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04.10.2014

13:08 Uhr

Wahlen in Brasilien

Herz ist Trumpf

VonAlexander Busch

Die brasilianische Präsidentschaftswahl ist völlig offen. Amtsinhaberin Rousseff liegt zwar in Umfragen vorn. Doch bei einer Stichwahl könnte die Stunde der Herausforderin schlagen. Diese hat einen großen Vorteil.

Wahlplakat von Marina Silva: Favoritin der Wirtschaft. Reuters

Wahlplakat von Marina Silva: Favoritin der Wirtschaft.

São PauloSchon länger tanzt die brasilianische Börse nach dem Rhythmus der Wahlumfragen: Steigen die Chancen, dass Präsidentin Dilma Rousseff weitere vier Jahre im Amt bleibt, stürzt die Bovespa in São Paulo ab. Die Präsidentin ist in der Wirtschaft und bei den Investoren höchst unbeliebt. Als es zwischenzeitlich so aussah, als ob Rousseff sogar schon im ersten Wahlgang siegen könnte, brach an der Börse das Entsetzen aus: 30 Prozent verlor der Ölkonzern Petrobras innerhalb weniger Tage an Wert, der Leitindex gab allein im September zwölf Prozent nach.

Doch der Eindruck täuscht: Es ist noch lange nicht sicher, dass Rousseff tatsächlich im Amt bestätigt wird. Sollte es zu einer Stichwahl kommen, dann haben ihre beiden Kontrahenten, die Umweltaktivistin und mehrfache Senatorin Marina Silva und der konservative Ex-Gouverneur und Senator Aécio Neves, durchaus Chancen, Rousseff aus dem Palast der Morgenröte in Brasília zu verjagen. Denn im zweiten Wahldurchgang werden die Karten neu gemischt. Und vor allem wird der Amtsinhaberin Rousseff ein Vorteil genommen.

Bisher dominiert die Präsidentin das Fernsehen mit 12 Minuten kostenloser Werbung täglich. Deren Länge bemisst sich nach der Stimmenzahl der jeweiligen Koalition. Da Rousseff mit ihrer Arbeiterpartei PT nach zwölf Jahren an der Macht ein Dutzend Parteien um sich versammelt hat, hat sie die mit Abstand größte Präsenz im TV. Die Umweltaktivistin Marina Silva hat gerade mal zwei Minuten zur Verfügung. Doch bei der Stichwahl ändern sich die Verhältnisse: Dann erhalten beide Kandidaten die gleiche Sendezeit.

Dabei könnten die Oppositionskandidaten davon profitieren, dass rund 40 Prozent der Wähler auf jeden Fall verhindern wollen, dass die Rousseff an der Macht bleibt. Der Anteil derjenigen, die unter keinen Umständen einen der Gegenkandidaten wählen würden, ist deutlich geringer.

„Das liegt vor allem daran, dass die meisten Brasilianer einen Wechsel der Regierung wollen“, sagt Márcia Cavallari, Direktorin des renommierten Umfrageinstituts Ibope Inteligência. In den Zahlen wird das ganz deutlich: Quer durch alle Lager wünschen sich 70 Prozent der Brasilianer einen politischen Wandel. Sie haben die Korruption satt, die hohen Lebenshaltungskosten, das schlechte öffentliche Transportsystem, das Chaos in den Krankenhäusern, das mangelhafte Bildungssystem, die fehlende Sicherheit. Dafür gingen sie vor einem Jahr zu Hunderttausenden auf die Straße – doch geändert hat sich nichts.

Dafür waren sie nur allzu gern bereit, Marina Silva, die unverhofft zur Präsidentschaftskandidatin wurde, zu unterstützen. Sie war nachgerückt, nachdem der eigentliche Spitzenkandidat der Sozialisten, Eduardo Campos, Mitte August bei einem Flugzeugabsturz starb. In wenigen Wochen nur schloss die Umweltaktivistin in den Umfragen zu Rousseff auf und ließ den anderen Oppositionskandidaten Neves weit hinter sich.

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