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04.10.2014

15:53 Uhr

Weltweites Entsetzen

IS droht bereits mit der nächsten Enthauptung

Erneut kursiert ein Video, indem IS-Terroristen eine Geisel töten. Darin droht die Miliz bereits mit der nächsten Enthauptung. Politiker wie US-Präsident Obama und der britische Premier Cameron zeigen sich schockiert.

Fahne der Terroristenorganisation Islamischer Staat: Erneut taucht brutale Propaganda im Internet auf – gemeinsam mit einer Drohung. AFP

Fahne der Terroristenorganisation Islamischer Staat: Erneut taucht brutale Propaganda im Internet auf – gemeinsam mit einer Drohung.

Kairo/Brüssel/Washington/LondonDie vierte Enthauptung einer westlichen Geisel durch die Terrormiliz Islamischer Staat hat weltweit Entsetzen ausgelöst. Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich durch die „völlig unverzeihliche“ Ermordung seines Landsmanns Alan Henning bestärkt im internationalen Vorgehen gegen die sunnitischen Extremisten.

„Kein Niveau der Verderbtheit, auf das sie sich nicht herablassen. Alle Appelle haben nichts genützt“, sagte Cameron am Samstag nach einer Unterrichtung durch seine Sicherheitsexperten. Der einzige Weg, die Terrormiliz davor zu stoppen weitere Geiseln zu ermorden, sei durch militärische Angriffe, betonte Cameron, dessen Streitkräfte kürzlich erstmals den IS im Irak bombardiert hatten.

„Jeder, der noch Zweifel über diese Organisation hat, kann jetzt sehen, wie wahrhaft abstoßend und barbarisch sie ist.“ Ob Großbritannien eine Ausweitung seiner Angriffe auf den IS in Syrien – wo das Video mutmaßlich aufgenommen wurde – in Erwägung zieht, wollte Cameron nicht sagen.

Als „entsetzliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnete die EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe, Kristalina Georgiewa, die Hinrichtung. Sie sprach in einer am frühen Samstagmorgen in Brüssel veröffentlichten Mitteilung von barbarischer Propaganda. „Dies ist ein Angriff auf all jene, die unschuldigen Zivilisten helfen wollen, die im Wahnsinn eines furchtbaren Krieges gefangen sind“, sagte Georgiewa.

Die Täter wollten Menschlichkeit und Solidarität mit der leidenden syrischen Bevölkerung töten, erklärte Georgiewa. Zu Henning sagte sie: „Wir können diesem guten Mann am dauerhaftesten unsere Achtung bezeugen, indem wir weder unser Mitgefühl noch unsere Entschlossenheit aufgeben, Licht in die Dunkelheit zu bringen, die auf das Leben der Menschen gefallen ist, für die er sein eigenes Leben gab.“

Das Video von der Enthauptung des 47-jährigen Alan Henning wurde am Freitagabend in den üblichen Internet-Kanälen der IS-Terroristen veröffentlicht. Es ähnelte Aufnahmen von der Ermordung der US-Journalisten James Foley und Steven Sotloff sowie des britischen Entwicklungshelfers David Haines. Das jüngste Video endet mit einer Drohung, eine weitere US-Geisel zu töten.

„Obama, du hast deine Luftangriffe auf Syrien gestartet, die unsere Leute treffen. Deshalb ist es nur richtig, dass wir damit weitermachen, die Hälse deiner Leute zu treffen“, sagte der vermummte Enthaupter in dem Henning-Video. Er sprach mit demselben britischen Akzent wie der Mörder in den vorherigen Videos.

Henning war im Dezember als Fahrer eines Ambulanzwagens mit einem Hilfskonvoi nach Syrien gekommen. Kurz hinter der türkischen Grenze wurde er entführt. Das von ihm gefahrene Auto war mit Lebensmitteln und Wasser beladen.

Islamischer Staat: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

In Moscheen in ganz Großbritannien wurde zu Beginn des muslimischen Opferfestes am Samstag an Henning erinnert. „Millionen sollten heute für Alan Henning beten, einen guten und ehrhaften Mann“, sagte der muslimische Friedensaktivist Shaukat Warraich vor einer Moschee in Birmingham.

US-Präsident Barack Obama sprach von einem „brutalen Mord“. Das Bündnis gegen den IS werde dafür sorgen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden. Auch der UN-Sicherheitsrat und Frankreichs Präsident François Hollande verurteilten die Tat.

Als Nächstes will der IS nach eigenen Angaben einen 26-jährigen Amerikaner namens Peter Kassig töten, der 2007 als Soldat im Irak gekämpft hatte. Nach seinem ehrenhaften Ausscheiden aus dem Armeedienst aus medizinischen Gründen habe der Mann damit begonnen, Politikwissenschaft zu studieren, berichtete die Washington Post.

Während seiner Semesterferien sei er in den Nahen Osten gereist. Von der türkischen Grenzstadt Gaziantep aus habe er später unter anderem Erste-Hilfe-Lieferungen nach Syrien transportiert und in humanitären Projekten mitgearbeitet.

Die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates der USA, Caitlin Hayden, bestätigte am späten Freitagabend, dass sich Kassig in den Fängen der Milizen befinde. „Zu diesem Zeitpunkt haben wir keinen Grund, an der Echtheit des Videos zu zweifeln“, sagte Hayden.

Die Eltern des Gefangenen, Ed und Paula Kassig, baten in einer Erklärung darum, für ihren Sohn und auch für Henning zu beten. Seinen Eltern zufolge arbeitete Kassig für das Hilfswerk SERA. Er sei am 1. Oktober 2013 im Osten Syriens entführt worden. Während der Gefangennahme sei er zum Islam konvertiert.

Es wird davon ausgegangen, dass der IS noch weitere Ausländer in seiner Gewalt hat. Am Freitag hatte der Vater des britischen Fotojournalisten John Cantlie in einem Video darum gebeten, seinen Sohn freizulassen.

Kommentare (1)

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Herr Wolfgang Trantow

06.10.2014, 13:37 Uhr

Wo bleibt der Protest unser Islamunterstützer: Gauck, Wulff und Käßmann. Sind Sie der meinung es gibt zu viele Christen?

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