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25.01.2016

14:22 Uhr

Westjordanland

Die Brutstätte des Terrors

Die Radikalisierung jugendlicher Siedler heizt Israels Konflikt mit den Palästinensern gefährlich an. Militante Mitglieder der „Hügeljugend“ schrecken auch vor tödlichen Anschlägen nicht zurück.

Siedlersprecher Aharon Katzof steht am Rande des Außenpostens Esch Kodesch im Westjordanland. Seit fünf Jahren lebt er hier. dpa

„Bessere Lebensqualität“

Siedlersprecher Aharon Katzof steht am Rande des Außenpostens Esch Kodesch im Westjordanland. Seit fünf Jahren lebt er hier.

Jerusalem Liebevoll streicht Aharon Katzof über die silbrigen Blätter eines Ölbaums. „Er symbolisiert Frieden“, sagt der 31-jährige Siedlersprecher lächelnd. Doch der Baum wächst in einer Umgebung, die alles andere als friedlich ist. Er steht inmitten von Esch Kodesch, einem israelischen Siedlungsaußenposten mit 40 Familien und rund 150 Kindern im nördlichen Westjordanland.

Nur wenige Kilometer entfernt liegt die palästinensische Ortschaft Duma. Bei einem Brandanschlag radikaler jüdischer Siedler auf die Dawabscheh-Familie kam dort vor einem halben Jahr ein 18 Monate alter Palästinenserjunge zu Tode. Seine Eltern starben später an ihren schweren Verletzungen. Überlebt hat nur ein vierjähriger Bruder – der allerdings das Krankenhaus bis heute nicht verlassen hat.

Der 21-jährige jüdische Hauptverdächtige, der jetzt gemeinsam mit einem Minderjährigen wegen Mordes vor Gericht steht, hat in einem anderen Außenposten ganz in der Nähe von Esch Kodesch gelebt. Amiram Ben Uliel, Sohn eines Rabbiners, gehört zu der sogenannten jüdischen „Hügeljugend“, die für zahlreiche Anschläge auf Palästinenser und deren Besitz, aber auch auf christliche Einrichtungen verantwortlich gemacht wird.

Die „Hügeljugend“ im Westjordanland

Was ist die „Hügeljugend“?

Bei der „Hügeljugend“ handelt es sich um jüdische Siedler im Teenager- und jungen Erwachsenenalter. Viele sind Minderjährige, die ihr Elternhaus in „etablierten“ Siedlungen in den von Israel besetzten Palästinensergebieten verlassen und auf nahe gelegenen Hügeln neue Außenposten errichtet haben.

Was macht die „Hügeljugend“?

Militanten Mitgliedern der „Hügeljugend“ werden die sogenannten „Preisschild“-Angriffe auf palästinensischen Besitz zugeschrieben – etwa Brandanschläge auf Moscheen oder Autos sowie anti-muslimische Schmierereien. Diese geschehen häufig als Rache für palästinensische Attacken oder nach Einsätzen der israelischen Armee gegen Siedler.

Wie viele Mitglieder hat die „Hügeljugend“?

Die „Hügeljugend“ hat mehrere hundert Mitglieder, die Schätzungen gehen bis zu 1000. Insgesamt leben im Westjordanland und Ost-Jerusalem nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation Betselem etwa 550.000 israelische Siedler. Es gibt im Westjordanland 125 Siedlungen, dazu kommen rund 100 nicht genehmigte „wilde Siedlungen“.

Laut Anklageschrift sind sie Mitglieder einer jüdischen Terrororganisation, die mit tödlichen Anschlägen den Nahost-Konflikt anheizen und Angst unter der nicht-jüdischen Bevölkerung säen wollte. Der Duma-Anschlag war auch Rache für den Mord an Malachi Rosenfeld im Vormonat. Der junge Mann war am 29. Juni mit drei Freunden auf dem Rückweg von einem Basketballspiel, als palästinensische Angreifer nördlich von Jerusalem das Feuer auf ihr Fahrzeug eröffneten.

Siedlersprecher Katzof, Mitglied eines örtlichen Sicherheitsteams, war damals einer der Ersten am Tatort. „Es ist nur zwei Minuten entfernt von hier passiert. Das Auto war von Kugeln durchlöchert.“ Die Erbitterung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Gleichzeitig weist er jegliche Verbindung zu dem schockierenden Rachemord an der Palästinenserfamilie weit von sich. „Ich will nicht darüber sprechen, ich will es noch nicht einmal kommentieren - es hat nichts mit mir zu tun“, sagt der Vater von fünf Kindern und zieht sich seine Schirmmütze tief über die Augen.

