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20.01.2015

15:06 Uhr

Wahlen in Griechenland

Eine Stimme, fünfzig Sitze

Können sich die Linken durchsetzen? Kommt es gar zum „Grexit“ aus dem Euro? Am Sonntag wählt Griechenland, ein Thriller der die ganze Euro-Zone in Atem hält. Eine Besonderheit des Wahlrechts könnte den Ausschlag geben.

Wenn Griechenland Europa wählt, dann unter den Augen eines angespannten Europas. dpa

Wenn Griechenland Europa wählt, dann unter den Augen eines angespannten Europas.

Athen/BerlinWenn die Griechen am Sonntag ein neues Parlament wählen, blickt die gesamte Euro-Zone auf das Mittelmeerland mit gerade einmal elf Millionen Einwohnern. Kippt bei einem Wahlsieg der linken Syriza auch der heftig umstrittene Reformkurs? Folgt gar der „Grexit“ - ein Ausscheiden des Landes aus dem Euro? Der Ausgang des Urnengangs ist nicht nur wegen des zersplitterten Parteiensystems schwer vorherzusehen, sondern auch wegen des „verstärkten Verhältniswahlrechts“ in Griechenland:

Konkurriert wird um 300 Sitze im Athener Parlament. Das Besondere: Die stärkste Partei bekommt als Bonus zu ihren regulär errungenen Mandaten einen Aufschlag von 50 Sitzen. Das soll für klare Verhältnisse sorgen. Theoretisch könnte eine einzige Stimme darüber entscheiden, wer den Zuschlag bekommt.

Anders als in Deutschland haben die griechischen Wähler nur eine Stimme. Um ins Parlament zu kommen, müssen die Parteien eine Drei-Prozent-Hürde überspringen. Dies gelang bei der Wahl im Juni 2012 acht Parteien. Ihr Spektrum reichte von der neo-faschistischen Goldenen Morgenröte bis zur kommunistischen KKE.

Spannend wird aber nicht nur, welche Gruppierungen ins Parlament einziehen, sondern auch die prozentuale Stärke der Parteien, die außen vor bleiben. Denn davon hängt ab, ob der Wahlsieger - inklusive Bonus - die absolute Mehrheit von 151 Sitzen erringt oder nicht. Dabei gilt: Der für die absolute Mehrheit benötigte Prozentsatz ist um so niedriger, je höher der Anteil der Parteien ist, die es nicht ins Parlament schaffen.

Was der „Grexit“ bedeuten würde

Worum geht es?

Dem griechischen Parlament ist es nicht gelungen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Deshalb stehen am 25. Januar Neuwahlen an. Nach Umfragen könnte die linkspopulistische Partei Syriza die künftige Regierung anführen. Deren Chef Alexis Tsipras gilt als Gegner der Sparauflagen der Troika aus Europäischer Zentralbank (EZB), Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU-Kommission. Er will im Falle eines Wahlsieges Griechenlands Sparpolitik beenden und einen Schuldenerlass verlangen. Die Griechen könnten keine Sozialkürzungen mehr ertragen. (Quelle: dpa)

Wie reagiert das Ausland?

Die Bundesregierung pocht auf Erfüllung griechischer Spar- und Reformzusagen. Man erwarte von der griechischen Regierung – „egal wer sie stellt – dass die mit der EU getroffenen Vereinbarungen eingehalten werden“, sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (Montag). Mit anderen Worten: Hält sich Athen nicht an die Vereinbarungen, dreht die Troika den Geldhahn zu.

Was würde das bedeuten?

In der Folge würde die EZB griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheiten für Zentralbankgeld akzeptieren, so dass griechische Banken von der Versorgung mit Euro abgeschnitten würden. Das könnte das Ende Griechenlands als Mitglied des Währungsraums bedeuten. Das Land müsste eine eigene Währung einführen, die schwächer als der Euro wäre. Das würde die Rückzahlung von Schulden zusätzlich erschweren.

