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01.02.2014

17:00 Uhr

Wahlen in Thailand

Der vergessene Norden

VonDésirée Linde

In Bangkok tobt das Chaos, im Norden boomt der Tourismus. Dort ist die Machtbasis der Regierungspartei. Aus der Not der Bevölkerung schlagen Politiker beider Seiten Profit – viel getan wird für die Menschen aber nicht.

Protest: Bei den Wahlen fürchten die Demonstranten eine Niederlage, weil ländliche Bevölkerungsgruppen die Regierungspartei wählen. Deshalb boykottiert die Opposition die vorgezogenen Parlamentswahlen am Sonntag. ap

Protest: Bei den Wahlen fürchten die Demonstranten eine Niederlage, weil ländliche Bevölkerungsgruppen die Regierungspartei wählen. Deshalb boykottiert die Opposition die vorgezogenen Parlamentswahlen am Sonntag.

Chiang Mai/BangkokUngläubig schüttelt der Mann den Kopf. „Natürlich“, sagt er und macht ein Gesicht, als könne er sich nicht entscheiden, ob er amüsiert oder empört sein soll. „Natürlich kenne ich die Shinawatras persönlich“, sagt Non Suttinan. Er entscheidet sich, wohl auch der Freundlichkeit der Thais geschuldet, für ein Lächeln. Bei einer solchen Frage sieht er sich aber offenbar dazu genötigt, hinzuzufügen: „Hier kennen alle die Familie.“ Mit hier meint er Chiang Mai, die größte Stadt im Norden Thailands und die Machtbasis der regierenden Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra, der Frau und deren Familie, die das ostasiatische Land spalten.

Denn ihre Macht weiter im Süden bröckelt. In Bangkok bröckelt sie nicht, sie scheint erodiert. Die Demonstranten legen seit Wochen erfolgreich die Metropole lahm. Sie blockieren wichtige Kreuzungen, fast alle Ausfallstraßen und die Hälfte der Wahllokale für die Parlamentswahlen am Sonntag. Nur wenige Stunden vor Beginn der Abstimmung gab es bei Zusammenstößen erneut Verletzte.

Dann muss die Pheu-Thai-Partei, die mit Yingluck Shinawatra – seit August 2011 im Amt – die Regierung bildet, sich dem Votum der Wähler stellen. Eine Abwahl muss sie nicht fürchten: Die größte Oppositionspartei, „Die Demokraten“, hatte 2011 rund 35 Prozent der Stimmen geholt. Sie boykottiert die Wahlen, weil sie gegen die Regierungspartei (2011: 48 Prozent) keine Chance sehen. Außer Pheu Thai stehen nur noch kleine Splitterparteien zur Wahl, die landesweit weniger als vier Prozent bekamen. Die wirkliche Opposition ist auf der Straße.

Den vorgezogenen Gang zur Urne hatte Shinawatra diesen Gegnern als Friedensangebot gemacht, doch die Demonstranten um ihren Anführer Suthep Thaugsuban, Ex-Demokrat, wollen sich nicht darauf einlassen. Sie fürchten – und diese Furcht ist mit Blick auf die Mehrheiten berechtigt –, dass sie die Wahlen verlieren werden und die Partei von Yingluck Shinawatra wieder gewinnt. Weil die Leute im Norden, Leute wie Non, sie wählen.

Der Aufstand in Thailand

Den Teufel mit dem Belzebub austreiben…

… so erscheint die Lage in Thailand. Das gesamte politische Establishment in Thailand gilt als korrupt. Das gilt sowohl für die Shinawatra-Familie als auch den „Volkstribun“ Suthep Thaugsubahn. Als früherer Minister hatte er regierungseigenes Land, das an arme Bauern verteilt werden sollte, reichen Familien aus Phuket zugeschanzt.

Teuer bezahlen…

… müssen die Financiers die Proteste. Seit drei Monaten halten die Tausenden Regierungsgegner Straßen und Plätze rund um das Democracy Memorial nördlich des Zentrums von Bangkok besetzt. Sie sind gut organisiert, verfügen über Bühnentechnik, Videowände und Tonanlagen. Gratis verköstigt werden die Demonstranten ebenfalls. Schon jetzt hat der Protest umgerechnet an die zwei Millionen Euro gekostet.

Hinter den Kulissen…

… ziehen die Eliten die Strippen. Die in Singapur erscheinende Tageszeitung „The Straits Times“ glaubt zu wissen, wer so viel Geld ausgibt, um Regierungschefin Yingluck Shinawatra zu stürzen: Es seien vor allem die großen Getränke- und Nahrungsmittelkonzerne des Landes.

Als Land der Coups…

… gilt Thailand. In der konstitutionellen Monarchie ist es häufig zu Staatsstreichen gekommen. In den vergangenen 47 Jahren gab es acht erfolgreiche Putsche. „Am Ende hat das königstreue Militär sich stets weiter eng im Zentrum der politischen Macht unter dem Schatten des allmächtigen Palastes gehalten“, sagt Politologe Paul Chambers.

