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11.07.2013

09:44 Uhr

Whistleblower

Assange und Snowden – Freunde in der Not

VonNils Rüdel

Um Wikileaks war es ruhig geworden: Die Enthüllungsplattform ist geschwächt und zerstritten, Gründer Assange sitzt fest. Doch plötzlich erlangt die Organisation neue Bedeutung – durch Edward Snowden und einen Kinofilm.

Wikileaks-Gründer Julian Assange (l.) sagt: „Edward Snowden ist einer von uns“. AFP

Wikileaks-Gründer Julian Assange (l.) sagt: „Edward Snowden ist einer von uns“.

WashingtonDie Lage hatte sich in Hongkong dramatisch zugespitzt für Edward Snowden, als in London jemand zur Tastatur griff. „Edward Snowden ist einer von uns“, ließ Julian Assange, der Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, von seinem Zufluchtsort in der ecuadorianischen Botschaft aus verbreiten. „Welches mutige Land wird für ihn aufstehen und seinen Dienst für die Menschlichkeit anerkennen?“

Das Schriftstück, formuliert in Assanges typischem Pathos, wurde am 22. Juni veröffentlicht. Spätestens an jenem Tag war der Fall des jungen US-amerikanischen Geheimdienstenthüllers ein Fall für Wikileaks geworden. Die Geschichte brachte zwei Ausgestoßene zusammen: Snowden drohte in Hongkong Verhaftung und Auslieferung, er brauchte dringend Hilfe bei der Flucht. Assange drohte die Bedeutungslosigkeit.

Bevor Snowden die Weltbühne betrat, war es ein wenig still geworden um Wikileaks und ihren Gründer, den hochgewachsenen Australier mit den weißen Haaren. Schon länger hatten die Betreiber der Plattform keine spektakulären Dokumente mehr veröffentlicht. Die ruhmreichen Zeiten, als sie mithilfe des US-Gefreiten Bradley Manning viele Untaten von US-Soldaten im Irak und in Afghanistan offenlegten oder mit den Botschaftsdepeschen die US-Regierung blamierten, sie schienen vorerst vorbei zu sein.

US-Informant Snowden seit Wochen auf der Flucht

6. Juni 2013:

Nach Zeitungsberichten in den USA und Großbritannien zapft die US-Regierung die Rechner von Internetfirmen an, um sich Zugang zu Videos, Fotos, E-Mails und Kontaktdaten zu verschaffen. Das geheime Programm mit dem Code-Namen „Prism“ wurde demnach 2007 ins Leben gerufen.

7. Juni:

Davon profitiert hat nach Informationen des „Guardian“ auch der britische Geheimdienst GCHQ. US-Präsident Barack Obama verteidigt „Prism“ als Mittel im Kampf gegen den Terror.

9. Juni:

Hinter den Enthüllungen steckt der IT-Spezialist Edward Snowden, der zuletzt für den US-Abhördienst NSA gearbeitet hatte. Der britische „Guardian“ veröffentlicht ein Interview mit Snowden, der rund drei Wochen zuvor mit geheimen Dokumenten von Hawaii nach Hongkong geflohen war und nun auf Asyl hofft.

16. Juni:

Kurz vor Beginn des G8-Gipfels in Nordirland sorgen weitere Berichte für Aufsehen: Unter Berufung auf Snowden schreibt der „Guardian“, britische Geheimdienstler hätten 2009 die Teilnehmer des G20-Gipfeltreffens in London ausgespäht.

21. Juni:

Unter Berufung auf Gerichte heißt es in US-Medien, die USA hätten Anklage gegen Snowden wegen Spionage und Diebstahls erhoben. Der „Guardian“ berichtet, der britische GCHQ überwache Telefon und Internet weltweit in ungeahntem Ausmaß. Datenschützer sind empört.

23. Juni:

Nach Zeitungsberichten ist Snowden von Hongkong nach Moskau weitergereist. Er wolle von dort aus nach Südamerika. Ecuadors Außenminister teilt mit, Snowden habe dort einen Asylantrag gestellt. Rechtsberater von Wikileaks unterstützten Snowden auf der Flucht, teilt die Enthüllungsplattform mit.

24. Juni:

Rätselraten um Snowdens Aufenthaltsort: Während einige russische Medien berichten, er habe das Land verlassen, behaupten andere, er sei weiter im Transitbereich des Moskauer Flughafens.

25. Juni:

Russlands Präsident Wladimir Putin bestätigt, dass Snowden als Transitpassagier noch auf dem Moskauer Flughafen ist. Eine Auslieferung drohe ihm nicht.

26. Juni:

Der 30-Jährige hat nach der Annullierung seiner Dokumente durch die USA keinen gültigen Pass mehr, wie der Airport mitteilt. Die USA fordern erneut, Snowden auszuliefern.

