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08.12.2016

17:00 Uhr

Wende im syrischen Bürgerkrieg?

„Die Lage in Aleppo ist apokalyptisch“

VonMartin Gehlen

Aleppo steht vor dem Fall, die Rebellen kurz vor der Kapitulation. Bis zum Frühjahr wollen Damaskus und Moskau unumkehrbare Fakten schaffen. Während die Zivilisten durch die Hölle gehen, ist die Diplomatie ohnmächtig.

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Syriens Diktator Bashar al-Assad triumphiert. Die Rückeroberung Aleppos sei ein „großer Schritt“, um den mehr als fünfjährigen Bürgerkrieg zu beenden, jubelte er in einem Interview mit der Staatszeitung „Al-Watan“. Nach dieser Niederlage hätten die Opposition und ihre Unterstützer „keine Karten mehr in der Hand“. Bereits 80 Prozent des Rebellengebietes in der nordsyrischen Handelsmetropole haben Assads Truppen in den letzten drei Wochen zurückerobert, zuletzt auch die Altstadt am Fuße der Zitadelle.

Die Rebellen kontrollieren dagegen nur noch wenige Enklaven, ihre Einheiten befinden sich in chaotischer Auflösung und stehen kurz vor der Kapitulation. „Die Lage ist apokalyptisch“, erklärte ein Aktivist gegenüber CNN. Nach seinen Angaben drängen sich mittlerweile 200.000 Menschen in den noch verbliebenen Rebellenbezirken, weil sie fürchten, vom Regime festgenommen und gefoltert zu werden.

„Ich kenne Leute, die nichts getan haben in den letzten vier, fünf Jahren, die nur in ihren Wohnungen bleiben wollten und jetzt verhaftet werden“, sagte ein Lehrer der BBC. Nach Berichten von Augenzeugen durchkämmen syrische Truppen die zurückeroberten Stadtteile und führen reihenweise Männer im wehrfähigen Alter ab.

Die internationale Anti-IS-Koalition

Welche Länder beteiligen sich?

Nachdem der IS sich im Sommer 2014 in Syrien ausbreitete, beschlossen zehn Länder auf einer Nato-Konferenz ein Bündnis gegen die Terrormiliz. Heute gehören mehr als 60 Staaten zu der Allianz, darunter neben den USA auch Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Türkei. Saudi-Arabien und andere arabische Staaten wie Jordanien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar haben sich dem Bündnis ebenfalls angeschlossen.

Quelle: dpa

Wie geht die Allianz vor?

Derzeit bekämpft die Allianz den IS vor allem in Syrien und im Irak, wenngleich sich der IS auch in Libyen festgesetzt hat. Nach eigenen Angaben hat die Koalition mehr als 12.000 Luftangriffe auf IS-Stellungen geflogen. Die USA bilden im Irak Soldaten der Armee und kurdische Kämpfer aus, Deutschland liefert Waffen und Ausrüstung für kurdische Peschmerga und leistet mit sechs Tornado-Flugzeugen Aufklärungsarbeit.

Welche Erfolge gibt es?

Die Dschihadisten sind in Syrien und im Irak massiv unter Druck geraten. Seit Beginn vergangenen Jahres hat der IS mehr als ein Drittel seines „Kalifat“ genannten Herrschaftsgebietes eingebüßt. Vor allem die Kurden haben den Extremisten mit Hilfe internationaler Luftunterstützung im Norden beider Länder große Gebiete abgenommen. Der irakischen Armee gelang es, den IS aus wichtigen Städten wie Ramadi und Falludscha zu vertreiben. Außerdem haben die Luftschläge die Ölinfrastruktur unter IS-Kontrolle stark zerstört, weshalb die Extremisten laut Analysten unter Finanzproblemen leiden. Dennoch beherrscht der IS noch große Gebiete in Syrien und im Irak.

Welche Rolle spielt die Türkei?

Um die Rolle der Türkei gibt es Streit. Die Türkei stellt seit Sommer vergangenen Jahres ihren Luftwaffenstützpunkt Incirlik der Allianz für den Luftkampf gegen den IS bereit. Ankara hilft auch bei der Ausbildung und hat nach eigenen Angaben kurdische Peschmerga bei der Großoffensive auf Mossul mit Artillerie unterstützt. Die Regierung in Bagdad lehnt eine türkische Militärpräsenz im Irak allerdings ab. Die türkische Führung wiederum weigert sich, ihre Soldaten abzuziehen.

Wann ist Mossul befreit?

Das ist schwer zu sagen, zumal die eigentlichen Kämpfe um die Stadt noch nicht begonnen haben. Bei dem Koalitionstreffen in Paris geht es jedoch schon darum, die politischen Weichen für die Zeit nach dem IS in Mossul zu stellen. Das Gesellschaftsgefüge ist fragil in Iraks zweitgrößter Stadt. Während die meisten Iraker Schiiten sind, ist die Mehrheit der Bevölkerung in Mossul sunnitisch wie der IS. Zudem lebten viele Christen dort. Der sunnitische türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan forderte bereits, dass nach dem Ende der Kämpfe keine Schiiten mehr in der Stadt leben sollten.

Etwa 30.000 Bewohner, die Hälfte von ihnen Kinder, konnten dagegen in den letzten beiden Wochen dem Inferno entkommen und sich im Westen Aleppos in Sicherheit bringen, entweder in den vom Regime oder den von Kurden kontrollierten Teilen. Die Überlebenden berichten von grauenhaften Zuständen. In den Straßenschluchten liegen die Leichen ganzer Familien, die mit ihren Koffern in den Händen vor den Bomben fliehen wollten. Komplette Häuserzeilen sind unbewohnbare Trümmerwüsten. Keines der Krankenhäuser in dem seit Mitte Juli umzingelten Osten ist noch intakt.

Verwundete liegen in den zerstörten Räumen, um die sich keiner mehr kümmert. Medikamente, Lebensmittel und selbst der Sprit für Krankenwagen sind aufgebraucht. „Wir sind total gelähmt und können niemanden mehr behandeln“, sagte einer der letzten noch verbliebenen Ärzte. „Die Leute sind verstört und in Panik, jeden Tag müssen Familien von einer Straße in die nächste fliehen“.

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

08.12.2016, 17:10 Uhr

 
Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

Herr Peter Delli

08.12.2016, 17:15 Uhr

Die Guten gewinnen und Merkel darf ihre Gäste für immer behalten.

Frau Annette Bollmohr

08.12.2016, 17:18 Uhr

'Selbst wenn man mit Aleppo fertig sei, gehe der Krieg weiter, bis „der Terrorismus eliminiert ist“' tönt Assad. Was nichts anderes heißt, als dass der Terror für die Zivilbevölkerung so lange weitergehen wird, wie er selber nicht weg vom Fenster ist. Grauenhaft.

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