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11.10.2016

17:40 Uhr

Welthungerindex

Fast eine Milliarde ohne Brot und Bohnen

Das Bild hungernder Kinder in Afrika ist durch andere Krisen verdrängt worden. Zwar sinkt die Zahl Hungerleidender. Doch 800 Millionen Menschen haben noch immer nicht genug zu essen. Wie kann das im 21. Jahrhundert sein?

Neben bewaffneten Konflikten sind oftmals klimatische Bedingungen für Hungersnöte verantwortlich. dapd

Verzweiflung in Teilen Afrikas

Neben bewaffneten Konflikten sind oftmals klimatische Bedingungen für Hungersnöte verantwortlich.

BerlinBärbel Dieckmann spricht von „Erfolgen und Fortschritten“, während fast eine Milliarde Menschen an Hunger leiden. Recht hat die Präsidentin der Welthungerhilfe trotzdem – seit dem Jahr 2000 ist der WHI um 29 Prozent gefallen und liegt für das Jahr 2016 bei einem Wert von 21,3. Einen Wert über 50 nennen die Wissenschaftler „alarmierend“, kein Land liegt darüber.

Doch der am Dienstag vorgestellte Welthunger-Index zeigt auch, dass die Situation noch immer prekär ist: In 50 Staaten ist die Lage ernst oder sehr ernst, insbesondere in Afrika. In weiteren 10 sind sich die Forscher ebenfalls sehr sicher, dass die Lage äußerst bedenklich ist. Belastbare Daten waren in diesen Krisenstaaten, zu dem auch das durch den anhaltenden Bürgerkrieg schwer gebeutelte Syrien gehört, nicht zu finden.

Außerdem können nationale Durchschnittswerte zu Trugschlüssen führen. Ein Beispiel: Betrachtet man den Hunger-Index Mexikos – dieser liegt bei 7,2 – scheint kein Anschein zur Besorgnis. Im Bundesstaat Chiapas im Süden des Landes hingegen ist es dafür umso bedrohlicher. Die gravierendste Zahl: Nahezu ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren weisen starke Wachstumsverzögerungen auf.

Die Vereinten Nationen verfolgen das Ziel, dass bis zum Jahr 2030 kein Mensch mehr hungern muss. Nach aktuellem Stand ist daran nicht zu denken. Die Tendenz sei richtig, doch „die Geschwindigkeit ist völlig unzureichend“, sagte Klaus von Grebmer vom Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik (IFPRI) aus Washington. Menschen in 40 Ländern würden so auch in 14 Jahren noch an Unterernährung leiden.

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In jedem Jahr ermittelt die Welthungerhilfe gemeinsam mit dem IFPRI und der irischen Organisation Concern den WHI. Ausschlaggebend für die Berechnung sind drei Kriterien: unzureichende Lebensmittelversorgung, Kindersterblichkeit und Unterernährung bei Kindern unter fünf Jahren.

Im hoch-technologisierten und digitalisierten 21. Jahrhundert gibt es also noch immer Massen an Menschen, die nicht genügend zum Essen auf den Teller bekommen. Wie kann das sein? Die Welthungerhilfe sieht neben Naturkatastrophen, korrupten, inkompetenten oder schlichtweg fehlenden Regierungen besonders eine Ursache: Krieg.

„Wer auf der Liste erscheint, als Land mit großem Hunger, hat kriegerische Auseinandersetzungen“, stellte Dieckmann fest. Die Präsidentin der Bonner Organisation fand harte Worte für die weltweite Gesellschaftsstruktur: „Wir haben eine himmelschreiende Ungerechtigkeit und Ungleichheit in der Welt bei der Verteilung von Lebenschancen.“

Dabei wäre es aus Dieckmanns Sicht so simpel gewesen, all das zu verhindern. Bereits Willy Brandt habe in seinen Reden immer wieder den anhaltenden Nord-Süd-Konflikt getadelt und die Notwendigkeit von Veränderungen angemahnt. Aber noch immer gebe es ausländische Firmen und Investoren, die nur eines im Sinn hätten: den eigenen Profit maximieren. Das Wohl der Menschen vor Ort bliebe auf der Strecke, die einheimische Industrie und Landwirtschaft werde verdrängt. Daher appellierte Grebmer vom IFPRI: „Auch der Norden muss die Politik der Entwicklungsländer unterstützen und nicht mit ihren Maßnahmen konterkarieren.“

Die Quittung für die Versäumnisse der ereilt Europa aktuell in Form von voll besetzten Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer. Nicht umsonst bereist Bundeskanzlerin Merkel aktuell mit Äthiopien (WHI: 33,4), dem Tschad (44,3) und dem Niger (33,7) drei afrikanische Staaten, die laut Welthunger-Index schwer vom weltweiten Hungerleid betroffen sind.

Von

Julian Olk

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