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05.06.2015

13:14 Uhr

What's right

Retro-Treffen einer gelangweilten Generation

VonWolfram Weimer

Mit dem G7-Gipfel beginnen auch die Gegen-Demos. Doch selten waren die Proteste so ritualisiert, langweilig und einseitig wie heute. Warum nur sind aus Che Guevaras Chlorhühnchen-Spießer, fragt sich unser Kolumnist.

Mutti Merkel lädt auf Schloss Elmau – die Demonstranten sammeln sich in München. AFP

Gipfel-Gegner

Mutti Merkel lädt auf Schloss Elmau – die Demonstranten sammeln sich in München.

Vor 100 Jahren – als es noch echte Betroffenheit gab – da kämpften Demonstranten für ihr täglich Brot und gegen lebensgefährliche Gruben, für die Chance auf warmes Essen und gegen das Sterben ihrer Kinder in kalten Arbeiterhütten. Vor 50 Jahren – als die Betroffenheit nur in der Ferne lag – da demonstrierten sie gegen Kriege in Vietnam und gegen den Schah, vor allem gegen die USA und den Kapitalismus.

Heute ist selbst die Ferne entschwunden, die Betroffenheit von Demonstrationen eine schiere Konstruktion von Klimaprognosen und fiktiven Freihandelsfolgen. In der Wohlstandsgesellschaft degeneriert der Protest zum Spiel aus Kopfgeburten.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Die Anti-G7-Demonstrationen wirken jedenfalls wie Retro-Treffen einer gelangweilten Generation. Sie demonstrieren in ritualisierten Gesten wie bei einer Motto-Party oder einem Maskenball. Man verkleidet sich als Protestler und hat mit anderen Protestlern eine lässige Zeit. Manchmal treffen sich auch bloß die Schlägertrupps der Linkspartei, auch schwarzer Block der Autonomen genannt. Sie alle brauchen nicht einmal mehr die Kollektivsuggestion, dass sie die Welt irgendwie verbessern. Es geht ihnen um das Pflegen von Feindbildern (vor allem die USA) und den Protest als Selbstzweck.

In Wahrheit dürften die klügeren G7-Demonstranten wissen, dass es ernste, grausame, unerträgliche Misslagen auf der Welt gibt, gegen die Demonstrationen wirklich wichtig wären. Doch gegen den tausendfachen Mord des modernen Islamismus gibt es keinen Protestzug. Auch gegen die unerträgliche Frauen-Apartheid der muslimischen Welt hebt sich keine Wut. Dass ganze Völker Afrikas und Asiens in blutige Religionskriege gezwungen werden, dass Millionen von Christen drangsaliert, gefoltert, umgebracht werden – kein noch so winziges Zeltlager wird dagegen aufgebaut.

Steckbrief der G7 – die Gruppe steht für...

BIP

... ein Drittel der Weltwirtschaftsleistung (nach Daten zum BIP kaufkraftbereinigt).

Giganten

... 6 der 10 größten Volkswirtschaften der Welt (nach BIP).

Bevölkerung

... 11 Prozent der Weltbevölkerung.

Unternehmen

... 72 der 100 umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen der Welt.

Klima

... 26 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes.

Militär

... 49 Prozent der weltweiten Militärausgaben.

Vereinte Nationen

... 3 von 5 Mitgliedern des Uno-Sicherheitsrats und 7 von 193 Mitgliedern der Vereinten Nationen.

Dass in China die Menschenrechte den Status einer lächerlichen Idee haben und in Arbeitslagern Zigtausende gequält werden, nur weil sie ihre Meinung einmal äußerten – auch kein Thema für Transparente. Dass ein neo-imperiales Russland mal eben Nachbarn überfällt und mitten in Europa einen territorialen Krieg vom Zaun bricht, Ukrainer Tag für Tag bitterlich leiden und sterben – was kümmert es den heutigen G7-Demonstranten? Gar nicht!

Kommentare (19)

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Herr Jürgen Bertram

05.06.2015, 13:33 Uhr

angeblich kostet das Treffen 330.000.000,00 Euronen - per Nase also 47.142.857,14€ für das ges. Wochenende oder 982.142,85€/Stunde je Teilnehmer

Man müsste (bei diesen Kosten) also davon ausgehen, dass hier weltgeschichtlich wegweisende Entscheidungen fallen.

Wahrscheinlich werden aber nur schmutzige Teller und ein schönes Gruppenpfoto mit fröhlich winkenden Teilnehmern dabei herauskommen.
Der Dummmichel zahlt auch das - kein Problem für Mutti Merkel

Herr Klaus - Peter Schrön

05.06.2015, 13:38 Uhr

Die Proteste sind nicht ritualisiert, sondern zeugen auch vom Desinteresse der Protestler gegenüber dem Weltgeschehen. Die konträre Meinung wird nicht mehr Vertreten um einen Austausch von Meinungen mit entsprechenden Ergebnissen zu erzielen sondern dient nur noch der eigenen Rechthaberei und Selbstdarstellung.
Warum muß hochprozentiger Alkohol im Camp verboten werden, vielleicht war der Konsum der Droge das einzige Ziel?
Prost

Frau Eka Shishi

05.06.2015, 13:48 Uhr

"gelangweilte chlorhühnchen-spießer" - was für eine freche Formulierung...
schöner wären natürlich vermummte Rechter-Sektor-Anhänger mit Molotov-Cocktails wie in Kiev...am besten noch wenn Sie Schimpwörter gegen Putin und die Russen schreien - dann wären das echte Demokratie-Kämpfer, keine Spießer..

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