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25.07.2011

19:12 Uhr

Wende in Libyen

Gaddafi darf bleiben

Bislang wollten die Rebellen Gaddafi aus dem Land jagen. Doch nun zeichnet sich eine Wende ab. Ein Anführer der Rebellen deutet an, dass Gaddafi in seiner Heimat bleiben könnte.

Rebellen in Libyen: Ein Anführer spricht sich offen für Verbleib Gaddafis in der Heimat aus. Quelle: dapd

Rebellen in Libyen: Ein Anführer spricht sich offen für Verbleib Gaddafis in der Heimat aus.

London/Dubai/BenghasiDie libyschen Rebellen haben sich im Falle eines Machtverzichts von Muammar Gaddafi entgegen ihrer bisherigen Position offen für dessen Verbleib im Lande gezeigt. „Gaddafi kann in Libyen bleiben, aber es wird Bedingungen geben“, zitierte das „Wall Street Journal“ am Montag den Chef des Nationalen Übergangsrats, Mustafa Abdel Dschalil. Die Rebellen würden festlegen, wo Gaddafi und seine Familie sich aufhalten dürften und wer sie überwache.

Bislang hatten die Aufständischen stets gefordert, dass der Machthaber Libyen verlassen müsse. Die neue Haltung liegt dagegen mehr auf einer Linie mit jüngsten Äußerungen westlicher Unterstützer der Rebellen. So hatte Frankreichs Außenminister Alain Juppe vergangene Woche gesagt, Gaddafi könne in Libyen bleiben, wenn er abdanke. Die USA und Italien hatten erklärt, Gaddafi müsse gestürzt werden. Über sein Schicksal solle jedoch das libyschen Volk entscheiden. Damit ließen auch sie die Möglichkeit offen, dass Gaddafi in seiner Heimat bleiben könnte.

Der Gaddafi-Clan

Muammar al-Gaddaf

Libyens Machthaber hat mehrere seiner Kinder in Schlüsselpositionen seines Landes untergebracht. Sein jüngster Sohn Saif al-Arab al-Gaddafi wurde in der Nacht zum Sonntag bei einem Luftschlag der Nato auf Tripolis getötet. Mitte März soll bereits sein Bruder Chamies Opfer eines Kamikaze-Piloten geworden und in einem Krankenhaus in Tripolis gestorben sein. Gaddafi ist seit 1970 in zweiter Ehe mit der Krankenschwester Safija Farkash verheiratet. Mit ihr hat er sieben Kinder.

Mohammed Al-Gaddafi

Der Informatiker wurde 1970 geboren und leitet das staatliche Post- und Fernmeldeunternehmen. Zudem besitzt er zwei libysche Mobilfunk-Anbieter. Er ist das einzige Kind von Gaddafi und der vermögenden Offizierstochter und Lehrerin Fatiha. Die Ehe wurde 1969 nach einem halben Jahr geschieden. Mohammed Al-Gaddafi führt zudem das Nationale Olympische Komitee.

Saif Al-Islam Al-Gaddafi

Sein Vorname wird mit „Schwert des Islams“ übersetzt. Nach einem Studium der Architektur und Wirtschaftswissenschaften in Tripolis, Wien und London gründete er 1999 die formal unabhängige Gaddafi-Stiftung für Entwicklung. Ihm gehören mehrere Wirtschaftsunternehmen. Nach Kritik am Führungsstil seines Vaters hatte er 2006 vorübergehend das Land verlassen. Seitdem gilt er im westlichen Ausland als möglicher reformorientierter Nachfolger des Diktators. Saif wurde 1972 geboren.

Al-Saadi Al-Gaddafi

Er besuchte die libysche Militärakademie und hat - wie sein Vater - den Rang eines Obersten. Nachdem er als Kommandant einer Eliteeinheit Islamisten in Libyen bekämpft hatte, ging er 2003 als Fußballprofi nach Italien. Er stand dort bei mehreren Erstligamannschaften unter Vertrag, kam aber kaum zum Einsatz, bevor er sich nach Doping-Vorwürfen verabschieden musste. Heute ist Al-Saadi (geboren 1973) Präsident des libyschen Fußballverbandes.

Mutassim Billah Al-Gaddafi

Mutassim (geboren 1975) absolvierte eine militärische Ausbildung in Libyen und Ägypten. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater floh er vorübergehend nach Ägypten. Später durfte er zurückkehren und befehligt nun die einflussreiche Präsidentengarde. In den vergangenen Jahren wurde Mutassim Billah wiederholt vom Vater mit wichtigen politischen und diplomatischen Aufgaben betraut.