Kann Europa Griechenland aus der Eurogruppe werfen?

Nein. Das sehen die europäischen Verträge nicht vor. Deshalb wird wieder vermehrt über einen „Grexit“ diskutiert: Das Wort setzt sich aus „Greece“ und „exit“ zusammen und meint, dass Griechenland selbst seinen Austritt aus der Eurozone erklärt. Auch das wäre Neuland für das Eurosystem, das für einen solchen Schritt keine Regelungen kennt. Auch deshalb warnen Ökonomen wie Clemens Fuest, Chef des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW): „Ein Austritt wäre mit erheblichen Risiken behaftet, vor allem für Griechenland selbst, aber auch den Rest der Eurozone.“ Er würde es daher vorziehen, wenn Griechenland im Euroraum bliebe und seine Reformanstrengungen verstärke, sagte Fuest der „Rheinischen Post“ (Montag).

Was würde der „Grexit“ Deutschland kosten?

SPD-Fraktionsvize Carsten Schneider schätzt, dass ein Euro-Austritt Griechenlands Deutschland 30 Milliarden Euro oder mehr kosten könnte. „Wir haben fast 240 Milliarden an Krediten an Griechenland gegeben, um sie zu stabilisieren und im Euro zu halten“, sagte Schneider der Deutschen Presse-Agentur. Bei einem Umstieg auf die Drachme könne Athen das nicht zurückzahlen.

Nach Commerzbank-Berechnungen summieren sich die Schulden Griechenlands bei den europäischen Partnern, dem IWF und der EZB auf gut 257 Milliarden Euro. Diesen Berg könnte das Land im Falle eines Austritts nicht mehr abtragen. „Die Politiker in Geberländern wie Deutschland müssten ihren Wählern erklären, dass die Hilfskredite anders als stets behauptet verloren sind“, kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Das wäre sehr unpopulär und würde eurokritische Parteien wie die AfD stärken.“

Wie groß ist die Gefahr, dass die Euro-Schuldenkrise zurückkehrt?

Experten halten das Risiko eines Flächenbrands für gering - auch deshalb, weil ausländische Banken ihr Engagement in Griechenland in den vergangenen Jahren tendenziell verringert haben. Die Bundesregierung hält einen „Grexit“ einem „Spiegel“-Bericht zufolge inzwischen für verkraftbar. Denn anders als beim Schuldenschnitt 2012 haben EU und EZB inzwischen Brandmauern eingezogen. Dazu gehört der Europäische Stabilitäts-Mechanismus (ESM), der Staaten im Notfall mit bis zu 500 Milliarden Euro beispringen kann. Die EZB hat ihre Geldpolitik extrem gelockert und versprochen, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu retten. Dadurch ist Vertrauen an den Finanzmärkten zurückgekehrt. Zudem haben Länder wie Spanien, Irland oder Portugal Reformen durchgesetzt, ihre Volkswirtschaften gesunden.

Wie wahrscheinlich ist der „Grexit“?

Das kann niemand vorhersagen. Noch gehen Ökonomen eher davon aus, dass Syriza die Wahlen entweder verlieren und die bisherige Regierung unter der Führung der konservativen „Neuen Demokratie“ Strukturreformen und Haushaltskonsolidierung fortsetzen wird – oder dass Tsipras zwar die Wahl gewinnt, dann aber von Wahlversprechen abrückt. „Er verspricht, Geld auszugeben, das er nicht hat und das ihm niemand leihen würde“, erklärt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schätzt das „Grexit“-Risiko auf 30 Prozent.

Würden die an der Drei-Prozent-Hürde gescheiterten Parteien zum Beispiel gemeinsam auf elf Prozent kommen, würden schon 36 Prozent für die absolute Mehrheit im Parlament reichen. Kommen die "Sonstigen" insgesamt auf 15 Prozent der Stimmen, reichen für die absolute Mehrheit der Mandate bereits 34,5 Prozent aus.

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