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27.03.2016

15:03 Uhr

Wie Donald Trump die Medien benutzt

Das große Rauschen

Scheinbar unaufhaltsam marschiert Donald Trump in Richtung Präsidentschaftskandidatur. Kein anderer Bewerber bekommt so viel Sendezeit im Fernsehen. Aber warum eigentlich?

Präsidentschaftsanwärter Trump beleidigt und hetzt. Kein Sender kommt daran vorbei. Reuters

Donald Trump

Präsidentschaftsanwärter Trump beleidigt und hetzt. Kein Sender kommt daran vorbei.

Washington Der Tag war erst wenige Stunden alt, die Lage nach den Terroranschlägen in Brüssel noch unübersichtlich, da hatte sich Donald Trump das Thema schon zunutze gemacht. In der „Morningshow“ des Senders NBC erzählte er live am Telefon, was für ein gefährlicher Ort Brüssel sei, dass die Polizei dort keine Kontrolle habe, dass man Terroristen foltern müsse. Bei Fox News redete er darüber, wie schrecklich die Bilder aus Brüssel seien, dass es noch schlimmer werde, dass die USA aufpassen müssten, wen sie ins Land ließen. Zwischen all den Interviews fütterte der republikanische Präsidentschaftsbewerber noch fleißig seinen Twitter-Account mit denselben Botschaften.

So geht das nun schon seit einem dreiviertel Jahr. Amerika wacht auf, und Trump ist schon auf allen Kanälen zu sehen. „Er ruft so gut wie jede Morgenshow an. Er macht das fast jeden Tag, so bestimmt er die Agenda“, sagt Spencer Kimball, der am Emerson College in Boston Kommunikationswissenschaften lehrt. „Er zieht den ganzen Sauerstoff aus dem Luftballon. Er dreht die Debatte zu seinen Gunsten.“

Das System der Delegierten bei den US-Vorwahlen

Warum gibt es Delegierte?

Im Kampf um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten ist die Verteilung der Delegierten beider Parteien von zentraler Bedeutung: Die Kandidaten der beiden Parteien werden nicht durch direkte Wahlen bestimmt, sondern über die Stimmen von Delegierten. Diese werden abhängig vom Abschneiden eines Bewerbers bei Vor- und Urwahlen in den einzelnen Bundesstaaten verteilt. Wer auf dem Parteitag mehr als die Hälfte der Delegiertenstimmen erhält, gewinnt.

Ist das Verfahren bei beiden Parteien gleich?

Nein. Jede Partei legt ihre eigenen Regeln fest: Bei den Demokraten gibt es 4763 Delegierte, die in jedem Bundesstaat immer proportional zur der Zahl der erhaltenen Wählerstimmen verteilt werden. Die Republikaner haben 2472 Delegierte und jeder Bundesstaat hat eigene Regeln. Das könnte nun entscheidend sein, denn die beiden bevölkerungsreichen Staaten Florida und Ohio vergeben ihre Delegierten komplett an den Sieger.

Was sind Superdelegierte?

Es handelt sich um hochrangige Mitglieder der Demokraten – darunter Kongressabgeordnete, Gouverneure und ehemalige Präsidenten – die frei entscheiden können, wen sie unterstützen. Sie machen grob ein Sechstel der demokratischen Delegierten aus. Viele Superdelegierte haben sich bereits für Hillary Clinton ausgesprochen. Formell haben die Republikaner zwar auch Superdelegierte, aber sie müssen ihre Stimme dem Bewerber geben, der die Vorwahl in ihrem Bundesstaat gewonnen hat.

Was passiert, wenn ein Bewerber ausscheidet?

Bei den Demokraten werden die Delegierten auf die übrigen Bewerber verteilt. Bei den Republikanern ist das Verfahren von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich: Einige müssen zumindest bei der ersten Wahlrunde auf dem Parteitag trotzdem für den ursprünglichen Kandidaten stimmen, was einer Enthaltung gleichkommt, andere werden umverteilt.

Was passiert, wenn kein Kandidat die Mehrheit erhält?