Parteien in Israel

Likud

Der Ursprung der Likud-Partei liegt in der 1948 gegründeten Partei Cherut. 1977 stellte Likud mit Menachem Begin zum ersten Mal den israelischen Regierungschef. Der aktuelle Ministerpräsident und Parteivorsitzende Benjamin Netanjahu war bereits von 1996 bis 1999 Ministerpräsident Israels. Likud gehört zu den Arbeiterparteien und steht für den Ausbau israelischer Siedlungen im Westjordanland. Nationalkonservative Grundsätze zeichnen Likud genauso wie ihre zionistische Weltsicht aus.

Kadima

Die vom damaligen Ministerpräsident Ariel Scharon 2005 gegründete Kadima-Partei hat ihren Ursprung bei der rechtskonservativen Likud. Kadima gehört zu den liberalen Parteien und strebt mithilfe der „Road Map“ eine Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts an. Parteivorsitzender ist Schaul Mofas.

Awoda

Die Awoda ist eine israelische Arbeitspartei und wurde 1968 gegründet. Im Zentrum stehen sozial- und wirtschaftspolitische Fragen. Aber auch der Konflikt mit Palästina spielt bei Awoda eine zentrale Rolle. Die Arbeitspartei verfolgt hier einen ähnlichen Ansatz wie Kadima. Mithilfe von Verhandlungen mit nicht gewalttätigen palästinensischen Gruppierungen soll Frieden zwischen den Nationen hergestellt werden. Der aktuelle Parteivorsitzende ist Jitzchak Herzog.

HaBajit jaJehudi

Die Partei „Jüdische Heimat“ zählt zu den ultrakonservativen Gruppen im israelischen Parlament und ist aktuelle Koalitionspartner von Benjamin Netanjahu. Die von nationalreligiösen Politikern geführte Partei setzt sich besonders für israelische Siedler im Westjordanland ein.

Schas

Die ultraorthodoxe Partei Schas gehört zu den Hardlinern im Parlament. Sie verfolgen eine kompromisslose Politik gegenüber den Palästinensern und stufen Homosexualität als Krankheit ein. Dennoch war Schas an einigen Regierungen beteiligt. Seit 2013 gehört sie der Opposition an.

Jesch Atid

Die Zukunftspartei unter den Vorsitzenden und Parteigründer Yair Lapid hat sich seit 2012 zu einer Partei der Mitte etabliert. Die Partei fordert eine Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden, die bisher vom Dienst an der Waffe befreit waren. Außerdem wird eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern angestrebt.

Hatnua

Die von Tzipni Livni gegründete Hatnua ist ein Abspaltungsprodukt der Kadima-Partei. Hatnua gehört dem Mitte-Links-Spektrum an. Im aktuellen Wahlkampf hat sich die Partei der Awoda zusammengeschlossen. In den Prognosen liegt das Parteibündnis vor der Likud.

Meretz

Die linksgerichtete Meretz hat die Bürgerrechte, die Gleichstellung der Frau und den religiösen Pluralismus im Fokus. Außenpolitisch besitzt Meretz ein Alleinstellungsmerkmal. Als erste zionistische Partei akzeptiert sie einen palästinensischen Staat. Aktuelle Parteivorsitzende ist Zahava Gal-On.

Vereinigte Arabische Liste

Die Vereinigte Arabische Liga setzt sich aus der Balad- und der Taal-Partei zusammen. In ihrem Wahlkampf fordern sie die Etablierung eines palästinensischen Staates, die Räumung der jüdischen Siedlungen und eine Gleichberechtigung zwischen jüdischen und arabischen Israelis.

Er ist in Kalifornien aufgewachsen, nach seiner Einwanderung nach Israel wohnte er zunächst einige Jahre in Tel Aviv. Seit fünf Jahren lebt er in dem Siedlungsaußenposten – als Grund nennt er „bessere Lebensqualität“. „In Tel Aviv habe ich 5.000 Schekel (1.200 Euro) Miete gezahlt, hier bekommt man für weniger als 1.000 Schekel (240 Euro) einen Wohnwagen.“

Der Name Esch Kodesch bedeutet „heiliges Feuer“. Der 1999 gegründete Ort ist benannt nach dem Israeli Esch Kodesch Gilmore, der bei einem palästinensischen Anschlag getötet worden war. Auf dem Hügel gegenüber liegt der palästinensische Ort Kusra. In den letzten Jahren gab es immer wieder Berichte über Reibereien zwischen den Einwohnern von Esch Kodesch und von Kusra.

Seit dem Duma-Fall ist die Gewalt im Westjordanland weiter eskaliert. Die Tat ist ein Zeichen für eine zunehmende Radikalisierung von Teilen der Siedlerjugend. Israel hat danach auch jüdische Siedler in sogenannte Administrativhaft genommen. Unter den Festgenommenen ist auch der „Top-Extremist“ Meir Ettinger, Enkel des 1990 in New York ermordeten rechtsextremen Rabbiners Meir Kahane. Die Administrativhaft, die ohne offizielle Anklage verhängt werden kann, war zuvor vor allem gegen Palästinenser eingesetzt worden.

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