27. Juni:

Mitglieder des US-Kongresses drohen Ecuador mit wirtschaftlichen Konsequenzen, sollte Snowdens Asylantrag bewilligt werden. Ecuador verzichtet daraufhin auf Zollvergünstigungen in den USA. Nach Meldungen in Moskau wartet Russland auf einen offiziellen Auslieferungsantrag der USA.

28. Juni:

Snowdens Vater schließt auch eine Rückkehr seines Sohnes in die USA nicht aus. Allerdings stellt dieser Bedingungen. So will Edward Snowden bis Prozessbeginn auf freiem Fuß bleiben und nicht zum Schweigen gezwungen werden.

29. Juni:

Der „Spiegel“ enthüllt, dass auch Deutschland von der US-Datenspionage betroffen ist. Die US-Geheimdienste haben demnach offenbar Kommunikations-Daten hierzulande ausgespäht. Das Magazin beruft sich auf die Unterlagen von Snowden.

01. Juli:

Snowden stellt einen Asylantrag in Russland. Zuvor hatte Präsident Putin ihm bereits Asyl angeboten – sofern er aufhöre, den USA mit seinen Veröffentlichungen Schaden zuzufügen.

02. Juli:

Der Whistleblower überlegt es sich anders und zieht seinen Antrag auf Asyl in Russland zurück. Stattdessen bittet er in 20 anderen Staaten um Asyl – darunter auch Deutschland.

05. Juli

Lateinamerika heißt Snowden willkommen: Venezuela, Bolivien und Nicaragua stellen ihm Asyl in Aussicht.

06. Juli

Snowden beantragt in Venezuela offiziell Asyl. Aus humanitären Gründen wird das lateinamerikanische Land dem Gesuch wohl stattgeben.

Gleichzeitig kämpft Wikileaks mit finanziellen Problemen, nachdem die wichtigsten Kreditkartenunternehmen ihre Zusammenarbeit einstellten. „Das Spendenaufkommen hat sich in den letzten beiden Jahren stark rückläufig entwickelt“, heißt es bei der deutschen Wau-Holland-Stiftung, die Gelder für Wikileaks entgegennimmt. Aktuell „reicht es nicht mehr aus, die vollumfängliche finanzielle Förderung des Projektes im gewohnten Umfang aufrecht zu erhalten“.

Assange selbst ist seit einem Jahr gefangen in der ecuadorianischen Botschaft in London, weil er die Auslieferung nach Schweden fürchtet. Dort will ihn ein Staatsanwalt wegen möglicher sexueller Vergehen vernehmen. Mit einst engen Mitarbeitern ist er genauso zerstritten wie mit Reportern, mit denen er bei den Enthüllungen zusammengearbeitet hatte.
Kritisch beleuchtet nun auch der Regisseur Alex Gibney den berühmten Hacker: In seinem umstrittenen Dokumentarfilm „We Steal Secrets“, der heute in die deutschen Kinos kommt, zeigt Gibney Assange als Mann mit zunehmendem Kontrollwahn und Realitätsverlust. Wikileaks wiederum wirft Gibney vor, die Fakten zu verzerren – und veröffentlichte das Skript mitsamt Richtigstellungen im Internet.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

11.07.2013, 09:59 Uhr

Es gibt so viele reiche Menschen auf dieser Welt, die gewaltigen Einfluss haben koennten. Seltsam ist nur, dass man oft nicht mal deren politische Gesinnung kennt. Jeder sollte sich mal fragen, welcher der reichen Deutschen jemals irgend ein kritisches, politisches Statement abgegeben hat...

Was meint eigentlich in den USA ein Warren Buffett oder Bill Gates zur NSA, was denken beispielsweise die Aldi-Gruender ueber den Euro und die Kosten dafuer, oder andere erfolgreiche deutsche Unternehmer.

Seltsam, die habe alle viel Geld, aber gleichzeitig meist keine oeffentliche Meinung ;-) Sind es Angsthasen. Egoisten oder was sonst?

fein

11.07.2013, 10:19 Uhr

feiner aufmacher.

merci

Eurotiker

11.07.2013, 10:26 Uhr

Nein, Angsthasen sind das nicht. Diese Leute leben nur in einer Welt oder Realität, welche nicht die der Normalos ist. Beispiel: Eine Krankenversicherung ist nur etwas für arme Leute. Wenn Sie genug Geld haben, können Sie sich vom normalen Leben komplett abkoppeln und nur noch die eigenen Ziele verfolgen. Bei den Supereichen sind das oft politische Ziele, welche deren Vormachtstellung im Staate sichern soll. In den USA finanzieren die Supereichen einen pompösen Wahlkampf. Ohne deren Unterstützung geht bei der Präsidentschaft gar nichts. Hier von einer Demokratie zu sprechen finde ich vermessen. Oligarchie trifft es m. M. n. besser.

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