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24.05.2014

09:50 Uhr

Wahlen in der Ukraine

Das kleinere Übel

VonHelmut Steuer

Einen Tag vor den Wahlen in der Ukraine ist die Tendenz klar. Milliardär Poroschenko führt die Umfragen haushoch an. Doch die Kraft der Maidan-Bewegung scheint am Ende – nur wenige glauben noch an eine neue Ukraine.

dpa

KiewDas Plakat in der Nähe des Unabhängigkeitsplatzes in Kiew ist verblichen. Die Sonne hat ihren Preis gefordert, Wind und Regen haben ihm zudem zugesetzt. Trotzdem lässt sich die ursprüngliche Botschaft noch erahnen, „Leben auf eine andere Art“, steht da neben dem Konterfei von Petro Poroschenko. Er will den Neuanfang, will seine Landsleute davon überzeugen, dass ein Leben mit dem Zahlen von Steuern, aber ohne Korruption ein besseres ist. Stabilität und tiefgreifende Reformen der maroden Wirtschaft verspricht er. Viele Menschen glauben ihm und sehen in ihm die allerletzte Chance für einen Neuanfang.

Der 48-jährige Petro Poroschenko führt nach letzten Umfragen haushoch vor seinen Konkurrenten. Der Schokoladenfabrikant erhält demnach rund 47 Prozent der Stimmen, gefolgt von Sergej Tihipko (10,6 Prozent) und der ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko (10,4 Prozent).

Sollten sich diese Umfrageergebnisse am Sonntag bewahrheiten, würde es einen zweiten Wahlgang geben müssen, da Poroschenko die absolute Mehrheit knapp verfehlt hätte. „Ich hoffe, er schafft es schon im ersten Durchgang“, sagt eine ältere Frau auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum von Kiew.

Der eskalierende Machtkampf in der Ostukraine

Nach dem Sturz...

... der moskautreuen Führung in Kiew und dem Anschluss der Krim an Russland ist der Konflikt um die mehrheitlich russischsprachige Ostukraine eskaliert.

Erste Ausschreitungen...

... gibt es am 6. April. Bei Demonstrationen in der Ostukraine gibt es massive Ausschreitungen. Moskautreue Aktivisten besetzen Verwaltungsgebäude in den Millionenstädten Charkow und Donezk.

Die Besetzer...

... fordern am 7. April erstmalig Referenden über eine Abspaltung der Ostukraine von Kiew und rufen eine souveräne Volksrepublik aus. In weiteren Orten werden Gebäude besetzt.

Ein „Anti-Terror-Einsatz“...

... am 13. April gegen Separatisten in Slawjansk fordert Tote und Verletzte. In Charkow werden bei Zusammenstößen von Gegnern und Anhängern einer Annäherung an Russland Dutzende verletzt.

Barack Obama...

... telefoniert am 14. April mit Kremlchef Wladimir Putin. Der US-Präsident äußert sich darin besorgt darüber, dass Moskau die prorussischen Separatisten unterstütze. Putin bestreitet eine Einmischung.

Ein Friedensplan...

... wird am 18. April bei einem internationalen Treffen in Genf beschlossen. Wichtigster Punkt: Die Separatisten sollen die Waffen niederlegen und besetzte Gebäude räumen.

Mit Panzern und Hubschraubern...

... gehen Regierungstruppen am 24. April bei Slawjansk gegen Separatisten vor. Putin verurteilte den Einsatz der ukrainischen Armee als „sehr ernstes Verbrechen“, das „Folgen“ für die Regierung in Kiew haben werde.

Militärbeobachter der OSZE...

... werden am 25. April von Separatisten in deren Gewalt gebracht, darunter sind vier Deutsche. In Slawjansk beschuldigt der örtliche Separatistenführer Wjatscheslaw Ponomarjow die Gruppe der Spionage.

Zurschaustellung der Geiseln...

...am 27. April. Die OSZE-Geiseln werden von Ponomarjow der Presse vorgeführt. Sie sollen gegen inhaftierte Separatisten ausgetauscht werden.

Neue Sanktionen...

... gegen Moskau verhängen die EU und die USA am 28. April aus Verärgerung über das Vorgehen Russlands gegen Moskau. Am selben Tag wird in Charkow der Bürgermeister durch einen Schuss schwer verletzt. Auf dem Militärflugplatz Kramatorsk beschießen Unbekannte Regierungseinheiten.

Die prorussischen Militanten...

... besetzen 30. April in Lugansk und Gorlowka weitere Gebäude. In Kiew räumt Übergangspräsident Alexander Turtschinow ein, die Kontrolle über Teile des Landes verloren zu haben.

Der Gegenschlag...

... von Kiew erfolgt am 2. Mai. Truppen der ukrainischen Armee, der Nationalgarde und des Innenministeriums gehen in Slawjansk und Kramatorsk massiv gegen die Separatisten vor.

Hier hatte alles angefangen, Ende November vergangenen Jahres. Hier hatten sich zehntausende Menschen versammelt und den Rücktritt von Präsident Viktor Janukowitsch gefordert. Hier war es nach wochenlangen Protesten in eisiger Kälte Ende Februar zu den Todesschüssen gekommen, denen mindestens 100 Menschen zum Opfer fielen. Hier hatte sich die ganze Wut der Menschen über die Plünderung ihres Landes der durch und durch korrupte Führung entladen.

Die Zelte stehen noch, wie die Barrikaden aus Autoreifen, Steinen und Holz. „Wir warten auf jeden Fall noch die Wahlen ab“, sagt Oleg Pikusj, der mit ganz kurzen Unterbrechungen seit Dezember auf dem Maidan zuerst der Kälte und der Lebensgefahr, später dem spürbar abnehmenden Enthusiasmus vieler Kiewer getrotzt hat. Kamen im Februar noch Tausende fast täglich direkt nach der Arbeit zum Maidan, herrscht hier heute eher Revolutionstourismus. Ganze Heerscharen mit Kameras bewaffneter Skandinavier, Japaner und Deutscher suchen zwischen den Stapeln mit Pflastersteinen nach dem richtigen Schuss.

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