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16.06.2011

21:53 Uhr

Warnschuss aus Washington

US-Aufsicht warnt vor Finanzkrise made in Europe

Die Griechenland-Krise könnte Europas Banken - und damit die Welt - in eine neue Finanzkrise stürzen, fürchtet die US-Einlagensicherung FDIC. Die US-Banken findet ein weiterer Experte aber weniger bedroht als gedacht.

Griechische Manöver

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WashingtonIn den USA geht die Furcht vor einer neuen Finanzkrise um. Die europäischen Banken drohen nach Einschätzung einer US-Aufsichtsbehörde die Stabilität des gesamten Finanzsystems in Gefahr zu bringen. „Ich bin sehr besorgt darüber, dass Europas Bankensystem der Ausgangspunkt für künftige finanzielle Instabilitäten werden könnte“, erklärte die Chefin der staatlichen US-Einlagensicherung FDIC, Sheila Bair, in einem Redetext für eine Kongressanhörung in Washington. Dort wollten die Parlamentarier am Donnerstag wissen, wie es um das weltweite Finanzsystem steht.  

Drei Szenarien für eine Griechenland-Lösung

Neue Kredite mit freiwilliger Gläubigerbeteiligung

Wahrscheinlich: Aller Voraussicht nach wird Athen weitere Milliardenkredite erhalten verbunden mit neuen Sparauflagen. Warum? Bedingt durch ihre Konstruktion muss die EU eine einstimmige Lösung für das Griechenland-Problem finden. Und der Kompromiss heißt: neue Kredite mit neuen Auflagen und einer Beteiligung privater Investoren auf freiwilliger Basis. Das allerdings bedeutet: Der Steuerzahler wird letztlich die Hauptlast der Rettung tragen. Denn die Ökonomen sind sich einig: Eine freiwillige Umschuldung in Form einer Laufzeitverlängerung bringt Griechenland kaum Entlastung. Erstens, weil Investoren nicht freiwillig Verluste in Kauf nehmen. Zweitens verringert sich selbst bei einer Akzeptanz eines Umschuldungsangebots am Markt nicht einmal die Schuldenlast Griechenlands. Ein „bisschen Umschuldung“ funktioniert eben nicht.

Zahlungsausfall verbunden mit einem Hair-Cut

Unwahrscheinlich: Eine Alternative zu neuen Krediten wäre der Schuldenschnitt. Das Land würde seine Zahlungsunfähigkeit erklären und alle Zahlungen für ausstehende Anleihen verweigern. Gleichzeitig würde die Regierung den Investoren anbieten, die Anleihen gegen identische Papiere mit halbem Nennwert einzutauschen, die dann wieder bedient werden würden. Das Motto dieser Lösung: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Auf einen Schlag würde der Staat die Hälfte seiner finanziellen Belastung los. Allerdings handelt es sich um einen „Default“, um offen erklärte Zahlungsunfähigkeit mit all ihren negativen Folgen für die Banken, die übrigen hochverschuldeten Euro-Staaten wie auch für die Griechen selbst. Außerdem wäre damit ein Präzedenzfall geschaffen, dass Staatsanleihen aus dem Euro-Raum nicht mehr als zweifelsfrei sichere Anlagen angesehen werden könnten. Das bedeutet, dass alle Länder mit zweifelhafter Bonität des Staates, derzeit vor allem Irland, Portugal und Spanien, Probleme hätten, sich über den Kapitalmarkt zu refinanzieren, weil die Investoren nicht nochmals Verluste einfahren wollen.

Das Chaos - die planlose Pleite

Sehr unwahrscheinlich: Was passiert, wenn gar keine Einigung zustande kommt? Wenn zum Beispiel in Griechenland die notwendigen Sparpakete nicht verabschiedet werden und die europäischen Regierungen anschließend weitere Hilfen verweigern? Dann geht der griechischen Regierung das Geld aus. Sie wird ihre Beschäftigten und ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Und die Zinsen für Kredite und Anleihen wahrscheinlich auch nicht mehr, jedenfalls nicht vollständig. Man hätte eine ungeregelte Staatspleite – ohne Hilfe von außen und ohne Vorbereitung im Inneren. Die Folge wäre nicht nur ein Chaos an den Märkten, sondern auch innerhalb des Landes. Schließlich sind viele Griechen auf staatliche Zahlungen angewiesen.

Im Falle von Europa zeichnete Bair ein düsteres Bild: Sie sei nicht nur über die Kreditwürdigkeit einiger Staaten besorgt und über das Engagement der Banken in diesem System. Es sei beunruhigend, dass Europas Kreditinstitute nach eigenem Gutdünken ihre Kapitalanforderungen für den Krisenfall festsetzten, die auf internen Risikoschätzungen basierten und die Vertreter wichtiger europäischer Regierungen sie letztlich gewähren ließen. Dadurch fehlten objektive und strenge Beschränkungen. Angesichts dessen sei „die Wahrscheinlichkeit für weitere Probleme bei den Banken beunruhigend hoch“.  