Aischa Al Gaddafi

Die Juristin (geboren 1976) ist die einzige Tochter des Herrschers. Sie studierte in Tripolis und Paris. Aischa gehörte zu der Gruppe von Rechtsanwälten, die den gestürzten und später hingerichteten irakischen Diktator Saddam Hussein verteidigte. Sie ist seit 2006 mit einem Cousin ihres Vaters verheiratet und leitet heute eine libysche Wohltätigkeitsorganisation.

Hannibal Al-Gaddafi

Der Absolvent der Militärakademie in Libyen (geboren 1977) geriet durch seinen luxuriösen Lebensstil und Gewalttaten in die Schlagzeilen. 2005 soll er eine Freundin in einem Pariser Hotel niedergeschlagen haben. 2007 verhaftete ihn die Schweizer Justiz, weil er in Genf Hausangestellte misshandelt haben soll.

Saif-Al-Arab Al Gaddafi

Über diesen Sohn ist wenig bekannt. Nach Angaben eines libyschen Regierungssprecher war er bei seinem Tod in der Nacht zum 1. Mai 2011 etwa 29 Jahre alt. Er soll in München studiert haben, wo Saif-al-Arab mehrfach der Polizei auffiel, unter anderem wegen seines besonders lauten Ferraris und wegen Schlägereien in Nobel-Diskotheken.

Chamies Al-Gaddafi

Der nach Medienberichten nun getötete Sohn (geboren 1980) ist ebenfalls weitgehend unbekannt. Nach einer militärischen Ausbildung in Russland soll er zuletzt eine wichtige Funktion im libyschen Sicherheitsapparat bekleidet haben.

Milad Aubustaia Al-Gaddafi

Muammars Neffe wurde von dem Herrscher adoptiert. Während eines US-Bombenangriffs auf Tripolis 1986 soll er nach libyscher Legende das Leben des Machthabers gerettet haben. Die 15 Monate alte Adoptivtochter Hana wurde bei dem Bombardement getötet.

Als weiteres Anzeichen für Bemühungen, die festgefahrenen Kämpfe durch eine politische Lösung zu beenden, werteten Beobachter ein Treffen eines UN-Vertreters mit den Aufständischen. Beide Seiten teilten mit, Vorschläge für eine friedliche Lösung diskutiert zu haben. Konkrete Vorschläge gebe es jedoch nicht. Um die Gunst der Bevölkerung zu sichern, sind die Rebellen dringend auf Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen

Die Türkei entsandte zwei Öl-Tanker in das nordafrikanische Land, in dem der Bürgerkrieg die Anlagen zur Förderung und den Transport schwer beschädigt hat. Die Lieferungen sind nach Angaben aus Industriekreisen mindestens zehn Millionen Dollar wert und Teil von zugesagten Hilfsleistungen der Regierung in Ankara. 5000 Tonnen Diesel seien am Wochenende bereits angeliefert worden, weitere 5000 Tonnen auf dem Weg. Die Rebellen versuchen seit fünf Monaten, Gaddafi nach 41 Jahren an der Macht zu stürzen. Seit vier Monaten werden sie dabei durch die Nato unterstützt. Dennoch haben die Aufständischen keine entscheidenden Fortschritte machen können. Der Westen setzt deswegen inzwischen verstärkt auf eine Verhandlungslösung.

Von

rtr

Kommentare (4)

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aruba

25.07.2011, 20:24 Uhr

Guten Tag;..... Aber gerne darf er bleiben. So wie damals Benito an der Tankstelle in Milano. Mit dem Kopf nach unten an einem Strick. Besten Dank

wuestenbewohner

25.07.2011, 21:52 Uhr

"Gaddhafi darf bleiben"´:
das klingt so nach Gnadenerweis für einen Unterdrücker.

Offenkundig liebt der Westen Massenmörder.


Die zivilisierte Welt jedoch weniger.



Durchblicker

26.07.2011, 02:20 Uhr

...Ich glaube eher nicht, dass die sogen. "Rebellen" irgendwelche Bedingungen diktieren koennen. Ausser der bisher erfolglosen NATO-Unterstuetzung haben sie offensichtlich in der Bevoelkerung wohl nicht allzuviel Rueckenhalt...

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