Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.08.2013

19:32 Uhr

Whistleblower

Snowden wählte „furchtlose“ Journalisten aus

Edward Snowden rügt die „ängstlichen“ US-Medien. In einem Interview erzählt Snowden, dass sich die Kontaktaufnahme schwierig gestaltete. Das erste Treffen mit den Journalisten seiner Wahl verlief nicht reibungslos.

„Nach den Terroranschlägen vom 11. September haben viele der wichtigsten US-Medien ihre Rolle als Kontrolleure der Macht vernachlässigt", sagte Snowden . „Und zwar aus Angst davor, in einer Zeit gesteigerten Nationalismus als unpatriotisch zu gelten oder vom Markt bestraft zu werden.“ dpa

„Nach den Terroranschlägen vom 11. September haben viele der wichtigsten US-Medien ihre Rolle als Kontrolleure der Macht vernachlässigt", sagte Snowden . „Und zwar aus Angst davor, in einer Zeit gesteigerten Nationalismus als unpatriotisch zu gelten oder vom Markt bestraft zu werden.“

WashingtonDer frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden hat erstmals öffentlich begründet, warum er seine brisanten Dokumente exklusiv über zwei Pressekontakte enthüllt hat. Die Dokumentarfilmerin Laura Poitras und der Zeitungsredakteur Glenn Greenwald seien „furchtlose“ Journalisten und hätten wie nur wenige andere über kontroverse Themen berichtet, sagte der flüchtige Computerspezialist in einem am Dienstag veröffentlichten Interview mit dem Sonntagsmagazin der „New York Times“. Die Kontaktaufnahme mit beiden habe sich allerdings schwierig gestaltet.

„Nach den Terroranschlägen vom 11. September haben viele der wichtigsten US-Medien ihre Rolle als Kontrolleure der Macht vernachlässigt“, sagte Snowden in dem verschlüsselt geführten Gespräch. „Und zwar aus Angst davor, in einer Zeit gesteigerten Nationalismus als unpatriotisch zu gelten oder vom Markt bestraft zu werden.“ Um die weltweite Überwachung der Internet- und Telefonkommunikation durch staatliche Sicherheitsbehörden aufzudecken, habe er aber integre Journalisten gebraucht.

Poitras und Greenwald hätten sich in der Vergangenheit persönlichen Risiken ausgesetzt, um frei zu berichten. Poitras sei dadurch gar selbst ins Visier eben jener Programme geraten, die er kürzlich enthüllt habe, sagte Snowden. Sie habe „den Mut, die Erfahrung und die Kenntnisse demonstriert, die es für die vielleicht gefährlichste Aufgabe braucht, der sich ein Journalist stellen kann - nämlich über die geheimen Vergehen der mächtigsten Regierung der Welt zu berichten“.

Der Fall Snowden

Warum verließ Snowden Hongkong?

Es wird vermutet, dass die Regierung in Hongkong Snowden zum Verlassen des Territoriums bewegen wollte, um die Beziehungen zu den USA nicht zu belasten. Er selbst befürchtete offenbar, dass die Regierung ihn in Gewahrsam nehmen würde, sollte er bleiben und Widerspruch gegen einen US-Auslieferungsantrag einlegen. Der örtliche Abgeordnete Albert Ho sagte, er habe im Auftrag Snowdens vorgefühlt, ob dieser bis zu einer Entscheidung über den Antrag auf freiem Fuß bleiben oder ausreisen könne. Von den Behörden habe er darauf keine Antwort erhalten, sagte Ho. Ein Mittelsmann, der nach eigenen Angaben für die Regierung sprach, habe Snowden aber gesagt, dass es ihm freistehe zu gehen - und dass er dies tun solle.


Warum Russland?

Präsident Wladimir Putin bietet den USA gern die Stirn. Als sich Snowden noch in Hongkong aufhielt, erklärte Putins Sprecher, Russland würde erwägen, ihm Asyl zu gewähren, sollte er einen Antrag stellen. Möglicherweise betrachtete Snowden Russland als sicheren Zufluchtsort, von wo er unter keinen Umständen an die USA ausgeliefert würde. Bislang erfüllte Putin diese Erwartung. Einen Auslieferungsantrag Washingtons wies er umgehend zurück.

Wo ist Snowden derzeit?

Putin hat erklärt, Snowden halte sich weiterhin im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo auf. Der ecuadorianische Präsident Rafael Correa sagte der AP, der Botschafter des Landes habe Snowden in Moskau gesehen. Zahlreiche Journalisten, die sich auf dem Flughafen auf die Suche nach dem prominenten Flüchtling machten, entdeckten keine Spur von ihm. Einige Sicherheitsexperten haben spekuliert, dass sich Snowden in den Händen russischer Geheimdienste befinden könnte, die sich von ihm Informationen erhofften. Putin hat Vermutungen, dass der russische Geheimdienst Snowden befragt habe, rundweg zurückgewiesen.

