen vom Gazastreifen auf Israel ab. Das israelische Militär erklärte, am Freitagmorgen seien 18 Geschosse auf den Süden des Landes gefeuert worden. Zwei davon seien vom israelischen Abwehrsystem abgefangen worden. In Aschkelon unweit der Grenze zum Gazastreifen ertönten die Luftalarm-Sirenen.

Gaza-Extremisten bestätigten den Abschuss von zehn Raketen. Der Betrieb am Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv wurde nach Ende der Feuerpause für 45 Minuten eingestellt. Der Flughafen liegt in der Reichweite der Raketen.

Israel lehnt einem Regierungsvertreter zufolge weitere Verhandlungen über eine erneute Feuerpause ab, solange radikale Palästinenser Raketen auf den jüdischen Staat abfeuern.

Wie der Westen mit dem Gaza-Krieg umgeht

USA

Die USA sind hin und her gerissen. Zwar betont die Regierung ihre Unterstützung für Israel, doch mit der Konfliktdauer wuchs die Besorgnis. Den Beschuss einer UN-Schule nannte Washington „schandhaft“.
Das sind neue Töne; eine Abkehr von der Unterstützung Israels deutet sich aber nicht an. Auch die großen Medien berichten zwar in großer Aufmachung über die Opfer im Gazastreifen, stehen aber eher auf der Seite Israels.

Großbritannien

Großbritannien ist traditionell einer der engsten Verbündeten Israels. Stets betont London das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Auch wenn Außenminister Philip Hammond kürzlich die Lage der Bevölkerung in Gaza als „untragbar“ bezeichnete: Kritik an Israel kommt nur hinter vorgehaltener Hand.
Selbst in der Konservativen Partei ist dies vielen zu einseitig. Hammonds Staatssekretärin Sayeeda Warsi legte am Dienstag ihr Amt nieder. Sie könne die Regierungspolitik zu Gaza nicht länger stützen.

Frankreich

Die Regierung steht im Nahost-Konflikt im eigenen Land unter doppelter Beobachtung: In Frankreich gibt es nicht nur die größte jüdische Gemeinde Europas, sondern auch mit die meisten Muslime. Zu Beginn der Auseinandersetzung gab es Verständnis für das Vorgehen Israels; zuletzt wurde insbesondere die Bombardierungen der UN-Schulen heftig kritisiert.

Italien

Italien übt sich in ausbalancierten Stellungnahmen. Immerhin ist Außenministerin Federica Mogherini auch die Kandidatin der Regierung für das Amt des EU-Außenbeauftragten. Außerdem hat Italien in diesem Halbjahr die EU-Ratspräsidentschaft inne. Auch die Medien im Land halten sich eher zurück.

Spanien

Die Regierung in Madrid beschloss jüngst eine Aussetzung der Waffenexporte nach Israel und setzte sich diplomatisch aktiv für einen Waffenstillstand ein. Die Medien sind eher israelkritisch orientiert. Auch Künstler sind aktiv. So veröffentlichten unter anderem mehr als 100 Schauspieler, Musiker und Schriftsteller gemeinsam eine Stellungnahme, die Israel „Völkermord“ vorwarf.

Niederlande

In der niederländischen Politik gehen die Meinungen teils weit auseinander. Der rechtsliberale Ministerpräsident Mark Rutte ergriff eindeutig für Israel Partei und äußerte Verständnis für dessen Militäreinsatz. Daraufhin forderte ihn der einstige christdemokratische Regierungschef Dries van Agt offen auf, mehr Mitgefühl für die Palästinenser zu zeigen.
Ähnlich unterschiedlich sind die Kommentare in den Medien. Während der konservative „Telegraaf“ der Hamas die Schuld am Blutvergießen zuweist, kritisieren Blätter wie die eher linksliberale „Volkskrant“ Israel.

Türkei

Die türkische Regierung gehört zu den schärfsten Kritikern Israels und fordert ein sofortiges Ende des Militäreinsatzes. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan formulierte es drastisch: „Mit seinen Gräueltaten in Gaza hat der Terrorstaat Israel Hitler übertroffen.“
Da Erdogan sich am 10. August zum Staatspräsidenten wählen lassen möchte, spielt der Konflikt im Wahlkampf eine prominente Rolle. Auch die Opposition hat Israel kritisiert. Das Verhältnis der Türkei zu Israel ist seit Jahren angespannt.

