Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.08.2014

17:42 Uhr

Waffenruhe in Gaza

Ein Leben in Trümmern

Eine Feuerpause unterbricht den Gaza-Krieg, beendet ist er deswegen aber noch nicht. Die Einwohner von Gaza und Israel befürchten bei einem Scheitern der Friedensgespräche in Kairo neue Gewalt. Ein Stimmungsbericht.

Ein Junge spaziert durch ein Trümmerfeld. Am 1. September beginnt in Israel und in den Palästinensergebieten das neue Schuljahr. Normaler Unterricht scheint derzeit unmöglich. AFP

Ein Junge spaziert durch ein Trümmerfeld. Am 1. September beginnt in Israel und in den Palästinensergebieten das neue Schuljahr. Normaler Unterricht scheint derzeit unmöglich.

Gaza/Tel AvivAuf dem Balkon eines zerbombten Hauses flattert frisch gewaschene Wäsche auf einer Leine im Wind. Ganze Straßenzüge im Gazastreifen liegen in Schutt und Asche, doch das Leben muss weitergehen. Die Menschen in dem schmalen, dicht besiedelten Küstenstreifen am Mittelmeer gelten als Überlebenskünstler, auch unter widrigsten Umständen.

Etwa 65.000 Menschen sind nach Uno-Angaben durch die israelischen Bombardements im Gaza-Krieg obdachlos geworden. Einige von ihnen haben inmitten von Trümmerhaufen mit Tüchern und Teppichen provisorische Zelte gebaut – die wie kleine Inseln der Ruhe in einem riesigen Meer der Zerstörung wirken.

Solange Israel und die militanten Palästinenserorganisationen sich nicht auf eine nachhaltige Waffenruhe einigen, kann der Wiederaufbau im Gazastreifen nicht beginnen. Seit dem 10. August haben im Gaza-Konflikt zwar weitgehend die Waffen geschwiegen. Doch die Menschen auf beiden Seiten der Grenze trauen der Ruhe nicht, sie erwarten jederzeit einen neuen Ausbruch der Gewalt.

Wie der Westen mit dem Gaza-Krieg umgeht

USA

Die USA sind hin und her gerissen. Zwar betont die Regierung ihre Unterstützung für Israel, doch mit der Konfliktdauer wuchs die Besorgnis. Den Beschuss einer UN-Schule nannte Washington „schandhaft“.
Das sind neue Töne; eine Abkehr von der Unterstützung Israels deutet sich aber nicht an. Auch die großen Medien berichten zwar in großer Aufmachung über die Opfer im Gazastreifen, stehen aber eher auf der Seite Israels.

Großbritannien

Großbritannien ist traditionell einer der engsten Verbündeten Israels. Stets betont London das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Auch wenn Außenminister Philip Hammond kürzlich die Lage der Bevölkerung in Gaza als „untragbar“ bezeichnete: Kritik an Israel kommt nur hinter vorgehaltener Hand.
Selbst in der Konservativen Partei ist dies vielen zu einseitig. Hammonds Staatssekretärin Sayeeda Warsi legte am Dienstag ihr Amt nieder. Sie könne die Regierungspolitik zu Gaza nicht länger stützen.

Frankreich

Die Regierung steht im Nahost-Konflikt im eigenen Land unter doppelter Beobachtung: In Frankreich gibt es nicht nur die größte jüdische Gemeinde Europas, sondern auch mit die meisten Muslime. Zu Beginn der Auseinandersetzung gab es Verständnis für das Vorgehen Israels; zuletzt wurde insbesondere die Bombardierungen der UN-Schulen heftig kritisiert.

Italien

Italien übt sich in ausbalancierten Stellungnahmen. Immerhin ist Außenministerin Federica Mogherini auch die Kandidatin der Regierung für das Amt des EU-Außenbeauftragten. Außerdem hat Italien in diesem Halbjahr die EU-Ratspräsidentschaft inne. Auch die Medien im Land halten sich eher zurück.