Welche Beziehung hat Snowden zu WikiLeaks?

Snowden hat sich nicht an die Enthüllungsplattform WikiLeaks gewandt, um die Welt vor dem umfassenden Überwachungsprogramm des US-Geheimdienstes NSA zu warnen. Er erklärte, er wolle es mit Journalisten zu tun haben. Denn sie könnten beurteilen, was veröffentlicht werden solle und was nicht. WikiLeaks nahm sich des Falls Snowden allerdings rasch an und bot Unterstützung für das weitere Vorgehen an. Snowdens Vater bezweifelte öffentlich, dass die Internetplattform der beste Ratgeber für seinen Sohn sei.

Wer begleitet Snowden?

Nach Angaben von WikiLeaks ist die Rechtsberaterin der Plattform, Sarah Harrison, Snowdens ständige Begleiterin. Auch sie ist öffentlich nicht in Erscheinung getreten. WikiLeaks erklärte, Harrison habe am Sonntag dem russischen Konsulat auf dem Moskauer Flughafen Snowdens Asylanträge für 21 Staaten übergeben.

Warum sitzt er fest?

Zunächst erklärte WikiLeaks, Snowdens Ziel sei Ecuador, wo er Asyl beantragt hat. Er buchte einen Tag nach seiner Ankunft in Moskau einen Aeroflot-Flug nach Kuba, wo er vermutlich umsteigen wollte. Den Flug trat er jedoch nicht an, sein Sitz blieb leer. Ein Grund für die Änderung seiner Pläne war möglicherweise, dass die USA seinen Pass für ungültig erklärten. Möglicherweise befürchtete er auch, dass die USA das Flugzeug über US-Luftraum zur Landung zwingen könnten, oder er war sich über sein endgültiges Ziel im Unklaren.

Ist mit weiteren Enthüllungen zu rechnen?

Das ist möglich. Snowden hat erklärt, seine Arbeit als NSA- Systemanalyst habe ihm Zugang zu umfangreichem Datenmaterial verschafft. Von den US-Behörden liegen dazu widersprüchliche Angaben vor. Assange hat weitere Enthüllungen in Aussicht gestellt. Es seien Maßnahmen getroffen worden, damit niemand die Veröffentlichung weiterer NSA-Dokumente im Besitz Snowdens verhindern könne. Glenn Greenwald, der Journalist der britischen Zeitung „The Guardian“, der maßgeblich an den ersten Veröffentlichungen beteiligt war, ließ durchblicken, dass Medienorganisationen bereits im Besitz des gesamten Materials seien, das Snowden publik machen wollte. Greenwald deutete an, dass es an den Zeitungen liege, was sie wann veröffentlichen wollten.

Doch trotz der sorgfältigen Auswahl seiner Kontaktpartner sei das erste Zusammentreffen nicht reibungslos verlaufen. „Ich glaube, sie waren etwas verärgert darüber, dass ich jünger bin als sie erwartet hatten“, gestand Snowden. „Und ich war etwas verärgert darüber, dass sie zu früh ankamen“, da dies die Verifizierung der Identität seiner Kontaktpartner erschwert habe. Poitras sei sogar „noch misstrauischer mir gegenüber gewesen als ich ihr gegenüber - und meine Paranoia ist allgemein bekannt“.

Obwohl sich die Journalisten als vertrauenswürdig erwiesen hätten, war Snowden nach eigenem Bekunden über manche Sorglosigkeit verwundert: So habe sich Greenwald zunächst geweigert, jegliche Kommunikation mit ihm zu verschlüsseln, obwohl er die Auswüchse staatlichen Machtmissbrauchs aus eigener Erfahrung kenne.

„Mich hat überrascht, dass es noch Leute in den Medien gibt, die nicht wissen, dass unverschlüsselt übers Internet versandte Nachrichten an alle Geheimdienste der Welt geliefert werden“, sagte Snowden. „Angesichts der jüngsten Enthüllungen sollte klar sein, dass unverschlüsselte Kommunikation zwischen Journalisten und ihren Quellen absolut rücksichtslos ist.“

Der Computerexperte Snowden, der zuletzt als Auftragnehmer für den US-Geheimdienst NSA arbeitete, hatte unter anderem dem britischen „Guardian“, für den Greenwald arbeitet, Informationen über umfangreiche Überwachungsprogramme der US-Geheimdienste zugespielt. Wegen der Enthüllungen wird der 30-Jährige von den USA per Haftbefehl gesucht. Er hält sich in Russland an einem geheimen Ort auf.

Von

afp

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×