Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.06.2015

16:25 Uhr

Wie geht es weiter in Griechenland?

Der Fall von Alexis Tsipras

VonMoritz Koch

Nicht der Grexit ist das wahrscheinlichste Szenario, wenn die griechische Schuldenkrise weiter eskaliert. Auch nicht der Graccident. Sondern der Sturz der Regierung von Alexis Tsipras.

Sind die Tage von Alexis Tsipras gezählt? AFP

Alexis Tsipras

Sind die Tage von Alexis Tsipras gezählt?

WashingtonIm Schuldenstreit mit Griechenland ist die höchste Eskalationsstufe noch lange nicht erreicht, nicht einmal verbal. Wer wie der Athener Regierungschef Alexis Tsipras schon Reformauflagen als „Brandschatzung“ wertet, den Internationalen Währungsfonds (IWF) für „kriminell“ hält und die eigene Verweigerungshaltung als Notwehr begreift, der kann das absehbare Resultat der Konfrontation mit den Gläubigern eigentlich nur noch als Kriegsakt auffassen.

Dieses Resultat ist nicht der oft beschworene Grexit, auch nicht der Graccident, also der freiwillige oder unfreiwillige Abschied Griechenlands aus der Eurozone. Ein anderes Szenario ist viel wahrscheinlicher: der Sturz der Tsipras-Regierung, ein Regimewechsel in Athen.

KTG: Griechische Schulden bei den Euroländern Teil 1

Litauen

Insgesamt schulden die Griechen den Litauern 700 Millionen Euro. Pro Kopf sind das 238 Euro – der geringste Wert unter den Euro-Ländern.

Lettland

Auch die Belastung für jeden einzelnen Letten hält sich mit 250 Euro noch in Grenzen. Insgesamt ist Griechenland mit 500 Millionen Euro bei dem Baltenstaat verschuldet.

Portugal

Mit 403 Euro steht Griechenland bei jedem einzelnen Portugiesen in der Kreide. In toto macht das 4,2 Milliarden Euro.

Zypern

400 Millionen Euro schuldet Griechenland dem zyprischen Staat. Für jeden Zyprioten sind das schon 466 Euro.

Slowakei

Die griechischen Schulden bei der Slowakei betragen 2,7 Milliarden Euro – pro Kopf rund 499 Euro.

Irland

Die krisenerfahrenen Iren haben den Griechen 2,4 Milliarden Euro geliehen. Damit steht Griechenland bei jedem Iren mit 521 Euro im Soll.

Estland

Jedem Esten schuldet Griechenland 532 Euro – insgesamt sind das rund 700 Millionen Euro.

Malta

300 Millionen Euro Schulden hat Griechenland bei Malta. Damit kommt jeder Maltese auf einen Betrag von 705 Euro.

Slowenien

Slowenien kommt auf 1,5 Milliarden Euro griechische Schulden – 728 Euro pro Einwohner.

Man muss kein Syriza-Anhänger sein, um diesen Gedanken verstörend zu finden. Regimewechsel – die Vokabel entspringt der neo-imperialen Hybris der Bush-Cheney-Ära in den USA. Ihre bloße Nennung ist eine Provokation im zivilen Gewerbe der europäischen Politik, ein verbaler Guss Öl in einen ohnehin schon lodernden Konflikt. Eine Politik, die sich diesem Ziel verschreibt, übt Verrat der demokratischen Ideale der Europäischen Union.

Daher betonen die Gläubiger, dass sie weiter auf ein griechisches Einlenken hinarbeiten. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer jüngsten Regierungserklärung einmal mehr. Doch allen Beteiligten ist inzwischen klar, dass der Weg aus der Krise sich verschließt und ein Crash kaum noch vermieden werden kann. Ein Kompromiss zwischen der griechischen Regierung und ihren Geldgebern wird immer unwahrscheinlicher, erwartungsgemäß gab es bei einem Treffen der Eurogruppen-Finanzminister am Donnerstag keine Lösung. Dass der für Montag einberufene Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs einen Durchbruch bringt, ist nun ein letzter, vager Hoffnungsschimmer.