Bair nannte keine Namen und sprach auch nicht ausdrücklich von der Gefahr eines Zusammenbruchs des europäischen Bankensystems. Sie verzichtete zudem darauf, eine Verbindung zum katastrophalen Bankrott der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 zu ziehen. Ihre Anmerkungen dürften aber die Märkte beiderseits des Atlantiks aufhorchen lassen.

Bair kennt sich mit Bankpleiten aus. Sie musste als Chefin der staatlichen Einlagensicherung FDIC hunderte zumeist kleinere US-Banken in den vergangenen Jahren abwickeln. Im Juli räumt sie ihren Posten.  

Die Amerikaner beobachten derzeit sehr genau, was in Europa vor sich geht. Vor allem die Schuldenprobleme Griechenlands sind ein großes Thema in der Politik und an der Wall Street. Institutionelle Investoren stellen derzeit mit Vorliebe Analysten mit Fremdsprachenkenntnissen ein, die sich selbst ein Bild von der Lage in Europa machen können. Vor allem die Haltung der Bundesregierung wird mit Argusaugen verfolgt.  

Genauso beobachten die Finanzexperten aber auch die schwierige Lage im eigenen Land: Die Regierung Obama ringt gerade mit den oppositionellen Republikanern um eine Anhebung der Obergrenze für die Staatsschulden. Gelingt bis August keine Einigung, droht der US-Regierung das Geld auszugehen.

Kommentare (32)

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Moika

16.06.2011, 18:46 Uhr

In finanziellen Belangen ist ein Staat wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen zu betrachten. Griechenland hat sich mit Hilfe der Partnerstaaten und deren Banken in den letzten Jahrzehnten maßlos übernommen und steht nicht erst seit heute vor der Zahlungsunfähigkeit. Griechenland ist bankrott.

Die Politiker sollten das langsam begreifen und kein Gutes schlechtem Geld hinterherwerfen, für das schließlich nicht die Politiker selbst, sondern wir alle als Steuerzahler geradestehen müssen.

Wenn jetzt nicht der Schuldenschnitt kommt, mit dem sich die Griechen einzig aus diesem Dilemma befreien können, ist ihnen und uns nicht mehr zu helfen. Das funktioniert aber nur in Verbindung mit einem Austriit aus der Währungsunion. Wer noch an andere Möglichkeiten zur Rettung Hellas glaubt, wird die Erde vermutlich auch als Scheibe ansehen.

Wahrheit

16.06.2011, 18:48 Uhr

Was sich Sheila Bair als Vertreterin amerikanischer Finanzpolitik herausnimmt ist eigentlich skandalös. Die Finanzkrise 1 wurde von Amerika produziert. leichtgläubige Zocker aus Europa wurden hineingezogen. Profit und Zocken also an jeder Stelle von Wenigen Leuten, die nicht anderes als Ihren privaten Gewinn in den Vordergrund gestellt haben. Weg mit Ihnen. Die fast fehlende Einlagensicherung in Amerika und dieselbe noch nicht zurück genommene 0-Einlagensicherung in Europa lockt die Banken speziell Investmentbanek dazu, das Luftgeld immer schneller zu buchen und damit Kredite in beliebiger Höhe zu kreieren. Aus und Schluss damit!. Im Falle Griechenland sollten sich die amerikanischen Finanzexperten insofern stark machen, dass auch Sie sich endlich um eine bessere Kontrolle der Finanzmärkte bemührn

Account gelöscht!

16.06.2011, 18:53 Uhr

Wir stehen nicht am Anfang einer Finanzkrise, wir stehen am Anfang eines politischen Erdbebens in ganz Europa, wenn die Politik weiterhin mit Scheuklappen wirklichkeitsnegierend den unabwendbaren Kollaps des Euros abstreitet. Es geht schon lange nicht mehr um Griechenland. Die Zwangsbruderschaft in der Einheitswährung sprengt die Wirtschaftsräume, weil sie Ungleichgewichte ohne Korrektivmöglichkeit aneinander kettet. Nach Griechenland kommt Portugal, Irland, Belgien, Spanien usw. Diese Lawine ist nicht mehr aufzuhalten, weil immer mehr Marktteilnehmer in die wenigen Sicherheiten flüchten und die vielen Wackelkandidaten ohne Finanzierungsmöglichkeit zurücklassen. Die Installation einer ausgleichenden Transferunion - auch das wird immer klarer - ist dabei keine Lösung, weil der in Gang gekommene Verschiebemechanismus Dimensionen erreicht, die auch Geberländer nicht einmal ansatzweise auffangen können. Wir stehen dringlichst vor der Frage, ob wir durch ein borniertes Festhalten an der gescheiterten Einheitswährung den Frieden und den Konsenz zwischen den Völkern Europas opfern wollen. Wollen wir die EU als Ganzes sprengen? Wenn ja, dann lasst uns noch zwei Jahre so ignorant weiterwursteln. Wir sind Weimarer Verhältnissen näher als wir glauben - finanzpolitisch, inflationstechnisch und gesellschaftlich. Kommt endlich zur Besinnung! Aufhören!!!

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