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14.10.2013

15:36 Uhr

Welthungerindex

Warum niemand hungern müsste

VonDésirée Linde

Zu teuer angebaut, falsch verteilt oder weggeworfen: Es fehlen Lebensmittel für 870 Millionen Menschen. Mit besserer Logistik, grüner Gentechnik und weniger Verschwendung könnte viel gegen den Welthunger getan werden.

Gerade Kinder sind von Hunger und Mangelernährung besonders betroffen: Hier ein stark unterernährtes Kind in einer Notunterkunft eines Medizinischen Lager in Mogadishu. dpa

Gerade Kinder sind von Hunger und Mangelernährung besonders betroffen: Hier ein stark unterernährtes Kind in einer Notunterkunft eines Medizinischen Lager in Mogadishu.

Über den Welthunger gibt es viele komplexe Wahrheiten. Es gibt aber auch ein paar einfache. Eine davon: Es gibt genug Lebensmittel auf der Erde. Niemand müsste hungern, wenn Getreide, Reis, Gemüse und Co. nur richtig verteilt wären. Eine andere ist: Immer noch hungern 870 Millionen Menschen. Das geht aus dem Welthungerindex hervor, den die Welthungerhilfe am Montag zum achten Mal veröffentlicht hat.

Demnach hungern im Vergleich zu 1990 zwar 34 Prozent weniger Menschen. In einigen Regionen, etwa Afrika südlich der Sahara und Südasien, ist die Lage jedoch noch immer dramatisch. Weltweit gerechnet stirbt etwa alle zwölf Sekunden ein Kind an Unterernährung. Eine weitere Wahrheit: Im Jahr 2050 kann sich eine Welt mit neun Milliarden Menschen nicht mehr nachhaltig ernähren.

Bewaffnete Konflikte, Naturkatastrophen und hohe Nahrungsmittelpreise sind laut Welthungerhilfe drei Faktoren, die besonders negative Auswirkungen auf die weltweite Ernährungssituation haben. Dabei bräuchte man verhältnismäßig nicht einmal besonders viel Geld für die Bekämpfung des Welthungers. Nach Einschätzung der Uno würden sechs bis sieben Milliarden US-Dollar bereits ausreichen. Allein: Es fehlt auch an dieser Summe.

Der Welthunger-Index

Indikatoren

Der WHI-Wert setzt sich aus drei gleichwertigen Indikatoren
zusammen:
- dem Anteil der unterernährten Menschen,
- dem Anteil von Kindern unter fünf Jahren, die
untergewichtig sind und
- der Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren.

Daten

Die Daten zu diesen Indikatoren stammen von der Ernährungsund Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), aus verschiedenen nationalen Erhebungen zur Bevölkerungsentwicklung und Gesundheit und aus Schätzungen von IFPRI.

WHI 2013

Der WHI 2013 wird für 120 Länder ermittelt, für die Daten zu allen drei Indikatoren verfügbar sind, und berücksichtigt Daten aus den Jahren 2008 bis 2012 – die aktuellsten verfügbaren Zahlen zu den drei WHI-Indikatoren.

100-Punkte-Skala

Der WHI ordnet die Länder auf einer 100-Punkte-Skala ein, auf der 0 der beste (kein Hunger) und 100 der schlechteste Wert ist, wobei keiner der Extremwerte in der Praxis erreicht wird. Werte unter 5,0 bedeuten wenig Hunger, Wertezwischen 5,0 und 9,9 mäßigen Hunger; Werte zwischen 10,0 und 19,9 zeigen ein ernstes Hungerniveau an, Werte zwischen 20,0 und 29,9 sind sehr ernst und Werte von 30,0 und darüber gravierend.

Quelle

Welthungerindex 2013 der NGOs: Welthungerhilfe, des International Food Policy Research Institutes und von Concern Worldwide.

Die Lebensmittellogistik könnte Teil der Lösung jenseits der Problematik von politischen Konflikten, Landraub, Ausbeutung und Misswirtschaft sein. Denn selbst lange Distanzen können mit Flugzeug – bei leicht verderblicher Ware – und Schiff schnell überbrückt werden. Nach Europa werden längst Tausende Tonnen Gemüse aus China, Äpfel aus Neuseeland und Kakaobohnen aus Kolumbien geflogen und verschifft.

„Das ginge alles – auch für die ärmsten Länder“, sagt Wolfgang Bode, Professor am RIS-Institut für Verkehr und Logistik in Osnabrück. Aber nur, schränkt er ein, wenn Geld keine Rolle spielen würde. Denn ökonomisch – und da sind sich Logistiker, Landwirtschaftsökonomen und Entwicklungsorganisationen einig – wäre es ein Wahnsinn, hungernde Menschen mit Lebensmitteln innerhalb komplizierter und daher teurer Kühlketten aus den Industrienationen zu versorgen. Wenn Produkte beim Transport verderben – auch, weil sie gar nicht oder schlecht verpackt sind –, gehen weitere Ressource verloren.

Ein Großteil dieser horrenden Transportkosten fällt dabei erst kurz vor dem Ziel an. Schuld ist oft eine katastrophale Infrastruktur in den betroffenen Regionen. Ein Vergleich der Transportkosten pro Kilometer in US-Cent zeigt das Gefälle. Während sie etwa innerhalb von Frankreich bei fünf US-Cent liegen, sind es zwischen Douala (Kamerun) und N’Djaména (Tschad) elf, also mehr als das Doppelte.

Alternative Wege zu schlechten oder nicht vorhandenen Straßen per Bahn oder Schiff gibt es nicht. Forscher und Welthungerhilfe plädieren auch deshalb für die Stärkung regionaler und lokaler Märkte. Doch sogar lokal wird die Infrastruktur zum Problem: „Wenn eine Frau zum Markt acht Stunden unterwegs ist, um ihr Gemüse zu verkaufen lohnt es sich für sie nicht“, sagt Simone Pott von der Welthungerhilfe. Der Nutzen liegt für sie unter dem Ertrag.

Kommentare (33)

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Account gelöscht!

14.10.2013, 15:46 Uhr

Selbst wenn plötzlich alle zu essen hätten, würde es nicht lange dauern, bis die nächste Milliarde Menden da ist.

Wir müssen endlich weniger werden, dann reicht's auch für alle. Aber das wollen weder Kirchen, noch Konzerne noch Regierungen.

Mazi

14.10.2013, 15:54 Uhr

Fehlt hier nicht der Hinweis, dass die Deutsche Bank mit ihren Rohstoffgeschäften verantwortlich ist?

Es kam mir ohnehin etwas suspekt vor, dass Hungernde auch mit Rohstoffgeschäften gesättigt werden können.

Wer steckte dahinter?
Wollten die GRÜNEN vielleicht von dem Desaster was sie mit dem EEG angerichtet haben oder wollten sie von den üblen Kinderschändereien ablenken?
Wer traut sich da noch mit den GRÜNEN zu sympathisieren?

Wenn-alle-Stricke-reissen

14.10.2013, 15:56 Uhr

In Ordnung @ OttoCuntz, dann spreche ich Ihnen hiermit ab weiterzuleben.
Wer so etwas einfordert, sollte mit gutem Beispiel vorangehen.
Machen Sie bei solch einer Forderung bitte den ersten Schritt und gehen mit gutem Beispiel voran und verabschieden sich am besten noch heute von diesem Planeten.
Nehmen Sie sich einfach den nächstbesten Strick und hängen sich damit auf, oder stürzen sich von einem Hochhaus in die Tiefe, besten Dank!

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