Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.10.2016

11:04 Uhr

Waffenruhe für Aleppo

Skeptische Reaktionen auf Russlands Vorstoß

Ganze acht Stunden wollen Russland und Syrien in Aleppo die Waffen schweigen lassen. Den USA ist das zu kurz, doch für eine längere Feuerpause in der schwer zerstörten Stadt stellt Moskau Bedingungen.

Feuerpause in Aleppo

„Verlasst Ost-Aleppo!“

Feuerpause in Aleppo: „Verlasst Ost-Aleppo!“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BeirutSyrien und Russland stoßen mit ihrer Ankündigung einer achtstündigen Feuerpause in Aleppo auf Misstrauen. Die USA erklärten, die Zeit sei zu kurz. Russlands UN-Botschafter Witali Tschurkin sagte, die einseitige Waffenruhe könne durch gegenseitige Absprachen auf 72 Stunden verlängert werden. Die Rebellen zeigten sich jedoch skeptisch.

Der russische Generalstabschef Sergej Rudskoj hatte angekündigt, die humanitäre Kampfpause solle am Donnerstag von acht bis 16 Uhr gelten und Zivilisten die Möglichkeit geben, über zwei sichere Korridore aus der Stadt zu flüchten. Auch Rebellen aus Aleppo sollten freies Geleit erhalten.

Dem russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu zufolge stellen Russland und Syrien außerdem ihre Luftangriffe auf Aleppo am Dienstag um 10 Uhr vorerst ein. „Die Unterbrechung ist für die achtstündige humanitäre Pause nötig, die für diesen Donnerstag geplant ist“, sagte Schoigu am Dienstag der Agentur Tass zufolge.

Die syrische Armee werde sich so weit zurückziehen, dass Kämpfer ungehindert den Ostteil von Aleppo durch zwei Korridore verlassen könnten. Für Zivilisten würden sechs Korridore geöffnet. Mit der Initiative soll zudem Militärexperten, die sich an diesem Mittwoch in Genf treffen wollten, mehr Spielraum gegeben werden, sagte Schoigu.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Regime

Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen am Mittelmeer. Syriens Armee hat allerdings viele Soldaten verloren und wird vor allem durch russische Kampfjets, iranische Kämpfer und die Schiitenmiliz Hisbollah unterstützt. Auch Verbände aus Afghanistan und dem Irak sollen aufseiten des Regimes kämpfen.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz hat in den vergangenen Monaten große Teile ihres Gebietes verloren, herrscht aber immer noch in vielen Städten entlang des Euphrats und in Zentralsyrien.

Rebellen

Unzählige Rebellengruppen kämpfen in Syrien - von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten, wie der früheren Nusra-Front. Immer wieder gehen die verschiedenen Truppen zeitweise Zweckbündnisse ein.

Kurden

Kurdische Streitkräfte beherrschen mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Sie kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime in Damaskus.

Die USA und der Westen

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt unter anderem sechs Tornados für Aufklärungsflüge.

Russland

Seit einem Jahr fliegt Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien und steht an der Seite von Machthaber Assad. Russland bekämpft offiziell den IS, greift aber den Angaben zufolge immer wieder auch moderate Rebellengruppen an, die Seite an Seite mit Dschihadisten kämpfen.

Iran

Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Nach Angaben Teherans sind Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden als militärische Berater der syrischen Armee im Einsatz.

Saudi-Arabien und die Türkei

Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern den Sturz Assads. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Der Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Die Türkei will eine größere Selbstbestimmung der Kurden in Nordsyrien verhindern.

US-Außenministeriumssprecher Mark Toner sagte indes, es sei zwar eine gute Sache, die Bombardierung der Rebellengebiete im Osten der nordsyrischen Metropole für acht Stunden zu unterbrechen. Das sei aber zu wenig und komme zu spät. Die Menschen in Aleppo seien nahezu ununterbrochen beschossen und bombardiert worden. Die Infrastruktur sei zerstört, die Bevölkerung verhungere.

Tschurkin sagte, vor einer längeren Waffenruhe müsse verhandelt werden. Er drängte erneut auf eine Trennung der radikalen Gruppe Fatah al-Scham von den übrigen Rebellen. Fatah al-Scham müsse Aleppo verlassen oder werde geschlagen. Wenn dies geschehen sei, könnten die moderaten Rebellen und die Regierung einen Waffenstillstand vereinbaren. Militärexperten der USA, Russlands, Saudi-Arabiens, Katars und der Türkei wollten über das Problem sprechen.

Feste Zusagen für eine Feuerpause machte Russland bislang allerdings nicht. Westliche Beobachter mutmaßen, dass Moskau eine Waffenruhe so lange hinauszögern will, bis Aleppo erobert ist.

Unterdessen gingen die Bombardierungen auch am Montag weiter. Bei einem Luftangriff auf das Dorf Oweidschel westlich von Aleppo wurden nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mindestens 23 Menschen getötet. Die Lokalen Koordinierungskomitees sprachen von 30 Toten.

Das Medienzentrum Aleppo berichtete von elf Toten im Stadtviertel Mardsche, darunter ein sechs Wochen altes Mädchen. Syrische Staatsmedien berichteten, bei Kämpfen in den Stadtvierteln Scheich Said und Schurfa im Süden Aleppos seien 49 Rebellen getötet oder verletzt worden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×