Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.01.2011

23:34 Uhr

Weltwirtschaftsforum

Was Medwedjew wirklich sagen wollte

VonFlorian Willershausen

Wäre Russlands Präsident ehrlich gewesen wäre, hätte er beim Weltwirtschaftsforum in Davos diese Eröffnungsrede halten müssen. Moskau-Korrespondent Florian Willershausen hat sie ihm in die Feder diktiert.

Dmitrij Medwedjew bei seiner Rede in Davos. Quelle: dapd

Dmitrij Medwedjew bei seiner Rede in Davos.

Sehr verehrte Damen und Herren, hochverehrte Investoren. Es ist mir eine beispiellose Ehre, in diesem Jahr das Weltwirtschaftsforum in Davos zu eröffnen. Denn lassen Sie mich offen sein: Nirgendwo sonst auf der Welt können wir derart massiert um Investoren werben, auf die wir mehr denn je angewiesen sind.

Wir sind stolz, dass die russische Wirtschaft im vergangenen Jahr um knapp vier Prozent gewachsen ist. Damit brauchen wir uns nicht zu verstecken. Aber Sie wissen genauso wie ich, dass sich Russlands Aufschwung in der letzten Dekade allein auf die sprudelnden Einnahmen aus unseren Rohstoffen stützt. Ein Blick auf unsere Exportstruktur zeigt: Zwei Drittel unserer Ausfuhren sind Öl- und Gasprodukte. Nur zwei Prozent unserer Exporte sind Maschinen. Umgekehrt importieren wir Elektronik, Konsumgüter und Maschinen aus Deutschland und China – darunter vor allem Produkte, die ein Land wie Russland eigentlich selbst fertigen sollte.

Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass mein Land außer Rohstoffen derzeit nicht viel anzubieten hat, was der Weltmarkt gebrauchen kann. Wenn die nächste Krise kommt und den Ölpreis in den Keller treibt, wird sie uns härter treffen als die vorherige – und sie könnte das gesamte herrschende System in Frage stellen.

Deshalb müssen wir endlich umsteuern. Wir müssen Nano- und Biotechnologie, IT-Produkte, Mobiltelefone, Maschinen und Medikamente exportieren.

Es fehlt uns nicht an klugen Ideen, aber wir können sie oft nicht in die Praxis umsetzen. Zu Sowjetzeiten schickten unsere Forscher Raumschiffe ins All. Aber ein Satellitensystem, das kommerziellen Ansprüchen standhält, haben wir bis heute nicht.

Russische Unternehmer können talentiert mit Devisen spekulieren, doch sie lassen sich kaum herab, einfache Produkte wie eine Plastik-Mülltonne „Made in Russia“ zu fertigen. Stattdessen exportieren wir unser Öl gen Westen, um es dort zu Plastik-Mülltonnen verarbeiten zu lassen und diese dann zu kaufen.

Werte Investoren, was sagen Sie zu folgendem Pakt: Sie helfen uns, die Ideen in fertige Produkte umzusetzen. Wir bieten dafür Zugang zu einem Markt, dessen Wachstumsdurst noch lange nicht gestillt ist.

Meine Damen und Herren, ich weiß, wie höflich und zurückhaltend Sie in Gesprächen mit uns sind, wenn es um Demokratie- und Marktdefizite geht. Deshalb lassen Sie mich heute Klartext reden: In Russland liegt einiges im Argen. Vor vier Jahren habe ich selbst hier in Davos behauptet, dass Russland eine reale Demokratie ist, die auf den Prinzipien der Marktwirtschaft und der Herrschaft des Gesetzes beruhe. Aber Sie wissen aus der täglichen Arbeit mit Ihren russischen Partnern, dass Gesetze bei uns selektiv ausgelegt werden und wir durchaus mehr Wettbewerb brauchen könnten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×