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06.03.2014

06:25 Uhr

Was das Ausland über uns denkt

Die Wut der Griechen

VonGerd Höhler

Bundespräsident Gauck besucht Athen. Doch dort ist man nicht gut auf Berlin zu sprechen, „Merkelist“ ist die schlimmste Beschimpfung. Deshalb lügt unser Korrespondent schon mal, wird er nach seiner Nationalität gefragt.

Schmähungen: Viele Griechen sind im sechsten Jahr der Rezession wütend auf Deutschland und die Deutschen. Und so wird Angela Merkel schon mal als Hitler gezeigt.

Schmähungen: Viele Griechen sind im sechsten Jahr der Rezession wütend auf Deutschland und die Deutschen. Und so wird Angela Merkel schon mal als Hitler gezeigt.

Ich gestehe: Ich habe gelogen. Aber es war eine Art Notlüge, neulich, auf dem Weg vom Athener Flughafen zu meiner Wohnung. Es war spätabends, ich war müde, der Taxifahrer schlecht gelaunt. „Ich warte hier seit fünf Stunden“, knurrte er ungefragt beim Einladen des Gepäcks - als wäre ich zu spät gekommen.

Im Autoradio läuft eine Meldung: Bundeskanzlerin Merkel wolle vor der Europawahl Griechenland nicht mit weiteren Hilfen entgegenkommen, um der AfD keine Munition zu liefern.

Der Fahrer dreht lauter, blickt mich prüfend im Rückspiegel an und fragt: „Wo kommen Sie her?“ Ich ahne, was mir jetzt bevorsteht: Ein endloses Streitgespräch über die Krise und die Rolle der Deutschen. „Aus Zürich“, lüge ich und denke an die Maschine der Swiss, die gleich neben meinem Lufthansa-Airbus zum Gate rollte. „Schweizer?“ fragt der Fahrer. Ich nicke stumm. Einen Vortrag über Merkel und Schäuble musste ich mir trotzdem anhören. Aber wenigstens saß ich auf dem Rücksitz diesmal nicht auf der Anklagebank.

Lesen Sie diesen und andere Artikel in unserem Dossier „Wie das Ausland uns Deutsche sieht“, erhältlich als PDF im Kaufhaus der Weltwirtschaft.

Krisenländer im Check

Portugal

- LICHT: Das Land steckt in der tiefsten Rezession seit den 1970er-Jahren. Doch der Abwärtsstrudel verliert an Stärke: Die Arbeitslosenquote sank im Mai und im Juni, das Geschäftsklima hellte sich sieben Monate in Folge auf. Die gesamte Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal überraschend um 1,1 Prozent, es war das erste Plus seit rund zweieinhalb Jahren.

- SCHATTEN: Die jüngste Regierungskrise hat Investoren verunsichert und Zweifel geschürt, dass sich Portugal ab Mitte 2014 wieder vollständig über den Finanzmarkt finanzieren kann. Nur ein Rettungspaket über 78 Milliarden Euro bewahrte das Land vor der Staatspleite.

Zypern

- LICHT: Die Troika aus Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds hat dem Euro-Land jüngst Fortschritte bei der Sanierung seines Staatshaushalts bescheinigt. Die internationalen Geldgeber müssen Zypern mit insgesamt rund zehn Milliarden Euro vor der Staatspleite retten.

- SCHATTEN: Wegen des harten Sparkurses als Gegenleistung für das Rettungspaket steht Zypern konjunkturell noch ein tiefes Tal bevor. Die Arbeitslosenquote stieg zuletzt stetig auf gut 17 Prozent – dies ist hinter Griechenland, Spanien, und Portugal der höchste Wert in der EU. Im zweiten Quartal schrumpfte die Wirtschaft um 1,4 Prozent. Für das Gesamtjahr 2013 sagt die EU-Kommission ein Minus von 8,7 Prozent voraus.

