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17.09.2014

19:32 Uhr

Weniger Aufträge

Russland-Sanktionen treffen deutschen Maschinenbau

Durch die Krise in der Ukraine geraten deutsche Maschinenbauer, Reedereien und Schiffe in Schieflage. Russland will unterdessen die Besitzrechte von Ausländern in einheimischen Medien drastisch beschneiden.

Der deutsche Maschinenbau leidet unter der Krise in der Ukraine. dpa

Der deutsche Maschinenbau leidet unter der Krise in der Ukraine.

Frankfurt/KiewDie Ukraine-Krise zieht nach Ansicht von Sanierungsexperten vor allem deutsche Maschinenbauer in Mitleidenschaft. Seit Juli rolle eine neue Welle von Sanierungsfällen auf Deutschland zu, berichtete Joachim Englert, Partner der Wirtschaftsprüfungsfirma PwC am Mittwoch in Frankfurt. „Unter den Problemen in Russland leidet vor allem der Maschinenbau“, sagte Englert. Bei mittelständischen Unternehmen machten Aufträge von dort oft mehr als zehn Prozent des Bestandes aus. Auch Reedereien und Schiffe gerieten immer mehr in Schieflage. „Da kommen jeden Tag neue Fälle herein.“

Im ersten Halbjahr hatten die Sanierer weit weniger Firmenpleiten zu bewältigen als 2013. Unter den Insolvenzen dominierten Mittelständler. Doch nun zeigten auch Branchen wie Aluminium- und Kupferschmelzen, dass die Probleme zunähmen. „Das sind echte Frühindikatoren“, sagte Englert.

Als großes Risiko sehen die Restrukturierer vor allem die Hochzinsanleihen, mit denen sich auch kleinere Unternehmen – etwa über Mittelstands-Bonds – finanziert haben. „Wir werden vermehrt Restrukturierungen von High-Yield-Anleihen sehen“, sagte Max Mayer-Eming voraus, der für die Investmentbank Macquarie das Sanierungsgeschäft in Deutschland leitet. Angelockt von niedrigen Zinsen griffen mehr Unternehmen zu riskanteren Finanzierungen. Die breite Streuung der Schuldtitel erschwere in einer Krise aber die Umschuldung, weil die Unternehmen es dann nicht mit wenigen Kreditgebern, sondern mit vielen – teilweise an einer Sanierung kaum interessierten – Anlegern zu tun hätten.

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

Was wären die Folgen?

Eingriffe in die Finanzierung würden die russische Wirtschaft querbeet treffen. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, schreiben die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB). Sollte die EU dem Beispiel der USA mit einem Verbot für die Finanzierung erster russischer Unternehmen folgen, werde dies zwangsläufig sehr schnell wirken - denn bislang hätten russische Firmen Finanzierungen in Dollar zumindest teilweise durch Finanzierungen in Euro ersetzen können.

Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?

Von Handelsverboten beispielsweise bei Rüstung und Maschinen wären natürlich die Hersteller selbst betroffen. Schon jetzt berichten Maschinenbauer über Einbrüche, obwohl es noch gar keine konkreten Schritte gibt. „Die Russen würden uns die Maschinen ja gern abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch nach Russland ausgeführt werden können“, sagt der Präsident Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um. Die mittelständische Wirtschaft fürchtet, dass ein Embargo bei uns vor allem auf Klein- und Mittelbetriebe in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektronische Erzeugnisse, Pharma und Nahrungsmittel zurückschlagen würde.

Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?

Russland hat zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land aber nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden, hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft.

Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?

Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen.

Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

Auch das ist völlig unklar. Allerdings hätte Moskau genügend Mittel für einen Gegenschlag: Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Ein Großteil der Wirtschaftsmacht des „Rohstoffgiganten Russland“ beruht auf Erdöl, Erdgas, Kohle sowie Metallen wie Nickel, Aluminium. Und genau hier könnte das Drohpotenzial liegen - theoretisch zumindest: „Nach rationalen Erwägungen würden sich die Russen stärker selbst schaden, wenn sie uns den Gashahn beginnen abzudrehen, weil sie ... von den Einnahmen daraus abhängig sind“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Donnerstag im Südwestrundfunk.

