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22.04.2012

10:58 Uhr

Wahl in Frankreich

Die Rache der Kleinen

VonGero von Randow
Quelle:Zeit Online

Viel versprochen, nichts gehalten - Frankreich hat nicht nur von Nicolas Sarkozy genug. Ein politischer Reisebericht aus dem Nachbarland, das seinem Präsidenten bei der Wahl heute die Rechnung präsentiert.

Michel Sieurin beugt sich vor, legt den Hammer aus der Hand und senkt die Stimme: „Vor fünf Jahren habe ich Nicolas Sarkozy gewählt, heute ist mir das peinlich. Ich fand den Slogan gut: Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen. Aber für die kleinen Leute hat er nichts getan, er ist der Präsident der Reichen.“ Die Tür zur kleinen Werkstatt öffnet sich, eine alte Dame bringt ihre Schuhe zur Reparatur. Seit 25Jahren ist Sieurin der Schuster von Montivilliers, einer nordfranzösischen Kleinstadt in der Nähe von Le Havre.

„Der Antisarkozysmus ist ein Phänomen der Pariser Elite“, hatte Carla Bruni-Sarkozy unlängst behauptet. So steht es auch in der regierungsfreundlichen Presse: Die Pariser Literaten und Journalisten und Intellektuellen seien gegen Sarkozy, aber die „schweigende Mehrheit“ da draußen, die denke anders. Das erzählt auch der Betroffene selbst, der - Überraschung! - auf Reisen in die Provinz auf lauter Fans trifft. Aber vielleicht hätte Sarkozy mal mit jemandem wie dem Schuster von Montivilliers reden sollen.

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Am Sonntag wählt Frankreich seinen Präsidenten. Sarkozy wird wohl nicht im Amt bleiben.

Der 56-jährige Sieurin war als junger Mann Metallarbeiter, organisiert in der klassenkämpferischen Gewerkschaft CGT, „und 1981, als mit Mitterrand die Linke an die Macht kam, hatte ich Wunder erwartet“. Die Linke ging, der Kapitalismus blieb. Sieurin sah noch vieles vergehen. Seine Träume von einer solidarischen Gesellschaft. Seinen Job als Autoschlosser und mit ihm Tausende andere Industriearbeitsplätze in der Region. „Jetzt, in der Krise, geht das wieder los. Außerdem schließen die Läden, der Blumenhändler ist schon weg.“

Am 22. April stimmen die Franzosen darüber ab, wer Präsident werden soll, am 6. Mai ist Stichwahl. Michel Sieurin wird vielleicht leere Stimmzettel abgeben. Der Sozialist François Hollande ist für ihn „auch bloß ein Liberaler“ - das Wort bezeichnet in Frankreich den verhassten Wirtschaftsliberalismus. Der stramm linke Kandidat Jean-Luc Mélenchon ist dem Schuster zu aggressiv, und die radikalen Nationalisten der Marine Le Pen kommen prinzipiell nicht infrage. Für manche meiner Freunde schon“, sagt Sieurin. „Die sind wütend und wollen das zeigen. Faschisten sind sie nicht.“

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„Möglichst wenig arbeiten für möglichst viel Geld“, lautet sein Motto. Der Arbeiter-Kandidat Philippe Poutou zählt zu den Exoten bei Frankreichs Präsidentenwahl. Und der Anti-Kapitalist hat es schon weit gebracht.

Montivilliers hat 16700 Einwohner und ist ein Städtchen wie viele andere. Nach Paris fährt man zweieinhalb Stunden, aber kulturell gesehen liegt die Hauptstadt Lichtjahre entfernt. Paris, das ist öffentliche Konfrontation, Debatte allenthalben, ein nervöses Zentrum. Das Frankreich der Provinzen hingegen tickt anders. Hier bilden sich Meinungen im Stillen, im Kreis der Familie, Freunde, Vereine. Hier zählt das Wort des Lehrers, des Arztes, des Anwalts. Dieses Frankreich wird die Wahl entscheiden.

Die Geografie des Landes verändert sich. Geringverdiener und Langzeitarbeitslose ziehen in die Kleinstädte und aufs Land. In den Großstädten haben sie oft nur die Wahl zwischen teuren Wohngegenden und unsicheren Ghettos; in ihrer neuen Welt kommt es schlimmstenfalls so: ein kleines Haus auf Pump, Gärtchen für Obst und Gemüse, zu Monatsbeginn Sozialhilfe, am Monatsende Armenküche, aber immerhin kann man sich abends überall auf die Straße wagen. „Hier ist es ruhig“, lautet die erste Antwort, fragt man Einwohner von Montivilliers nach Pluspunkten ihres Wohnorts.

Kommentare (11)

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Der_Henker

22.04.2012, 11:44 Uhr

Den Franzosen wird es ergehen wie den Spanienern .

Rajoj ist damals auch als Wunderprediger aufgetreten u.das Volk hat ihn blind gewählt ,aber es war ein Blindgänger.

Auch den Franzosen droht das gleiche Schicksal ,Hollande
wird dem Volk nicht das liefern was er verspricht .

Alle wollen immer nur die MACHT wie Merkel u. das Volk
schickanieren ,aber wer regiert denn für das Volk !

Aus einer Demokratie wird eine Diktatur !

Die Franzosen werden sich noch wundern ,welche radikalen Daumenschrauben auf sie warten durch Hollande .

Bert

22.04.2012, 12:25 Uhr

"Ein politischer Reisebericht aus dem Nachbarland, dasS seinem Präsidenten bei der Wahl heute die Rechnung präsentiert."

Rechtschreibung scheint aus der Mode zu kommen ;-)

Robbi

22.04.2012, 12:35 Uhr

Die Franzosen haben hoffentlich noch nicht vergessen,wo sie die Guillotine hingestellt haben.

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