Irland

- LICHT: Die Immobilienkrise, die das Land in den Abgrund getrieben hat, nähert sich ihrem Ende. Die Hauspreise stiegen im Juni erstmals seit Ausbruch der Misere wieder, und zwar um durchschnittlich 1,2 Prozent zum Vorjahresmonat. Sie waren seit 2008 um rund 50 Prozent eingebrochen. Dadurch erlitten die Banken des Landes milliardenschwere Verluste. Sie mussten mit Steuergeldern gerettet werden, was wiederum den Staat an den Rand der Pleite trieb. Da die Regierung zahlreiche Reformen umgesetzt hat, hob die Rating-Agentur S&P ihren Ausblick für die Kreditwürdigkeit des Landes von „stabil“ auf „positiv“ an.

- SCHATTEN: Die Konjunktur läuft schlechter als erwartet, die Wirtschaft schrumpfte zuletzt drei Quartale in Folge. Die Notenbank senkte deshalb ihre Wachstumsprognose für 2013 von 1,2 auf 0,7 Prozent. Damit wird es auch schwerer, das Defizit wie geplant auf 7,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu drücken.


Frankreich

- LICHT: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone galt zuletzt als Sorgenkind. Nun verließ das Land aber die Rezession – und das mit deutlich mehr Schwung als erwartet. Im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent und damit mehr als doppelt so schnell wie erwartet.

- SCHATTEN: Die Lage bleibt fragil. Die Regierung in Paris hatte zuletzt nicht mehr ausgeschlossen, dass das Bruttoinlandsprodukt 2013 leicht schrumpft. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen. Zudem hat die Regierung Mühe, den Haushalt in den Griff zu bekommen. Präsident François Hollande, dessen Popularität auf Tiefstwerte gerutscht ist, räumte kürzlich ein, Frankreich könnte sein Defizitziel von 3,7 Prozent der Wirtschaftskraft 2013 verfehlen. Der Internationale Währungsfonds legte Frankreich bereits nahe, aus Rücksicht auf die Konjunktur die Haushaltskonsolidierung abzubremsen.


Italien

- LICHT: Auch Italien hat ein Ende der Rezession vor Augen. Von April bis Juni schrumpfte die Wirtschaft zwar das achte Quartal in Folge, mit 0,2 Prozent aber nur halb so stark wie befürchtet. Zuletzt mehrten sich die Hinweise darauf, dass Italien der Dauer-Rezession in den Sommermonaten entkommen kann: Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe wuchs im Juni mit 0,3 Prozent den zweiten Monat in Folge, der Einkaufsmanager-Index für die Industrie stieg im Juli auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren, der Einzelhandelsumsatz legte nach 14-monatiger Pause zuletzt wieder zu. Und auch die Kauflaune der Verbraucher besserte sich.

- SCHATTEN: Die schwache Konjunktur gefährdet die Sanierung des Haushalts. Im Juli lag das Defizit bei fast neun Milliarden Euro. Italien ist damit weit davon entfernt, die Neuverschuldung unter die EU-Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftskraft zu drücken. Gefährdet wird die Erholung auch von politischer Instabilität. Die Koalition von Silvio Berlusconis Partei Volk der Freiheit und der linken Demokratischen Partei hing zuletzt am seidenen Faden. Mit Warnungen vor einem Bürgerkrieg und Rücktrittsforderungen von Ministern und Abgeordneten machte das rechte Lager gegen die Verurteilung Berlusconis Front, der vom Obersten Gerichtshof zu vier Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung verdonnert worden war.

Spanien

- LICHT: Das Land nähert sich dem Ende der Dauer-Rezession. Im zweiten Quartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt mit 0,1 Prozent nur noch minimal. Für die zweite Jahreshälfte wird wieder ein leichtes Wachstum erwartet. Die Zahl der Arbeitslosen fiel im Juli den fünften Monat in Folge – um knapp 65.000 auf 4,7 Millionen. Hauptgrund dafür ist der Aufwind der Tourismusindustrie, die in der Ferienzeit viele zusätzliche Mitarbeiter benötigt. Die Branche macht etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Auch einige Banken lassen die Krise nach der geplatzten Immobilienblase allmählich hinter sich. Branchenprimus Santander steigerte seinen Überschuss im ersten Halbjahr um 29 Prozent auf 2,25 Milliarden Euro.