Griechenland seit 2009: Der Weg in die Krise

Griechenland seit 2009

Der Weg in die Krise

Grexit, Reparationen, Schuldzuweisungen: Die Griechen entkommen der Krise nicht – und wissen keinen Ausweg. Handelsblatt Online zeigt in einer interaktiven Chronik, wie es dazu kam. Von 2009 bis heute.

Ein paar läppische Milliarden Euro liegen zwischen dem Angebot der Gläubiger und dem Gegenangebot der Griechen. Die Einigung erscheint zum Greifen nah und ist doch in weiter Ferne. Die Differenzen über die Sparvorgaben lassen sich schon lange nicht mehr mit monetären Größen messen, sie resultieren aus einem Vertrauensdefizit. Geld gäbe es genug, aufgebraucht ist der gute Wille.
Darum geht auch die Empfehlung ins Leere, die selbst einige deutsche Kommentatoren Merkel inzwischen anraten. Sie lautet: nachgeben.

Das Argument geht so: Sind die 330 Milliarden Euro, die sich Griechenland bei seinen öffentlichen Gläubigern geliehen hat, nicht in großen Teilen ohnehin verloren? Warum den Griechen also nicht ein neues Angebot unterbreiten: Ein echter Schuldenschnitt gegen echte Reformen, auch im maroden Rentensystem? Beide Seiten müssten politische Tabus brechen, es würde Aufruhr geben – im griechischen Parlament genauso wie im deutschen Bundestag. Doch der Lohn dieser letzten Kraftanstrengung wäre, was sich all wünschen: Ruhe.

Kommentare (58)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

19.06.2015, 16:31 Uhr

Der Schurkenstaat ist fertig. Das ist gut so.

Herr Manfred Zimmer

19.06.2015, 16:39 Uhr

Griechenland kann nur noch gewinnen und das nicht erst seit Tsipras.

Dennoch hat Tsipras es vielleicht überreitzt. Es hätte für die Griechen noch mehr herausspringen können, wenn sie es nur noch länger herausgezögert hätten.

Aus Sicht von Tsipras geht es jetzt darum Griechenland möglichst schlecht aussehen zu lassen, damit die Kredite dann endlich ganz abgeschrieben werden. Mehr konnte ein Politiker, eigentlich zwei Politiker für Griechenland in der kurzen Zeit nicht erreichen bzw. nicht verdienen.

Was auch nicht schön ist, dass nun für jedermann erkennbar ist, dass wir uns von Deppen regiert werden und (noch) regieren lassen.

Ich erwarte einen großen Zuwachs für die AfD. Einen Riesenzuwachs für den Teil der bisherigen AfD, die uns in Sachen Euro aufklärten und einen Riesenzuwachs für den Teil der AfD, die sich Pegida nah fühlt. Einen besseren Wahlkampf hätte man zu Gunsten der AfD nicht planen können.

Herr Tom Schmidt

19.06.2015, 16:42 Uhr

Der Artikel wäre fast richtig.... nur die Annahme, dass die griechischen Steuereinnahmen jetzt einbrechen werden, ist falsch. Warum das denn, die Steuereinnahmen die Griechenland jetzt hat, sind mehr oder weniger krisen-resistent. Und damit lautet das Szenario: Griechenland wird seine Staatsanleihen nicht zurückzahlen, keine Zinsen bezahlen und aus den laufenden Einnahmen seine Kosten. Vielleicht braucht es noch Kapitalkontrollen, damit nicht noch mehr ins Ausland abfliesst (dazu muss die EZB vielleicht noch die Gültigkeit der griechischen Banknoten ausserhalbs Griechenlands kappen), schon fliesst das Geld zurück... Tsipras wird sich für den de-facto-Schuldenschnitt feiern lassen und alles läuft so weiter... ach ja... damit unsere Politiker nicht den Verlust ihren Wählern erklären müssen, werden die Schulden Griechenlands in den Bilanzen so weitergeführt wie aktuell...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×