Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.11.2013

15:30 Uhr

Wer ist Edward Snowden?

Liebesgrüße aus Moskau

VonDésirée Linde

James Bond war der berühmteste Agent, doch nun mischt ein anderer die Welt aus Russland auf: Computer-Nerd, Ex-Spion, Staatsfeind Nr. 1 der USA, Edward Snowden. Wie der 30-Jährige zum weltberühmten Whistleblower wurde.

Ex-Spion in Moskau: Edward Snowden hat für ein Jahr Asyl. AP

Ex-Spion in Moskau: Edward Snowden hat für ein Jahr Asyl.

Es ist dieser kleine Moment, in dem Edward Snowden ganz kurz Gefühl zeigt. Als er in dem Hongkonger Hotel sitzend erklärt, dass die Straße runter die CIA ein Büro hat und die Kollegen wohl in den nächsten Wochen viel zu tun bekommen werden. Da lacht er.

Es ist ein kurzes, feines Lachen, es erreicht seine Augen. Es ist keines des Triumphes, es wirkt eher amüsiert – und erstaunt von seiner eigenen Geschichte. Er lacht es in dem Interview, das Guardian-Kolumnist Glenn Greenwald Anfang Juni geführt hat, kurz bevor er mit dem Guardian die ersten Dokumente veröffentlichte und die Geschichte nicht mehr aufzuhalten war. Zu diesem Zeitpunkt haben der Journalist und die Dokumentarfilmerin Laura Poitras längst schon eine Ahnung davon, wie groß das Ding wird. Es wird die Geschichte ihres Lebens. Und die von Edward Snowden.

Die NSA-Spähaffäre und die Causa Snowden

5.Juni

Die britische Zeitung „The Guardian“ berichtet, dass der Handynetzbetreiber Verizon dem US-Geheimdienst NSA auf der Grundlage eines geheimen Gerichtsurteils täglich Informationen zu allen Telefonanrufen innerhalb der USA sowie zwischen der USA und anderen Ländern übermitteln muss.

6. Juni

Berichten der "Washington Post" und des „Guardian“ zufolge dürfen die NSA und die Bundespolizei FBI auf Serverdaten der Internetkonzerne Google, Microsoft, Yahoo, Facebook, Apple, Youtube, Skype, AOL und PalTalk zugreifen. Das geheime Überwachungsprogramm wurde demnach 2007 eingeführt.

9. Juni

Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden, der über Hawaii nach Hongkong geflohen war, gibt sich als Quelle der Enthüllungen zu erkennen. Drei Tage später beschuldigt er Washington, weltweit "hunderttausende Computer" zu überwachen.

21. Juni

Die US-Regierung beschuldigt Snowden der Spionage, des Diebstahls und der illegalen Nutzung von Regierungseigentum. Washington verlangt von Hongkong die Auslieferung des IT-Experten.

23. Juni

Snowden, gegen den inzwischen ein Haftbefehl vorliegt, reist nach Moskau. Sein Reisepass wurde von den US-Behörden ungültig gemacht. Der ecuadorianischen Regierung liegt nach eigenen Angaben ein Asylantrag Snowdens vor. Washington warnt Moskau und Peking vor diplomatischen Konsequenzen.

1. Juli

Putin bietet Snowden ein Aufenthaltsrecht in Russland an, fordert aber, dass der Informant seine Aktivitäten gegen die USA einstellt. Nach Angaben der Plattform „Wikileaks“ hat Snowden in zahlreichen Ländern, darunter Deutschland, um politisches Asyl ersucht.

2. Juli

Mehrere Staaten lehnen Snowdens Asylantrag ab. Nach Ländern wie Deutschland, Österreich, Brasilien, Spanien und Polen erteilen ihm am Tag darauf auch Frankreich und Italien eine Absage.

21. Juli 2013

Das Bundesamt für Verfassungsschutz räumt ein, es teste ein NSA-Spähprogramm, setze es aber derzeit nicht ein. Der „Spiegel“ berichtet, der BND habe sich für eine laxere Auslegung deutscher Datenschutzgesetze eingesetzt, um den Austausch zu erleichtern.

1 .August

Snowden erhält vorläufiges Asyl in Russland und verlässt den Flughafen. Er darf nun ein Jahr lang im Land bleiben, sein russischer Wohnort wird aus Sicherheitsgründen geheimgehalten.

7. August

US-Präsident Barack Obama sagt ein für Anfang September geplantes Einzeltreffen mit Putin am Rand des St. Petersburger G-20-Gipfels wegen der Spannungen um Snowden ab.