Spanien

Die Regierung in Madrid beschloss jüngst eine Aussetzung der Waffenexporte nach Israel und setzte sich diplomatisch aktiv für einen Waffenstillstand ein. Die Medien sind eher israelkritisch orientiert. Auch Künstler sind aktiv. So veröffentlichten unter anderem mehr als 100 Schauspieler, Musiker und Schriftsteller gemeinsam eine Stellungnahme, die Israel „Völkermord“ vorwarf.

Niederlande

In der niederländischen Politik gehen die Meinungen teils weit auseinander. Der rechtsliberale Ministerpräsident Mark Rutte ergriff eindeutig für Israel Partei und äußerte Verständnis für dessen Militäreinsatz. Daraufhin forderte ihn der einstige christdemokratische Regierungschef Dries van Agt offen auf, mehr Mitgefühl für die Palästinenser zu zeigen.
Ähnlich unterschiedlich sind die Kommentare in den Medien. Während der konservative „Telegraaf“ der Hamas die Schuld am Blutvergießen zuweist, kritisieren Blätter wie die eher linksliberale „Volkskrant“ Israel.

Türkei

Die türkische Regierung gehört zu den schärfsten Kritikern Israels und fordert ein sofortiges Ende des Militäreinsatzes. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan formulierte es drastisch: „Mit seinen Gräueltaten in Gaza hat der Terrorstaat Israel Hitler übertroffen.“
Da Erdogan sich am 10. August zum Staatspräsidenten wählen lassen möchte, spielt der Konflikt im Wahlkampf eine prominente Rolle. Auch die Opposition hat Israel kritisiert. Das Verhältnis der Türkei zu Israel ist seit Jahren angespannt.

Tschechien

Die Regierung in Prag gilt als einer der wichtigsten Verbündeten Israels in Mitteleuropa, hält sich aber mit Äußerungen zum Gaza-Konflikt zurück.

Polen

Die polnische Regierung hält sich zum Gaza-Konflikt zurück. In den Medien sind die Reaktionen gespalten: Manche Journalisten betonen, Israel werde durch die Taktik der Hamas geradezu gezwungen, zivile Ziele anzugreifen, und habe wie jeder andere Staat das Recht, sich zu verteidigen.
Andere Zeitungen werfen Israel dagegen Unverhältnismäßigkeit vor.

Vereinte Nationen

Als Chef-Diplomat ist UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bemüht, sich ausgewogen zu äußern. Stets mahnt er beide Seiten im Konflikt zur Zurückhaltung. Der israelische Beschuss einer UN-Schule empörte den UN-Chef allerdings dermaßen, dass er von seiner Linie abwich und Israel eine „moralische Schandtat“ und einen „kriminellen Akt“ vorwarf.

Der 35-jährige Aiman Habusch aus dem Rimal-Viertel in der Stadt Gaza befürchtet einen bevorstehenden Zermürbungskrieg der militanten Palästinenser mit Israel. „Wir haben große Sorge, dass die Kämpfe wieder beginnen könnten, wenn es beiden Seiten nicht gelingt, sich langfristig zu einigen“, sagte er zu den indirekten Verhandlungen Israels und der Palästinenser in Kairo. Der Vater von vier Kindern hat besonders Angst vor einer neuen israelischen Bodenoffensive. Der Einsatz von Fußsoldaten in dem dicht bevölkerten Gebiet sei „extrem gefährlich und tödlich“, sagt er.

Sechs Wochen nach Beginn der israelischen Offensive im Gazastreifen halten sich noch rund 238.000 Menschen in gut 80 Uno-Schulen auf, so der Sprecher des Palästinenserhilfswerks UNRWA, Chris Gunness. „Die Hälfte der Flüchtlinge in UNRWA-Schutzeinrichtungen sind unter 18, viele davon zutiefst traumatisiert“, erklärt Gunness. „Die Kinder von Gaza haben psychische Verletzungen erlitten und brauchen Hilfe, weil sie grauenvolle Gewalt miterlebt haben.“ Uno-Psychologen seien daher rund um die Uhr im Einsatz.

Am 1. September beginnt in Israel und in den Palästinensergebieten das neue Schuljahr. In den Uno-Schulen im Gazastreifen, wo sich weiter die Flüchtlinge drängen, dürfte normaler Unterricht kaum möglich sein.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×