Dann kommt es zu einer „brokered convention“, bei der während des Parteitags der Kandidat bestimmt wird. Das hat es seit Jahrzehnten in den USA nicht mehr gegeben – es war die Kritik an derartigen Hinterzimmer-Deals früherer Zeiten, die zum heutigen Vorwahlsystem geführt hat. Bei den Republikanern wird gegenwärtig trotzdem ein solcher Ablauf diskutiert, weil er als eine Möglichkeit des Partei-Establishments gesehen wird, Donald Trump zu stoppen.
(Quelle: Reuters)

Es ist ein Spiel um Aufmerksamkeit. Der 69-Jährige gewinnt es eigentlich immer. Er beleidigt, er hetzt. Kein Sender kommt daran vorbei. Seine Aussagen lassen sich mühelos herunterbrechen auf wenige Zeilen. Sie passen perfekt hinein in die Häppchen-Nachrichten der 140-Zeichen-Botschaften. Je mehr Trump schockiert, umso mehr Aufmerksamkeit bekommt er. Der konservative „The Washington Examiner“ beschreibt es als Stockholmsyndrom des politischen Journalismus. Also einer Situation, die jenem Phänomen gleiche, bei dem die Opfer von Entführungen ein positives Verhältnis zu den Tätern aufbauen.

Die Kommentatoren sind fassungslos. Und fasziniert. „Die Medien sind von Trump angezogen“, sagt Kimball. „Ich habe noch nie einen Kandidaten gesehen, der sie so benutzt hat.“

Die Firma mediaQuant hat auf Basis von Anzeigenpreisen den Gegenwert dieser Aufmerksamkeit errechnet. Trump kommt demnach auf fast zwei Milliarden US-Dollar. An zweiter Stelle liegt die Demokratin Hillary Clinton mit gerade einmal 746 Millionen.

Aber warum das Ganze? „Der Wahlkampf in den USA dauert und dauert und dauert. Er erstreckt sich über zwei Jahre. Unterhaltung spielt eine große Rolle“, sagt Joel Simon, Direktor von CPJ, einer Organisation, die sich für den Schutz der Pressefreiheit einsetzt. „Man kann sich zwei Jahre lang nicht nur auf Themen konzentrieren. Also dreht sich ein Großteil der Berichterstattung um komische Dinge, darum wer der verrückteste Bewerber ist.“ Trump habe diese Dynamik verstanden und sich zunutzen gemacht.

„Er ist so gut in diesem Spiel, weil er eine Marke verkörpert und schon seit langer Zeit sein eigenes Medienunternehmen ist“, sagt Simon. Trump ist ein Kind des Reality-Fernsehens. In der Show „The Apprentice“ („Der Lehrling“) ließ er einst Kandidaten um einen Job buhlen. Seine Leistung bestand darin, sie zu feuern.

Es ist nicht so, dass es keine kritische Berichterstattung über Trump geben würde. Im Gegenteil. Es vergeht keine TV-Debatte, in der seine kruden Thesen nicht in Echtzeit einem Faktencheck unterzogen werden. Es gibt etliche Artikel, die detailreich erklären, warum sich sein Traum von einer Mauer an der Grenze zu Mexiko kaum realisieren lässt.

Und zahlreiche Kommentare zeichnen in düsteren Visionen das Bild einer amerikanischen Gesellschaft, in der Donald Trump tatsächlich Präsident ist. An seinen Beliebtheitswerten ändert das nichts. Scheinbar unaufhaltsam marschiert er in Richtung Kandidatur.

Es kratzt auch nicht an seinem Image, dass er Journalisten mit Verachtung begegnet. Bei seinen Veranstaltungen müssen Reporter in einem abgesperrten Bereich stehen. Als ein Fotograf des „Time Magazine“ diesen verließ, wurde er von einem Agenten des Secret Service auf den Boden geworfen.

Megyn Kelly sieht sich seit einem halben Jahr seinen Angriffen ausgesetzt. Die Moderatorin des konservativen Senders Fox News hatte Trump mit unbequemen Fragen konfrontiert. Der bezeichnete sie später als Leichtgewicht, sagte die Teilnahme an einer TV-Debatte ab, angeblich wegen ihr.

Dann wieder umgarnt er Journalisten, lobt einzelne Autoren auf Pressekonferenzen für ihre Artikel. Trump sei für die Medien so verfügbar, wie keiner der anderen Bewerber, sagt Spencer Kimball. Es seien nicht die Sender, die bei Trump anriefen. Trump rufe bei den Sendern an. So wie am Dienstag nach den Anschlägen in Brüssel.

Von

dpa

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