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22.08.2014

20:30 Uhr

Westjordanland

Ein unbeugsames Dorf

VonPepe Egger

Raketen und Diplomatie haben im Nahost-Konflikt bisher nichts gebracht. Keine Waffenruhe hält, die Anzahl der Toten steigt weiter. In einem Dorf im Westjordanland gehen die Bewohner einen anderen Weg.

Das palästinensisches Dorf Ni’lin liegt direkt an der israelischen Sperranlage zum Westjordanland; dort sagen sie ‚Mauer’ dazu.

Das palästinensisches Dorf Ni’lin liegt direkt an der israelischen Sperranlage zum Westjordanland; dort sagen sie ‚Mauer’ dazu.

Ni’lin/Ramallah Ni’lin ist ein verschlafenes palästinensisches Dorf von ein paar Tausend Einwohnern direkt an der israelischen Sperranlage zum Westjordanland; in Ni’lin sagen sie ‚Mauer’ dazu, während die israelische Regierung sie ‚Sicherheitszaun’ nennt. Jeden Freitag wird hier demonstriert, seit 2008, da der Bau der acht Meter hohen Betonbarriere das Dorf von mehr als einem Viertel seiner landwirtschaftlichen Flächen abzuschneiden drohte.

Einer der Dorfbewohner, der mit seinen zwei Söhnen an der Kundgebung teilnimmt, bevor er zur Hochzeit seines Neffen eilt, sagt: „Meine Familie hat durch den Bau der Mauer sieben Hektar Land verloren, Olivenhaine, die jetzt für uns unzugänglich auf der anderen Seite liegen.“ Für ihn ist es eine friedliche Demonstration, „die Soldaten schießen Tränengas, die Jungs werfen Steine“, so sei das nun mal.

Mit Blick auf die „Mauer“: Bewohner des Dorfes Ni’lin im Westjordanland. Pepe Egger

Mit Blick auf die „Mauer“: Bewohner des Dorfes Ni’lin im Westjordanland.

Die israelische Armee sieht das anders; für sie sind die meisten der wöchentlichen Kundgebungen „riots“, gewaltsame Zusammenrottungen. Demgemäß versuchen Spezialeinheiten mit Tränengas und Gummigeschossen, die Demonstranten in den Olivenhainen zu vertreiben. Scharfschützen zielen auf die Beine, fast jede Woche gibt es Verletzte. An diesem Freitag aber gehen nur ein paar dürre Sträucher durch das Tränengas in Brand auf.

Die wöchentliche Freitagsdemonstration in Ni’lin ist Teil dessen, was hier im Westjordanland „al-muqawama al-sha’biya“ genannt wird, des Graswurzelwiderstandes, der manchmal spontan, manchmal organisiert, aber immer unbewaffnet protestiert. Wenn auch ihre Bilder die Abendnachrichten fast nie erreichen, so gibt es doch fast täglich Kundgebungen und Proteste, die ohne Waffen auskommen.

US-Finanzhilfen für Israel und die Palästinensergebiete

USA - Palästinas wichtigste Geldquelle

Die USA gehören seit Jahren zu den wichtigsten Geldgebern der Palästinenser. Wegen der Gefahr, dass die Mittel in die Hände von Terroristen fallen, wird die Freigabe der Mittel streng geprüft. Israel wird jedes Jahr mit noch kräftigeren Finanzhilfen aus Washington unterstützt. Eine Übersicht:

Wie viel Geld fließt nach Gaza?

Seit 2008 betrugen die Finanzhilfen der USA für den Gazastreifen und das Westjordanland jedes Jahr durchschnittlich 400 Millionen Dollar. Im laufenden Haushaltsjahr stellte Washington 440 Millionen Dollar (330 Mio Euro) bereit. Das Geld fließt an die Hilfsorganisation USAID und als direkte Budgethilfe an die Palästinensische Autonomiebehörde.

Wer bekommt die Hilfe?

USAID nutzt ihren Anteil nach Angaben des US-Rechnungshofes, um die Palästinenser mit Trinkwasser zu versorgen und Krankenhäuser zu modernisieren. Außerdem werden damit Schulen gebaut oder renoviert und mit Material ausgestattet. Auch der Privatsektor wird unterstützt. 70 Millionen Dollar der Finanzhilfen sind nach Angaben des US-Außenministeriums für die Unterstützung palästinensischer Sicherheitskräfte und

Helfen die USA der Zivilbevölkerung?

Die USA sind zudem der größte Geldgeber für das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten UNRWA. Für das laufende Haushaltsjahr wurden 250 Millionen Dollar (187 Mio. Euro) bereitgestellt. Das Hilfswerk versorgt Flüchtlinge unter anderem mit Essen, Unterkünften und Medikamenten.

Wie unterstützen USA Israel?

Israel ist der größte Empfänger von US-Finanzhilfen seit dem Zweiten Weltkrieg. Fast das gesamte Geld dient der Unterstützung des Militärs. Dank der Hilfe der USA gehören die israelischen Streitkräfte zu den höchstentwickelten der Welt.

Wie viel Geld bekommt Israel?

Bisher haben die USA das Land mit 121 Milliarden Dollar (90,6 Mrd. Euro) unterstützt. Für das laufende Haushaltsjahr sind 3,1 Milliarden Dollar vorgesehen sowie 502 Millionen Dollar (376 Mio. Euro) für die israelische Raketenabwehr. Für das kommende Jahr soll diese Summe noch aufgestockt werden.

Warum bekommt Israel so viel Hilfe?

Dank einer breiten Unterstützung im Kongress genießt Israel beim Empfang dieser Mittel einmalige Vorteile. So wird das Geld seit Jahren bereits in den ersten 30 Tagen des in den USA am 1. Oktober beginnenden Haushaltsjahres zur Verfügung gestellt. Außerdem kann das Land einen bedeutenden Teil der Finanzhilfen - derzeit rund ein Viertel - zur Beschaffung von Waffensystemen und anderen militärischen Mitteln im Inland verwenden, was sonst unüblich ist.

Jamal Juma’, eine Art palästinensischer José Bové, ist einer der Anführer des Graswurzelbewegung „Stop the Wall“, die seit 2002 gegen den Bau der Grenzmauer aktiv ist. Auch für ihn ist eine Kundgebung gewaltlos, solange keine Waffen eingesetzt werden. „Es ist noch kein einziger Soldat von einem Stein getötet worden. Und in hunderten von unseren Demonstrationen ist kein einziger Schuss von unserer Seite gefallen“, sagt er. Aber sie würden nicht auf dem Trafalgar Square demonstrieren und stünden keiner zahmen Polizei gegenüber. „Wir haben es mit einer militärischen Besatzung zu tun, einer voll ausgerüsteten Armee, die auf uns schießt. Was sollen wir also den Kids sagen, wenn sie Steine werfen?“

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