Die Gelbhemden…

… tragen Gelb, weil es die Farbe des Königs ist. Die „Gelbhemden“ repräsentieren die königstreuen, alten Eliten, die ihre Privilegien und ihren Reichtum dem Königshaus verdanken. Aber auch die meist städtische Mittelschicht, etwa Händler, Beamte und Offiziere der Armee gehören dazu. Ihr Anführer ist Suthep Thaugsuban, selbst sehr reich: Seiner Familie gehören Ölpalmenplantagen und Garnelenzuchtanlagen. Die Bewegung ist dort stark, wo das große Geld gemacht wird: in Bangkok und den Touristenhochburgen im Süden des Landes.

... gegen die Rothemden.

Die Rothemden kommen in erster Linie aus dem bevölkerungsreichen, aber armen Norden. Es sind meist Bauern, kleine Händler, aber auch Polizisten, die die Regierung von Yingluck Shinawatra unterstützen, weil sie sich von ihr eine Fortsetzung der Politik ihres Bruders Thaksin versprechen.

Der Bruder im Exil…

… Thaksin Shinawatra war von 2001 bis 2006 Regierungschef und hatte sich damals bei den ärmeren Schichten beliebt gemacht. Er investierte etwa in die ländliche Infrastruktur und ging gegen die Drogenbarone vor. Mit dem Vorwurf, er habe Amtsmissbrauch betrieben und sei korrupt gewesen, wurde Thaksin 2006 vom Militär gestürzt. Er lebt seitdem in Dubai im Exil. An dem Amnestiegesetz, das seine Schwester verabschieden wollte und das ihm vermutlich die Rückkehr nach Thailand ermöglicht hätte, entzündeten sich im November 2013 die Proteste. Für die Mittelklasse und Oberschicht ist er ein Feindbild, seine Schwester wird von den Gelbhemden als seine „Marionette“ betrachtet.

Die Rolle des Königs…

… ist keine besonders große mehr. König Bhumibol, seit 1946 im Amt und damit das am längsten regierende Staatsoberhaupt der Welt, genießt zwar noch immer hohen Respekt auf beiden Seiten, ist aber seit Jahren schwer krank und greift kaum mehr aktiv – vermittelnd – in die Politik ein. Königstreue schreiben sich vor allem die Gelbhemden auf die Fahne. Sie werfen ihren Gegnern vor, nicht königstreu (genug) zu sein. Mit Bhumibols Tod wird nach Ansicht des Politologen Paul Chambers die Macht des Palastes weiter abnehmen. „Der Druck nach politischem Pluralismus ist zu groß geworden.“

Stattdessen wollen die Demonstranten in Bangkok einen „Volksrat“ installieren, der Verfassungsänderungen erarbeiten soll – freilich ohne jede demokratische Legitimation. In den vergangenen Tagen ist die Gewalt eskaliert. Zwar hatte es bei den Ausschreitungen zu Beginn der Aufstände im November schon neun Tote gegeben, doch meist waren die Proteste friedlich geblieben.

Jetzt kurz vor den Wahlen spitzt sich die Lage weiter zu. Suthin Tharathin, einem Sprecher der Opposition, sei während einer Rede vor Demonstranten in den Kopf geschossen worden, sagte ein Sprecher der Protestbewegung. Tharathin war das zehnte Todesopfer. Bislang sind mehr als 500 Menschen verletzt worden.

Non Suttinan aus Chiang Mai macht dennoch aus seiner Begeisterung für die amtierende Regierung keinen Hehl, geht jedoch – das ist typisch für die Thais – nicht so weit, die Demonstranten zu kritisieren. Non lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Es ist spät. Der Hotelangestellte hat lange gearbeitet, und er ist müde.

Im Hintergrund ist ein TV-Sender eingeschaltet, der eine grellbunte Musikshow über den Flachbildschirm flackern lässt. Dort herrscht die heile Fernsehwelt. Mit den Nachrichten aus Bangkok sollen spät heimkehrende Gäste nicht behelligt werden. Die Stadt des Aufstands ist weit weg.

Kommentare (1)

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BHu

03.02.2014, 13:56 Uhr

Ich nehme an, dass Sie Ihre "Informationen" einfach uebernehmen. Wenn Sie das machen, schauen Sie doch wenigstens wo diese herkommen. Einige Teile Ihrer Artikel sind einfach aus von Taxin gesposerten Werbeseiten uebernommen.
Die Wahlen waren doch ein Prvokation. Der Herr in Dubai hat seiner Tochter befohlen die Wahlen nicht zu verschieben!? Die Menschen sind auf den Strassen, weil die Regierung versucht hat illegal Rechte an sich zu reissen, um sich weiter bereichern zu koennen und das Land in der Art Nordkoreas regieren zu koennen. Wer sagt, dass diese Leute bezahlt werden muessen. Vorher wurden die Bauern gegen Bezahlung nach BKK gekarrt. 500 Bath hat man ihnen dafuer in userem Dorf bezahlt. .....
Heute ist Thailand pleite, weil man das Land hemmungslos ausgenommen hat. Schreibt mal was darueber! 400 / 500 Milliarden Bath fehlen.
..... ..... .....
Danke fuer eine Antwort.

B. Husy

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