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25.10.2013

11:40 Uhr

Wahlen

Der Stinkefinger spricht den Tschechen aus der Seele

VonHans-Peter Siebenhaar

Die Tschechen wählen ein neues Parlament. Doch viele Bürger sind nach den Skandalen der politischen Klasse nur noch frustriert. Das ist die Chance für die populistische Opposition.

Auf einem Floss ragt ein violetter, zehn Meter hoher Stinkefinger des tschechischens David Cerny in den herbstlichen Himmel über Prag. AFP

Auf einem Floss ragt ein violetter, zehn Meter hoher Stinkefinger des tschechischens David Cerny in den herbstlichen Himmel über Prag.

WienDas ist kein schöner Anblick in Prag. Auf einem Floss ragt ein violetter, zehn Meter hoher Stinkefinger des tschechischen Künstlers David Cerny in den herbstlichen Himmel. Die politische Kunst auf der Moldau, zu Füßen der Prager Burg, spricht vielen Tschechen in diesen Tagen aus der Seele. Sie haben für die vorgezogenen Parlamentswahlen, die Präsident Milos Zeman erzwungen hat, nur Verachtung übrig. „Der Stinkefinger richtet sich gegen Zeman und gegen die politische Richtung. Der Künstler bringt den Verdruss zum Ausdruck“, sagte ein politischer Analyst aus Prag dem Handelsblatt.

An Freitag und Samstag sind die Wähler des über acht Millionen großen Landes aufgerufen, ein neues Parlament für die nächsten vier Jahre zu wählen. Nach den letzten Umfragen zeichnet sich ein Linksruck ab. Demnach kommen die Sozialdemokraten (CSSD) nach einer Prognose im Auftrag des tschechischen Fernsehens auf 28,5 Prozent. Der 42-jährige Parteichef Bohuslav Sobotka wäre somit auf die Duldung seiner Regierung durch die kommunistische Partei KSCM angewiesen. Auch eine Koalition wäre nach Meinung von Beobachterin in Prag eine Option. Den Kommunisten werden nach den jüngsten Umfragen 12,5 Prozent der Stimmen zugetraut.

Die KSCM präsentiert sich als eine Protestpartei für die Zu-kurz-Gekommenen. „Viele Menschen im ländlichen Bereich lernen die Früchte der europäische Integration kennen und sind daher empfänglich für die Botschaften der Kommunisten“, sagt der politische Analyst. Eine Stimme für die Kommunisten sei ein „Ausdruck des Protests“. Der KSCM-Parteichef Vojtech Filip gilt als politischer Betonkopf. Er fordert den Austritt der Tschechischen Republik aus der NATO. Darin unterscheiden sich die Kommunisten von den Sozialdemokraten. Der tschechische Präsident Zeman hatte sich frühzeitig für eine sozialdemokratische Regierung mit kommunistischer Duldung ausgesprochen.

In Prag sorgen unterdessen populistische Parteien für eine Verunsicherung. Seit der Revolution von1989 hat die Frustration der Bürger in dem EU-Land ein Ausmaß angenommen wie niemals zuvor. Für die Politiker haben viele nur noch Hohn und Spott übrig. Immer wieder gibt es skurrile Kampagnen in diesem emotionalen Wahlendspurt. „Plappermaul, Faulpelz und untreuer Ehemann“ heißt es auf Plakatwänden in Südmähren über den Vize-Chef der Sozialdemokraten, Michal Hasek. Der CSSD-Politiker ist stinksauer: „Das ist eine ungeheuerliche Schweinerei.“

Ein Profiteur der Enttäuschung könnte die neue Partei ANO des Milliardärs Andrej Babis werden. „Mit ehrlicher Arbeit zu Milliarden“ lautet der sarkastische Slogan einer Kampagne des 59-Jährigen. Trotz eines schrillen Wahlkampfes könnte der populäre Babis für eine Überraschung am Wochenende sorgen. Ähnlich wie der Newcomer und Milliardär Frank Stronach in Österreich könnte er mit seiner populistischen Mitterechtspartei auf Anhieb den Sprung ins Parlament schafften. Ihm werden über zehn Prozent zugetraut. In Tschechien gilt die Fünf-Prozent-Schwelle.

Kommentare (7)

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DieZukunft

25.10.2013, 11:56 Uhr

"Mit ehrlicher Arbeit zu Milliarden“ lautet der sarkastische Slogan einer Kampagne des 59-Jährigen.
...
Ihm werden über zehn Prozent zugetraut. "

was ich nicht lache! "Zugetraut" heißt es heute! na passt auch - das Geld funktioniert heute ja auch nur durchs Zutrauen...
Mal ehrlich: in Tschechien wissen die Leute ganz genau, dass KEINER da mit ehrlicher Arbeit an Milliarden kam!

pendler

25.10.2013, 11:58 Uhr

Ich selbst habe viele Jahre in Praha gewohnt und musste immer wieder feststellen, dass sich die Tschechen etwas schwer mit der Realität tun. Im letzten WK sind fast ohne Schaden durch die Jahre gekommen. Doch am Kriegsende haben sie sich mega schlimm an der deutschen Bevölkerung vergriffen. Massaker waren der Normalfall. Und noch heute leiden die Tschechen unbewusst an dem begangenen Unrecht. „Projektion“ wäre hierfür der korrekte Begriff.

Im Gegensatz dazu haben die Slowaken extrem aus alle dem gelernt. Sie wissen sehr wohl, dass wir Deutschen und Österreicher ihre wahren Freunde sind und arbeiten extrem kooperativ mit westlichen Experten zusammen. Dabei haben die Tschechen immer über die dummen Slowaken gelacht und im Rahmen der Trennung der ehemaligen Tschechoslowakei haben die Tschechen die Slowaken echt böse ausgetrickst. Trotzdem sind die Slowaken die eigentlichen Gewinner.

Ich wünsche unsere CD-Nacbarn wirklich, dass sie endlich von ihrer Arroganz wegkommen und endlich von ihren südlichen Brüdern, den wirklich intelligenten Slowaken etwas lernen.

FreundHein

25.10.2013, 12:31 Uhr

wieso wird so ein vor Fehlern kaum lesbarer Artikel nicht mal nachträglich gebessert?
Absolute Zumutung!
Vielleicht sollte das Floß auch mal den Rhein runterschippern. Kann man von der Kasernenstraße auf den Rhein blicken? Ich war da noch nicht drin, kann aber noch kommen… ;-)

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