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31.01.2007

12:12 Uhr

Warnung vor Muslim-Ghettos

Britische Tories erteilen „Multikulti“ eine Absage

VonMatthias Thibaut

Großbritanniens Konservative fordern eine neue Politik gegenüber den im Land lebenden Muslimen. In einem am Dienstag veröffentlichten Strategiepapier setzen sich die Tories dafür ein, die Zusammenarbeit mit den führenden Muslimorganisationen einzuschränken, weil diese zur „politischen Ghettoisierung“ der Religionsgemeinschaft beitrügen.

Erteilt Blairs Multikulti-Kurs eine klare Absage: David Cameron.

Erteilt Blairs Multikulti-Kurs eine klare Absage: David Cameron.

LONDON. Bereits am Montag hatte Parteichef David Cameron in einer ungewöhnlich scharfen Rede die Ansichten extremistischer Muslime mit dem Rassenhass der britischen Nationalistenpartei BNP gleichgesetzt. Der Strategiebericht vom Dienstag spricht eine ähnlich deutliche Sprache.

Viele Organisationen, die sich als öffentliche Vertreter der Muslime hinstellten, förderten nicht Gemeinsinn und gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern ideologischen Separatismus und extremistische Ansichten, die für die Mehrheit der Muslime nicht repräsentativ seien, heißt es in dem Papier. Im Falle eines Wahlsiegs wollen die Konservativen deshalb die Regierungskontakte zu diesen Interessenvertretern reduzieren. Darüber hinaus planen sie, Muslime „so schnell wie möglich“ als Individuen in den Mainstream des britischen Lebens zu integrieren. Es sei „bevormundend“, wenn Angehörige der dritten Einwanderergeneration noch als Sondergruppe behandelt würden. Das Tory-Papier bringt auch Kritik an Labours’ kostspieliger „Multikulturalismus“-Bürokratie zum Ausdruck. So gibt die Regierungspartei etwa Millionen für die Übersetzung von Amtsbroschüren in eine Vielzahl von Sprachen aus.

Der Bericht nimmt insbesondere den „Muslim Council of Britain“ (MCB) ins Gebet, der von der Labourregierung aktiv gefördert wurde und als Dachverband von rund 250 Muslimorganisationen fungiert. Nach Einschätzung der Tories bestimmen Hardliner die politische Linie des MCB und übertönen moderatere Stimmen. Deshalb seien die Positionen des Verbandes schwer mit dem erklärten Ziel vereinbar, Gemeinschaftsbeziehungen zu pflegen und für das Wohl der ganzen Gesellschaft zu arbeiten.

Am Montag hatte ein Bericht des den Tories nahe stehenden Think Tanks „Policy Exchange“ ein Schlaglicht auf die zunehmende Radikalisierung und die gesellschaftliche Isolation junger britischer Muslime geworfen. Dem Bericht zufolge würden 37 Prozent der 16- bis 24-Jährigen am liebsten unter islamischem Recht leben, 87 Prozent halten Religion für das Wichtigste im Leben. 74 Prozent wollen, dass Frauen Kopftuch tragen – gegenüber nur 28 Prozent der über 55-Jährigen. 13 Prozent bewundern Organisationen wie das Terrornetzwerk El Kaida.

Cameron nahm diesen Bericht zum Anlass für seine klare Absage an das Konzept des Multikulturalismus. Wer eine islamische Gesellschaftsordnung und ein eigenes Recht für Muslime fordere, säe Hass – nicht anders als die rassistische BNP, sagte er. Der Multikulturalismus rücke das in den Mittelpunkt, was die Menschen trenne, statt zu fördern, was sie verbinde. Ein Schwerpunkt der neuen Tory-Politik liegt im Bildungsbereich. Der Bericht identifiziert schlechte Bildungschancen und die geringe gesellschaftliche Mobilität von Muslimen als größte Barrieren für die Integration. 33 Prozent der britischen Muslime haben keine Berufsqualifikation. Insbesondere Frauen hätten nicht die gleichen Anrechte auf Bildung.

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