Tschechien

Die Regierung in Prag gilt als einer der wichtigsten Verbündeten Israels in Mitteleuropa, hält sich aber mit Äußerungen zum Gaza-Konflikt zurück.

Polen

Die polnische Regierung hält sich zum Gaza-Konflikt zurück. In den Medien sind die Reaktionen gespalten: Manche Journalisten betonen, Israel werde durch die Taktik der Hamas geradezu gezwungen, zivile Ziele anzugreifen, und habe wie jeder andere Staat das Recht, sich zu verteidigen.
Andere Zeitungen werfen Israel dagegen Unverhältnismäßigkeit vor.

Vereinte Nationen

Als Chef-Diplomat ist UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bemüht, sich ausgewogen zu äußern. Stets mahnt er beide Seiten im Konflikt zur Zurückhaltung. Der israelische Beschuss einer UN-Schule empörte den UN-Chef allerdings dermaßen, dass er von seiner Linie abwich und Israel eine „moralische Schandtat“ und einen „kriminellen Akt“ vorwarf.

Ein Hamas-Vertreter erklärte, die Palästinenser hätten bei den Gesprächen mit Israel in Kairo eine Verlängerung der 72-stündigen Waffenruhe abgelehnt. Die Verhandlungen würden aber fortgesetzt. Israel hatte zuvor eine Ausweitung der Feuerpause befürwortet.

Die Palästinenser knüpften ihre Zustimmung indes an Bedingungen. Sie wollten Israel dazu bewegen, die Blockade des Gazastreifens aufzuheben, palästinensische Gefangene freizulassen und einen Gaza-Seehafen zu öffnen. Der bewaffnete Arm der Hamas warnte am späten Donnerstagabend palästinensische Unterhändler, einer Verlängerung der Feuerpause nur bei Zugeständnissen der israelischen Regierung zuzustimmen. Dafür gab es zunächst keine Anzeichen.

Israel hatte deutlich gemacht, militärisch zu reagieren, sollten erneut Raketen auf den jüdischen Stadt abgefeuert werden. In diesem Fall müsse auch ernsthaft erwogen werden, die Kontrolle über den Gazastreifen zu übernehmen, um den Sturz der Hamas-Regierung herbeizuführen, sagte der Minister für strategische Angelegenheiten, Juwal Steinitz, im Armeerundfunk.

In dem seit rund einem Monat anhaltenden Konflikt sind nach offiziellen Angaben im Gazastreifen 1875 Palästinenser getötet worden. Auf israelischer Seiten wurden 64 Soldaten und drei Zivilisten getötet.

Raketen verschiedener Reichweite im Gazastreifen

Insgesamt 10.000 Raketen

Militante Palästinenser im Gazastreifen sind nach Informationen der israelischen Armee im Besitz von etwa 10.000 Raketen mit verschiedenen Reichweiten. Die Geschosse lagerten in unterirdischen Tunneln oder seien in Wohngebäuden, Schulen und Kindergärten untergebracht. Damit sollen Angriffe erschwert und verhindert werden. Eines der Ziele der israelischen Bodenoffensive ist es, unterirdische Raketenabschussrampen in dem Palästinensergebiet zu zerstören.

Iranische Fadschr-Raketen

Bei dem Hamas-Arsenal handelt sich den Informationen zufolge vor allem um iranische Fadschr-Raketen, die eine Reichweite von etwa 80 Kilometern hätten.

Mittelschtreckenraketen

Weitere Raketen können aber auch den Norden Israels erreichen: Nach Militärinformationen befinden sich im Gazastreifen auch mehrere hundert Mittelstreckenraketen vom Typ M-302. Diese würden in Syrien gefertigt und flögen bis zu 160 Kilometer weit.

Schmuggel im Auftrag des Irans

Im Auftrag des Irans würden die Raketen in den Gazastreifen verschifft oder über den Sinai geschmuggelt. Erst im März hatten israelische Einheiten vor Sudan ein Schiff gestoppt, das offenbar Raketen vom Typ M-302 geladen hatte.

Raketenangriff in Tel Aviv

Nach eigenen Angaben hat die Hamas seit Beginn des Schlagabtauschs mit Israel den Großraum Tel Aviv täglich mit Raketen des Typs M-75 angegriffen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×