31. Oktober

Unter strenger Geheimhaltung trifft der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele Snowden in Russland. Der Informant habe grundsätzliches Interesse, in Deutschland zur NSA-Spähaffäre auszusagen, sagt Stöbele anschließend.

Hatte Snowden diese Ahnung auch? Menschen, die den jungen, unscheinbaren Mann mit der randlosen Brille in den vergangenen Monaten getroffen haben – von Greenwald bis zu Snowdens Hongkonger Anwalt – berichten davon, dass der 30-Jährige selbst von dem Ausmaß der Offenlegung der NSA-Machenschaften überrascht war und lange nicht damit gerechnet hatte, dass er für immer auf der Flucht sein würde. Jetzt ist klar: Deutschland wird den Status nicht beenden, denn Berlin wird Snowden keinen Aufenthalt in Deutschland gewähren. Höchstens zu Gesprächen nach Moskau fliegen. Das ist das Ergebnis des Parlamentarischen Kontrollgremiums, das heute tagte.

Vergangene Woche in Moskau: Snowden bekommt einen Whistleblower-Preis überreicht. Er wirkt entspannter als noch vor Monaten, redet akzentuierter als er vom datenhungrigen Staat spricht, der einfach alles sammelt unter dem Motto „Vielleicht kann man es ja mal brauchen“. Wütend auf den Staat wirkt er nicht.

Er redet sich nicht in Rage. In der Öffentlichkeit verliert er nie die Contenance, polemisiert nicht, holt nicht zum großen verbalen Rundumschlag aus. Er bleibt sachlich, ruhig, seine Stimme ist tiefer als sein schmächtiger, mädchenhafter Körper vermuten lässt, sie klingt stets etwas rau und heiser.

Es sind diese kleinen Episoden, mit denen die Öffentlichkeit versucht, sich ein Bild von dem Mann zu machen, der einen der größten Skandale überhaupt aufgedeckt hat. Von dem alle Welt gehört hat, aber kaum jemand etwas weiß. Von seinen Motiven und seinem Charakter wird – wie vermutlich von vielen anderen Details vieles in Dunkeln bleiben. Was ihn letztlich antrieb, ob der russische Geheimdienst wirklich keinen Zugang zu seinen Daten hatte, wie er stets betont – es ist wahrscheinlich, dass Antworten darauf ausbleiben.

Edward Joseph Snowden wurde 1983 geboren. Er lebt mit seinen Eltern und der Schwester zuerst in North Carolina, dann in Maryland. Sein Vater ist Beamter der Küstenwache, die Mutter Angestellte am Bezirksgericht. 2002 trennen sich seine Eltern.

Kommentare (13)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

R.Rath

06.11.2013, 15:55 Uhr

Asyl für Snowden? Deutschland kommt auf keinen Fall in Frage, dieses Land ist nur halbsouverän und für politisch Verfolgte aus der westlichen Hemisphäre vollständig ungeeignet.

In Europa kommen nur die Schweiz als klassisches Asylland oder der Vatikan in Frage, wenn Russland nach der Einjahres-Frist das Asyl für Snowden nicht verlängern sollte.

pro-d

06.11.2013, 16:01 Uhr

Amerikas Hegemonie ist vorbei.


Zuerst die gute Nachricht. Amerikas Hegemonie ist vorbei. Der Tyrann ist bezwungen. Wir haben das Kap der Guten Hoffnung umrundet, symbolisch gesprochen, im September 2013.

Mit der syrischen Krise hat die Welt eine entscheidende Wende in der modernen Geschichte genommen. Es stand auf der Kippe, ebenso riskant wie die kubanische Raketen-Krise von 1962. Die Chance eines totalen Krieges war groß, als der unbeugsame Wille Amerikas und Eurasiens sich im östlichen Mittelmeer kreuzten.

Es wird einige Zeit dauern, bis wir wirklich merken, was wir durchgemacht haben – das ist normal bei Ereignissen dieser Größe. Das Chaos von der Wahnsinnsverfolgungsjagd in Washington bis zur Stillegung der Bundesregierung und der möglichen Einstellung der Schuldenzahlungen sind die direkten Konsequenzen dieses Ereignisses.

Rumor

06.11.2013, 16:13 Uhr

"halbsouverän" ist gut. Man ist entweder souverän oder überhaupt nicht. Souveränität ist nicht "teilbar"

Prof.Foschepoth hat Recht, wenn er anmerkt, Deutschland ist immer noch vertraglich verpflichtet, westlichen Geheimdiensten eine umfassende Ausspähung seiner Bevölkerung zu gewähren.
Diese alten Verträge wurden nie gekündigt und sind somit geeignet souveräne Rechte Deutschlands zu konterkarieren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×