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13.04.2013

08:27 Uhr

Weichenstellung für Venezuela

Wahlkampf gegen ein Phantom

VonKlaus Ehringfeld

Hugo Chávez war ein Held der Linken – und das nicht nur in Südamerika. Das kriselnde Venezuela wählt am Sonntag seinen Nachfolger. Doch Kronprinz Maduro steht noch im Schatten von Chávez: Hat er das Zeug zum neuen Idol?

Nicolás Maduro und sein Konkurrent Henrique Capriles liefern sich einen harten Wahlkampf.

Nicolás Maduro und sein Konkurrent Henrique Capriles liefern sich einen harten Wahlkampf.

CaracasDieses Mal zeigt Henrique Capriles Zähne. Dieses Mal greift er seinen Gegner an, attackiert und beleidigt ihn. Er nennt Nicolás Maduro, den Regierungskandidaten, einen „Lügner“ und „Toripollo“, was in der venezolanischen Umgangssprache einen ungelenken Tölpel bezeichnet.

Capriles ist nicht mehr der zögerliche Oppositionskandidat aus dem Herbst, der sich gegen Chávez’ Witze und Anfeindungen nicht wehrte. Dieses Mal, in dem nur zehn Tage kurzen Wahlkampf um die Präsidentschaft Venezuelas, teilen beide Seiten aus wie die Kirmesboxer. „Bürgersöhnchen“, „kleiner Yankee“ giftet Maduro. „Nicolás, Du bist nicht Chávez“, wirft der Oppositionskandidat zurück. „Charisma kann man nicht übertragen“

In der Woche vor der Wahl schwitzt Caracas bei 34 Grad, die Luft steht schwer. Capriles, 40 Jahre, Anwalt und Gouverneur des Bundesstaates Miranda, hat zur Abschlusskundgebung gerufen. Die Avenida Bolívar, eine kilometerlange achtspurige Durchgangsstraße im Zentrum der Hauptstadt, hat bisher kein Oppositionskandidat gefüllt. Aber seit dem frühen Morgen strömen Hunderttausende hierher.

Capriles kommt vier Stunden zu spät. Er muss in diesem kurzen Wahlkampf zwei bis drei Staaten am Tag besuchen. Da gerät der Zeitplan schon mal durcheinander. Als der Kandidat endlich die Bühne erreicht, klebt ihm sein weinrotes Hemd nass am Körper.

Wie sich Venezuela unter Chavez entwickelt hat

Wie hat sich die Wirtschaft unter Chavez entwickelt?

Das je Einwohner erwirtschaftete Bruttosozialprodukt ist nach Angaben der Weltbank von 1998 bis 2010 um 6,1 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Von 1974 bis 1998 war es noch um 16 Prozent gefallen. Zu verdanken hat das Venezuela vor allem seinem Öl-Reichtum: Öl und Öl-Produkte machten 2012 rund 96 Prozent der Exporte aus; 1999 waren es lediglich 76 Prozent. Zudem ist der Öl-Preis deutlich gestiegen. Lag er zu Beginn von Chavez' Amtszeit noch bei zehn Dollar je Barrel, sind es jetzt etwa 110 Dollar.

Was sind die Probleme?

Die Inflationsrate gehört zu den höchsten der Welt. Im Februar lag sie bei 32 Prozent. Das staatlich verordnete Tauschverhältnis vom Dollar zum Bolivar von 1 zu 6,3 trifft die Wirtschaft hart und hat zu einem florierenden Schwarzmarkt geführt. Bestimmte Importgüter sind bereits knapp geworden. Dazu kommt, dass die weitgehend verstaatlichte Öl-Industrie teilweise marode ist, weil ausländische Investoren vertrieben wurden. So fiel die Öl-Produktion in der Chavez-Amtszeit von 3,5 auf 2,34 Millionen Barrel pro Tag.

Schwächelt nur die Ölindustrie?

Nein. Der Ausstoß der verstaatlichten Eisenerz-, Stahl- und Aluminiumindustrie fiel 2012 so gering aus wie seit über 30 Jahren nicht mehr. Einst gehörte Venezuela zu den größten Aluminium-Exporteuren der Welt, inzwischen ist es zum Importland geworden. Der Industrie setzen häufige Stromausfälle zu. So sorgten Dürren in den vergangenen Jahren häufig für Blackouts bei Wasserkraftwerken, weshalb die Behörden die Energie für Industriebetriebe rationierten.

Können die Sozialausgaben weiter finanziert werden?

Aus den Gewinnen des staatlichen Öl-Monopolisten PDVSA flossen zwischen 2004 und 2010 etwa 61,4 Milliarden Dollar in Sozialprogramme. Ob auch künftig so viel Geld sprudelt, ist ungewiss. Die USA als einer der Hauptkunden sind gerade dabei, sich durch die Schieferöl-Förderung (Fracking) unabhängig von Importen zu machen und könnten in wenigen Jahren selbst zum Öl-Exporteur aufsteigen. Dazu kommt, dass die Raffinerien in Venezuela dringend modernisiert werden müssen. 2012 kamen bei einer Explosion in der größten des Landes 40 Menschen ums Leben. Sogar die eigentlich Chavez-freundlichen Gewerkschaften demonstrierten.

Wie steht es um die Beziehungen zu Deutschland?

Deutschland betreffen die Entwicklungen in Venezuela kaum. 2012 wurden lediglich Waren im Wert von 539 Millionen Euro nach Deutschland ausgeliefert. Damit belegt Venezuela in der Rangliste der wichtigsten deutschen Lieferanten lediglich Platz 73, noch hinter Ländern wie Kambodscha und der Elfenbeinküste. Die deutschen Ausfuhren nach Venezuela belaufen sich auf 904 Millionen Euro - das entspricht nicht einmal 0,1 Prozent des gesamten Exportvolumens.

„Die Straßen von Caracas füllen sich mit Hoffnung“, ruft er und erntet lauten Jubel. Später errechnen die Wahlbeobachter, dass es die größte Demonstration der Opposition war, seit der verblichene Präsident Hugo Chávez 1999 die Macht übernommen hatte.

Dennoch kämpft hier David gegen Goliath. Und anders als Capriles verspricht, wird es auch dieses Mal für den Außenseiter wieder nicht reichen. Selbst die Meinungsforscher, die der Opposition nahe stehen, sehen Maduro mit mindestens zehn Prozentpunkten vorne.

Kommentare (1)

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giergeier

14.04.2013, 05:29 Uhr

Hugo Chavez hat dem Lumpenproletariat in Venezuela eine Stimme gegeben. Die gebildete und wohlhabende Oberschicht tut zusammen mit den amerikanischen Freunden und der Konrad Adenauerstiftung alles, damit sie wieder an die Macht kommt.
Wann gibt es bei und jemanden, der den Verblödeten eine Stimme gibt? Vorher müssen unsere Verblödeten erst mal wissen, dass sie mit Brot und Spiele, mit Schulden auf Kosten zukünftiger Generationen von der Oberschicht und deren abhängigen Volksparteien bei Laune gehalten werden. Die nennen das Demokratie und Freiheit. Nicht ewig lässt sich das Volk belügen und betrügen.

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