Eine positive Zwischenbilanz zogen die Experten für das Schutzschirmverfahren, das seit einer Reform des Insolvenzrechts vor gut zwei Jahren einer Insolvenz vorgeschaltet werden kann. „Vorher hätte ich keinem Unternehmen geraten, eine Insolvenz als Mittel zur Restrukturierung in Erwägung zu ziehen. Heute ist das automatisch Teil der Prüfung“, sagte Englert. Unternehmer seien nun früher bereit, einer Sanierung ins Auge zu sehen, Kunden und Lieferanten verfielen anders als bei der klassischen Insolvenz nicht in Schockstarre, sagte Frank Grell, der für die Kanzlei Latham & Watkins Sanierungen begleitet. Damit sei die Absicht der Reform erfüllt. „Das Schutzschirmverfahren hat nicht das Stigma der Insolvenz“, sagte Mayer-Eming.

Russland will unterdessen die Besitzrechte von Ausländern in einheimischen Medien drastisch beschneiden. Ein am Mittwoch vorliegender Gesetzentwurf könnte auch den deutschen Konzern Axel Springer betreffen, dessen Russland-Tochter Zeitschriften wie „Forbes“, „Geo“ oder „Gala Biografia“ verlegt. Der Vorstoß sieht vor, den ausländischen Anteil an einem Medium auf maximal 20 Prozent zu kappen. Damit soll Russlands „Souveränität“ auf dem Informationsmarkt gewahrt bleiben, wie es in dem Gesetzentwurf heißt. Die Regierung von Präsident Wladimir Putin wirft dem Westen vor, einen „Medienkrieg“ gegen Russland zu führen. Dabei sind der Führung in Moskau insbesondere westliche Berichte ein Dorn im Auge, in denen von Lieferungen russischer Waffen und Truppenkontingenten für die Rebellenverbände im Osten der Ukraine die Rede ist.

Sergej Schelesniak, ein Parlamentarier der regierenden Partei „Einiges Russland“ sagte, mit dem Gesetz solle der „Einfluss des Auslandes auf Ereignisse im Land“ eingedämmt werden. Die Gesetzesvorlage war von der Kommunistischen Partei, der Bewegung „Gerechtes Russland“ und der nationalistischen LDPR eingebracht worden. Falls das Parlament den Entwurf billigt, tritt das Gesetz im Januar 2016 in Kraft. Die Anteilseigner der betroffenen Medien sollen jedoch bis zum Februar 2017 Zeit haben, die Eigentümerstruktur dem neuen Gesetz anzupassen.

Axel Springer wollte sich zu den Gesetzesplänen nicht äußern. Der Medienkonzern bezeichnet seinen Umsatzanteil in Russland als klein, weist dazu aber keine Zahlen aus. Springer hatte sein Portfolio in dem Land vor fünf Jahren um Titel der Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr erweitert, die Springer seitdem in Lizenz verlegt. Seit sich auch die Bertelsmann-Tochter RTL Group im vergangenen Jahr aus Russland zurückzog, ist Bertelsmann in dem Land nicht mehr an Medien beteiligt. Der deutsche Privatsender ProSiebenSat.1 betreibt ebenfalls kein Russland-Geschäft.

Kommentare (1)

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Herr Manfred Zimmer

19.09.2014, 12:26 Uhr

Es sollte doch unstrittig sein, dass die Politik und nicht die Wirtschaft schuldig für die Situation ist.

Wäre es nicht folgerichtig, wenn die Politiker selbst von den Sanktionen betroffen würde?

Wie wäre es, wenn die Politiker allesamt ihre Diäten zu Gunsten der Ebola-Opfer spenden würden? Das würde doch Eindruck schinden und ihre Sanktionen ins rechte Licht setzen.

Ich halte nicht von Maßnahmen unter denen andere, unbeteiligte Menschen zu leiden haben.

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