Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.03.2006

14:45 Uhr

Welle der Gewalt

USA fürchten Kontrollverlust im Irak

Eine Woche nach der Sprengung der Goldenen Moschee von Samarra, einem der wichtigsten schiitischen Heiligtümer im Irak, ebbt die Welle von Vergeltungen und Gegenvergeltungen im Zweistromland nicht ab. Bei Anschlägen in Bagdad gab es erneut viele Opfer. Ein US-Offizieller sprach erstmals das bisher Undenkbare aus.

Ein weiterer blutiger Tag in Irak: Bei Anschlägen in Bagdad starben erneut dutzende Menschen. Foto: ap

Ein weiterer blutiger Tag in Irak: Bei Anschlägen in Bagdad starben erneut dutzende Menschen. Foto: ap

HB BAGDAD. Am Mittwoch detonierte zuerst in der Nähe einer Bushaltestelle ein unter einem Auto versteckter Sprengsatz, als eine Polizeipatrouille vorüber fuhr. Dabei wurden 3 Passanten getötet und 15 verletzt. Wenig später explodierte eine Autobombe im Südosten der Innenstadt und riss nach Polizeiangaben 20 Menschen in den Tod. 33 wurden verletzt. Der Anschlag ereignete sich nach Angaben der Polizei nahe eines Kontrollpunktes der Polizei in einem hauptsächlich von Schiiten bewohnten Stadtviertel. Erst am Dienstag waren in Bagdad mehr als 60 Menschen bei Anschlägen getötet worden.

Insgesamt sollen 379 Menschen seit der Zerstörung des Askari-Schreins von Samarra der Gewalt zum Opfer gefallen sein, 458 wurden verletzt. Die Gespräche zur Bildung einer neuen Regierung, die seit den Parlamentswahlen im letzten Dezember schon bisher schleppend verlaufen waren, treten auf der Stelle.

Das wechselseitige Misstrauen wächst auch in der Politikerkaste. So klang es wie Hohn, als der schiitische Übergangspremier Ibrahim al-Dschafari am Dienstag bei einem Besuch in Ankara behauptete, sein Land sei „geeint wie eine Faust“. Sein eigener Außenminister, der Kurde Hoschiar Sibari, hatte kurz zuvor noch quergeschossen: wie es denn käme, dass er von der Türkei-Reise seines Regierungschefs aus den Medien erfahren musste.

Doch mit jeder Bombe, die im Irak Menschen zerreißt und die blutige Spur der Vergeltungsakte fortschreibt, rückt die Gefahr eines Bürgerkriegs näher, meinen Nahost-Experten. An dessen Ende stünde der Zerfall des Landes, mit all den Folgen für die instabile ölreiche Nahost-Region. Nachbarländer wie das sunnitische Saudi-Arabien, der schiitische Iran oder die Türkei mit ihrem historisch begründeten Anspruch auf das nordirakische Kurdistan könnten in die unüberschaubaren Glaubens- und Stammeskriege im Nachbarland hineingezogen werden.

Kräfte der Demokratie besiegt?

Sogar für US-Offizielle scheint es kein Tabu mehr zu sein, das bisher Undenkbare auszusprechen. „Falls das Chaos über den Irak kommen sollte“, meinte der CIA-Chef - und vorherige US-Botschafter in Bagdad - John Negroponte in einem US-Senatsausschuss, „oder falls die Kräfte der Demokratie besiegt werden sollten, dann würde das Auswirkungen auf den Rest des Nahen Ostens, ja sogar auf die ganze Welt haben.“

Wenn es dazu kommt, werden zukünftige Historiker vielleicht sagen, dass die Zerstörung des heiligen Schreins von Samarra der Auftakt gewesen ist. Zeitgenössische Experten sind vorsichtiger. Die International Crisis Group, eine unabhängige Denkfabrik, sieht in ihrem jüngsten, zu Wochenbeginn veröffentlichten Irak-Bericht ein graduelles Hineinschlittern in konfessionelle und ethnische Gegensätze, das sich im Vorjahr mit Wahlen und Verfassungsgebung auf ethnisch-konfessioneller Grundlage massiv verschärft habe.

Der einzige Ausweg aus dem drohenden Bürgerkriegsszenario sei deshalb die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit mit starker sunnitischer Beteiligung und eine Änderung der im letzten Oktober angenommenen Verfassung, deren weit gefasster Föderalismus in der derzeitigen Form den irakischen Staat allzu sehr schwächen würde.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×