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07.05.2015

19:34 Uhr

Wahltag in Großbritannien

Erst Speck, Spiegelei, Bohnen – dann ins Wahllokal

VonMatthias Thibaut

Heute wählen die Briten – und warten gespannt. 650 Wahlkreise müssen ihr Ergebnis bekanntgeben, bevor alles entschieden ist. Auf die Insel wartet die aufregendste Wahlnacht der jüngsten britischen Geschichte.

Parlamentswahlen in Großbritannien

Briten machen Kreuzchen - Wahllokale geöffnet

Parlamentswahlen in Großbritannien: Briten machen Kreuzchen - Wahllokale geöffnet

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LondonDas Wahllokal im Kindergarten der Derwentwater School ist seit sieben Uhr offen. Aber die Crew von der Müllabfuhr im Churchfield Café um die Ecke hat morgens um 10 Uhr noch nicht ans Wählen gedacht. Mit ihren gelben Signalwesten besetzen die Männer einen ganzen Tisch und essen Speck, Spiegelei, Bohnen, Würste und trinken milchigen Tee. „Vielleicht später“, sagt einer, den Buttertoast in der Hand. Begeistert klingt er nicht. „Sie machen doch, was sie wollen“, fügt ein anderer zu und alle brummen zustimmend.

Rund 45 Millionen Briten können heute ein neues Unterhaus wählen. 650 Abgeordnete in 650 Wahlkreisen im ganzen Land, in jedem wird einer direkt gewählt. Es ist für die Insel die spannendste Wahl seit Menschengedenken. In den letzten Umfragen lagen Labour und die Tories mit jeweils 34 Prozent Kopf an Kopf – ziemlich genau an der gleichen Stelle, wo sie schon im Januar waren, bevor alles richtig begann.

Das sind die Parteien in Großbritannien

Neues Parlament wird gewählt

In wenigen Tagen wird in Großbritannien ein neues Parlament gewählt. Dabei werden sich Premierminister David Cameron und der Labour-Chef Ed Miliband voraussichtlich ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Traditionell wünscht man sich einen klaren Sieger, eine Partei, die absolute Mehrheit im Unterhaus hat. Stattdessen sich alle möglichen Kombinationen denkbar. Das sind die Parteien in Großbritannien:

Die Konservativen

Weniger Arbeitslose und eine gute Konjunktur, Senkung des Haushaltsdefizits um ein Drittel – eigentlich müsste Premierminister David Cameron die Wahl entspannt angehen. Die Konservative Partei (Conservative Party) liegt derzeit bei 33 Prozent, wie aus einer Umfrage des Instituts YouGov hervorgeht. Ein Sieg könnte zu einer Niederlage für Europa werden.

Labour Partei

Im Gegensatz zu Cameron bekennt sich sein größter Herausforderer Labour Parteichef Ed Miliband klar zur EU. Die Sozialdemokraten kommen aktuell auf 34 Prozent. Sollte er bei der Unterhauswahl neuer Premierminister werden, will Miliband kein Referendum über einen Verbleib Großbritanniens in der EU abhalten.

Ukip

Die UK Independence Party ist eine EU-skeptische und rechtspopulistische Partei, deren Hauptziel der Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU ist. Parteivorsitzender ist Nigel Farage. Die EU-Gegner der Ukip liegen der Umfrage zufolge bei 14 Prozent.

Die Liberaldemokraten

Die Liberaldemokraten (Liberal Democrats), mit denen David Cameron bei einem Sieg koalieren würde, liegen bei acht Prozent. Vorsitzender ist Nick Clegg. Er warnte zum Beispiel vor den schwerwiegenden Folgen eines EU-Ausstiegs für die britische Wirtschaft.

Die schottischen Nationalisten (SNP)

Die schottischen Nationalisten (Scottish National Party) setzen sich für ein unabhängiges Schottland ein. Die schottische Regierungschefin, Nicola Sturgeon, wirbelt derzeit Großbritanniens Politik durcheinander. Die Partei kommt auf nur vier Prozent.

Die Grünen

Wenn es nach den Plänen der britischen Grünen (Green Party) geht, soll die Monarchie abgeschafft werden, die Mitgliedschaft in Terrororganisationen strafffrei sein und Drogen legalisiert werden. Im Wahlprogramm der Vorsitzenden Natalie Bennet geht es natürlich um den Umweltschutz. Die Grünen liegen der Umfrage zufolge bei fünf Prozent.

Andere Parteien

Außerdem stellen sich zur Wahl: die walisische Regionalpartei Plaid Cymru sowie die nordirischen Parteien Democratic Unionist Party, Social Democratic and Labour Party, Alliance Party und Unabhängige und die katholische nordirische Partei Sinn Féin. Laut der YouGov-Umfrage liegen diese Parteien insgesamt bei drei Prozent.

Gewählt wird das 56. Parlament des United Kingdom seit Gründung der „Union“ durch die Vereinigung der Parlamente von Schottland und England. Pessimisten glauben, dass es das letzte sein könnte. Die Schotten haben längst wieder ein eigenes Parlament und wollen ein eigenes Land.

Die SNP liegt in Umfragen bei fast 50 Prozent und wird damit den Großteil der 59 schottischen Sitze gewinnen. „Ins Bett. Morgen ist ein großer Tag für Schottland“, hatte SNP Chefin Nicola Sturgeon am Mittwoch Abend kurz vor Mitternacht getwittert. Sie war eindeutige Siegerin des „Twitter-Wahlkampfs“.

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Im Churchfield Café wird den ganzen Tag Frühstück serviert. Flora, die betagte Rentnerin, scheint die einzige zu sein, die ihre Stimme schon abgegeben hat. Sie frühstückt hier fast jeden Tag, Milchkaffee und Croissant, damit sie unter die Leute kommt: Sie ist auch die einzige, die in der Straße zum Wahllokal ein Labour Schild an ihr Fenster geklebt hat. „Es wird Zeit, dass die Tories hinausgeschmissen werden. Ich habe Hoffnung, immer“, sagt sie und hält den Daumen hoch.

Wer den Wahlkampf nicht im Fernsehen verfolgte, wird wenig davon mitbekommen haben. Sogar hier, in Ealing in Westlondon erfuhren es die Leute aus dem Fernsehen, dass Bürgermeister Boris Johnson mit der Tory-Abgeordneten Angie Bray der Einkaufsstraße einen Blitzbesuch abgestattet hatte.

Sie hatten Flugblätter in der Hand, aber solche Wahlkampfauftritte sind nur noch Fototermine. Wo die Wahlkämpfer überhaupt auf echte Wähler treffen, die nicht von Partei-Apparatschiks vorsortiert wurden, wird nicht diskutiert, nicht einmal geschimpft – es werden nur Handys hochgestreckt und Selfies mit Promis gemacht.

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