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05.08.2014

21:42 Uhr

Waffenruhe in Nahost

Die Feuerpause soll Fortschritt bringen

In Nahost sollen drei Tage lang die Waffen schweigen. Was kann in der Zeit erreicht werden, neben notdürftiger Versorgung der Menschen in Gaza? Die Blicke gehen nun nach Kairo, wo Gespräche den Durchbruch bringen sollen.

Trümmer in Gaza: Was nach dem 50 tägigen Konflikt zwischen Israel und dem Gaza-Streifen bleibt. ap

Trümmer in Gaza: Was nach dem 50 tägigen Konflikt zwischen Israel und dem Gaza-Streifen bleibt.

Gaza/ Tel AvivVier Wochen nach Beginn des Gaza-Krieges wachsen die Hoffnungen auf ein Ende des Blutvergießens. Eine von Ägypten vermittelte Waffenruhe wurde bis Dienstagabend sowohl von Israel als auch von den militanten Palästinensern eingehalten. Noch vor Beginn der Waffenruhe um 8 Uhr Ortszeit (7 Uhr MESZ) hatten sich die israelischen Truppen aus Gaza zurückgezogen. Moti Almos, Sprecher der Armee, sagte im israelischen Rundfunk, die nächsten Tage seien „ein Test“.

Unter ägyptischer Vermittlung könnte nun ein Rahmen für eine dauerhafte Waffenruhe ausgehandelt werden. Dazu sollen Delegationen Israels und der Palästinenser indirekte Gespräche in Kairo führen.

„Ich hoffe, dass es gelingt, die Feuerpause zu verlängern und verstetigen, damit das unendliche Leid der Zivilbevölkerung endlich ein Ende hat“, erklärte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Berlin. „Die Bilder der vielen getöteten und verletzten Kinder sollten ein Weckruf für alle sein.“ Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon begrüßte die Vereinbarung der Feuerpause.

Das Tunnelsystem der Hamas

Das Hauptziel Israels

Eines der Hauptziele der israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen ist das weit verzweigte Tunnelsystem der Hamas. Die radikal-islamische Organisation hat unter ihrem Herrschaftsgebiet Hunderte dieser unterirdischen Gänge gegraben. Sie verlaufen zumeist im Grenzgebiet zu Israel und Ägypten – vor allem in der Nähe des Rafah-Grenzübergangs – und dienen unterschiedlichen Zwecken. Auch zwischen Häusern im Inneren des Gazastreifens verlaufen Tunnel, die als Fluchtwege für militante Kämpfer dienen. Die gesamte Führung der Hamas versteckt sich nach israelischen Informationen seit Beginn der Offensive am 8. Juli in unterirdischen Betonbunkern.

Zerstörte Tunnel

Ägypten hat bisher nach Militärangaben rund 1400 Tunnel zerstört, die in den Gazastreifen führten. Auch das israelische Militär spürt immer wieder unterirdische Tunnel auf. Israels Armee hat nach eigenen Angaben seit Beginn der Offensive im Gazastreifen am 8. Juli 230 Mal unterirdische Tunnel angegriffen.

Zweck der Tunnel

Die in Richtung des israelischen Staatsgebiets gegrabenen Tunnel dienen vor allem Terrorzwecken. Durch die Gänge, die oft in monatelanger mühsamer Arbeit ausgehoben und mit Zement verstärkt werden, können bewaffnete Kämpfer über die Grenzen geschleust werden, um Anschläge zu verüben. Ein weiteres Ziel ist die Entführung von Israelis, bevorzugt Soldaten. Durch einen solchen Tunnel wurde 2006 auch der Grenzsoldat Gilad Schalit in das Palästinensergebiet verschleppt.

Ägypten und die Tunnel

Die im Grenzgebiet zu Ägypten gegrabenen Tunnel dienten jahrelang als Schmugglerwege und damit als „Lebensader“ des blockierten Palästinensergebiets. Mit der Entmachtung der mit der Hamas verbündeten Muslimbruderschaft vor einem Jahr begann Ägypten jedoch massiv gegen diese Tunnel vorzugehen und sie zu zerstören. Ägypten wirft der Hamas vor, zusammen mit der Muslimbruderschaft das Land zu destabilisieren.

Zerstörungsmöglichkeiten der Tunnel

Die Zerstörungsmöglichkeiten mit Luftangriffen seien begrenzt, betonte Israel vor Beginn der Bodenoffensive immer wieder. Die nach Israel führenden Tunnel würden meist erst im letzten Moment entdeckt, wenn die palästinensischen Kämpfer aus dem Ausgang herauskommen, erklärte der frühere Leiter des Einsatzkommandos der israelischen Streitkräfte, Israel Ziv. Es gebe auch ein ausgeklügeltes System mit Strom und Belüftung um die Tunnel herum. „Sobald man den Boden kontrolliert, kann man die Tunnel effektiv bekämpfen“, sagte er.

Die einen Monat dauernde Offensive Israels hat im Gazastreifen schwere Zerstörungen hinterlassen. 65.000 Menschen haben nach UN-Angaben keine Bleibe mehr. Rettungskräfte begannen am Dienstag damit, Leichen aus Trümmerbergen zu bergen.

Der palästinensische Außenminister Riad Malki traf sich mit Fatou Bensouda, Chefanklägerin beim internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, um Möglichkeiten einer Anklage Israels wegen Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg zu erörtern. Er kündigte an, dass Palästina noch in diesem Jahr die Mitgliedschaft beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) beantragen werde.

Nach Beginn der Waffenruhe strömten viele Bewohner des Gazastreifens zurück in ihre Wohnviertel. „Die Menschen beginnen, die UN-Schutzräume zu verlassen“, sagte der Sprecher des UN-Palästinenserhilfswerks UNRWA, Chris Gunness. Mit 267.970 Flüchtlingen in 90 UN-Schutzräumen sei „zum ersten Mal ein leichter Rückgang der Zahlen“ zu verzeichnen. Humanitäre Einrichtungen wollen nun die Versorgung notleidender Palästinenser verbessern.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu begrüßte die Zerstörung von 32 Hamas-Tunneln im Grenzgebiet. „Es gibt keine hundertprozentige Erfolgsgarantie, aber wir haben alles getan, um das bestmögliche Resultat zu erzielen.“

Kommentare (2)

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Herr peter Spirat

05.08.2014, 20:34 Uhr

"Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, mußt du nur herausfinden, wen du nicht kritisieren darfst". Voltaire
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hier kann man es umformulieren:

"wenn du wissen willst, wer die Medien beherrscht, mußt du nur herausfinden, wen du nicht kritisieren darfst".

Danke an den Leser-Beitrag hier im HB.

Frau Bärbel Meier

06.08.2014, 14:02 Uhr

Was Israel betreibt ist Völkermord und das hat gewiß nichts mit Antisemitismus zu tun wenn man dieses kritisiert. Israel macht mit den Palistinänsern nichts anderes wie Hitler-Deutschland im Warschauer Ghetto.
Und auch Deutschland sollte dagegen protestieren und nicht immer vom Recht Israels auf Selbstverteidigung reden, denn das hat schon nichts mehr mit Selbstverteidigung zu tun.
Irgendwann beißt ein ständig geprügelter Hund nämlich auch mal zurück.

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