- SCHATTEN: Die Industrie kommt nicht auf die Beine. Die Unternehmen drosselten ihre Produktion im Juni bereits den 22. Monat in Folge. Der Rückgang zum Vorjahresmonat fiel mit 1,9 Prozent sogar deutlicher aus als erwartet. Sorgen bereitet zudem das hohe Defizit. Der Staat musste bereits mehrfach den Reservefonds der Sozialversicherung anzapfen, um Pensionszahlungen leisten zu können. Spanien leidet immer noch unter den Folgen des 2008 geplatzten Immobilienbooms. Offiziellen Angaben zufolge sind die Grundstückpreise seit ihrem Höhepunkt 2007 um 43 Prozent eingebrochen. Immobilienexperten gehen sogar von einem Minus von mindestens 70 Prozent aus. Banken mussten deshalb milliardenschwere Abschreibungen vornehmen. Das Geld fehlt nun, um es in Form von Krediten an Unternehmen zu vergeben.

Griechenland

- LICHT: Der Tourismus brummt wieder. In diesem Jahr werden 17 Millionen Urlauber erwartet und damit so viele wie noch nie. Die Branche rechnet mit einem Umsatzplus von zehn Prozent auf elf Milliarden Euro. Der Tourismus macht etwa 17 Prozent der Wirtschaftsleistung aus; jeder fünfte Grieche arbeitet in dieser Branche. Auch bei der Sanierung der Staatsfinanzen kommt das Land langsam voran. Der Primärhaushalt – bei dem die Zinskosten nicht berücksichtigt werden – wies in den ersten sieben Monaten völlig unerwartet einen Überschuss von 2,6 Milliarden Euro aus.

- SCHATTEN: Die Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal mit 4,6 Prozent so langsam wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Doch das reicht längst nicht aus, um neue Jobs zu schaffen. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit mit 27,4 Prozent sehr hoch. Die Zentralbank geht davon aus, dass sie noch bis auf 28 Prozent steigen wird. Erst 2015 soll sie zurückgehen.

Kommentare (34)

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06.03.2014, 08:16 Uhr

Ich bin als Rentner mehrere Monate im Jahr in Griechenland und wurde noch nie angefeindet

Auf die Frage, woher ich komme….aus dem Mergelland…haha haha…der 1.freie Ouzo ist sicher.
Oft die Nachfrage von mir...kennen sie Merkel??. Die darauf folgende Lachsalve ist der sicherste Weg zum 2 Ouzo.
Man sitzt schnell in einem Gespräch beisammen und stellt fest-bzw. weiß es schon-dass wir, die „Kleinen“ in beiden Ländern gleichmäßig beschissen werden und man könnte sich als Volk eigentlich verbrüdern.
Denn Eines hat man gemeinsam, eine Erzfeind. Die Politiker !!

Kalimera

Account gelöscht!

06.03.2014, 08:16 Uhr

Man kann alles sagen ,aber Hitler mit Putin zu vergleichen ist ein Frechheit von Hillary Clinton. Aber wenn wir über Hitler reden dann darüber, dass mit den Kapitulationsbedingungen von 1918 der zweite Weltkrieg gelegt wurde und auch der Werdegang von Adolf Hitler. Das
erkennen heute selbst die ehemaligen Feinde von Deutschland an. Was wir heute in Kiew erleben ist nur die Dummheit von fehlgeleiteten Verhandlungsgeschick der Westmächte. Daran hat sich seit 1918 nichts geändert.

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06.03.2014, 08:20 Uhr

Die Politik schaut halt immer nur auf die Fehler der anderen, nie auf die eigenen. Das gilt auch für Frau Merkel und insbesondere für Herrn Schäuble.

Unsere Politiker zeigen mit dem Zeigefinger auf griechische Korruption und strukturelles Versagen und verlangen radikale Änderungen. Diese müssen dann zum allergrössten Teil von der Bevölkerung geschultert werden, die selbst Opfer dieser Korruption waren.

Und all das, während eine Korrektur an dem strukturellen Versagen und dem Betrug an der Gesellschaft durch das Bankensystem bei uns selbst, nur mit penibelster Zurückhaltung und unter grösstmöglichem Tribut an die Bankenlobby betrieben wurde.

So geht schlechte Politik und das schon seit Jahren.

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