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22.07.2016

14:36 Uhr

Wie im Kalten Krieg

Nordkorea-Rundfunk sendet kryptische Zahlenreihen

Der nordkoreanische Rundfunk sendet mysteriöse Zahlenreihen. In Südkorea fühlt man sich an die Zeiten erinnert, in denen auf diese Weise verschlüsselte Botschaften an Spione im Nachbarland übermittelt wurden.

Am Dienstag feuerte Nordkorea drei Raketen in Richtung Japanisches Meer ab. dpa

Kim Jong-Un

Am Dienstag feuerte Nordkorea drei Raketen in Richtung Japanisches Meer ab.

SeoulEs erinnert ein wenig an den Kalten Krieg: Der nordkoreanische Rundfunk hat vergangene Woche minutenlang kryptische Zahlenreihen über den Äther geschickt – gerade so, als wolle Nordkorea seinen Spionen im Nachbarland chiffrierte Botschaften zukommen lassen. Das teilte die südkoreanische Regierung mit.

„Nummer 35 auf Seite 459“ oder „Nummer 55 auf Seite 913“ – ganze 14 Minuten lang verlas eine nordkoreanische Radiosprecherin am Freitag vergangener Woche solche Phrasen. Das südkoreanische Wiedervereinigungsministerium veröffentlichte eine Mitschrift der Sendung. Schon am 24. Juni gab es demnach eine ähnliche Verlautbarung, damals allerdings nur zwei Minuten lang.

Während des Kalten Krieges sendete die Regierung in Pjöngjang Zahlenfolgen über Kurzwelle, um ihren Spionen in Südkorea Aufträge zu erteilen. Das sagten inhaftierte nordkoreanische Agenten aus. Ob Südkorea auch jetzt wieder von solchen verschlüsselten Botschaften ausgeht, war weder von der Regierung noch vom Geheimdienst zu erfahren.

Die Radiosprecherin hatte eine wenig plausible Erklärung für die ungewöhnliche Mitteilung parat: Es handle sich um „Physik-Prüfungsaufgaben der Fernuniversität für die Mitglieder geologischer Exkursionen im ganzen Land“ beziehungsweise um „Mathematik-Übungsaufgaben der Fernuniversität für Mitglieder des Exkursionsteams Nummer 27“.

Einige Experten sehen darin einen Akt der psychologischen Kriegsführung. Der Norden versuche, den südkoreanischen Geheimdienst zu täuschen, sagt Yoo Dongryul vom Korea-Institut für Liberale Demokratie in Seoul. Pjöngjang wolle den Eindruck erwecken, dass es seine Spionageaktivitäten verstärke.

Nach dem Ende des Korea-Kriegs 1953 schickten die beiden Staaten gegenseitig Spione über die schwer bewachte Grenze ins andere Land. Beobachter gehen davon aus, dass die Geheimdienste inzwischen auf weniger riskante Spionagemethoden zurückgreifen, etwa auf Satellitenfotos oder auf das Internet. Allerdings wirft die Regierung in Seoul dem Norden vor, nach wie vor Agenten nach Südkorea zu schleusen – getarnt als Flüchtlinge.

Wo der Kommunismus noch lebt

Kommunistische Regime der Gegenwart

Vor dem Fall der Sowjetunion gab es zahlreiche Länder mit kommunistischen Regierungen. 2016 verbleiben noch vier, oder - je nach Lesart des nordkoreanischen Regimes - fünf.

Quelle: dpa

China

Mit 1,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichstes Land der Welt. Es hat den Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt seiner Abkehr vom kommunistischen Wirtschaftsmodell zu verdanken. Seit den 1980er Jahren verfolgt China eine Politik der Reformen und der Öffnung. Die sozialistische Marktwirtschaft funktioniert nach kapitalistischen Methoden. Die kommunistische Ideologie wird gepflegt, dient aber nur dem Erhalt der Diktatur der Kommunistischen Partei.

Vietnam

Nachbarland Chinas, etwa so groß wie Deutschland ohne Hessen, mit mehr als 3000 Kilometern Küste am Südchinesischen Meer. Rund 94 Millionen Einwohner. Ho Chi Minh gründete die Kommunistische Partei in den 1930er Jahren im Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich. Nach der Niederlage Frankreichs besiegten die Kommunisten auch das US-gestützte Regime in Südvietnam. Seit 1975 regieren sie das vereinigte Land. Seit 1986 gibt es marktwirtschaftliche Reformen.

Kuba

Gut elf Millionen Einwohner, etwa so groß wie einst die DDR. Nach der Revolution von 1959 wandte es sich Anfang der 1960er Jahre zum Kommunismus und suchte bei der Sowjetunion Schutz vor dem kapitalistischen Nachbarn USA, der zuvor großen Einfluss auf der Insel hatte. Bis 2006 regierte Revolutionsführer Fidel Castro (89). Unter Fidels jüngerem Bruder Raúl (84) versucht Kuba seit einigen Jahren mit zaghaften markwirtschaftlichen Reformen, die marode Wirtschaft des Landes anzukurbeln.

Laos

Armes Nachbarland Vietnams ohne Küstenzugang, etwas kleiner als die Bundesrepublik ohne die neuen Bundesländer. Knapp sieben Millionen Einwohner. Laos war Teil des französischen Kolonialgebiets Indochina. Im Vietnamkrieg wurde es zum meist bombardierten Land der Welt. US-Bomber legten weite Teile in Schutt und Asche, weil vietnamesische Kommunisten sich im Grenzgebiet versteckten. Bis heute sind die Böden verseucht. Nach dem Ende des Vietnamkriegs marschierte Vietnam ein und installierte 1975 die kommunistische Regierung.

Nordkorea

Nachbarland Chinas, etwa ein Drittel so groß wie Deutschland, 24 Millionen Einwohner. Die UN werfen der Diktatur gröbste Menschenrechtsverletzungen vor. Nordkorea hat zwar 2009 alle Bezüge zum Kommunismus aus seiner Verfassung gestrichen. Aber die Arbeiterpartei wurde 1945 als Zweig der ehemaligen Kommunistischen Partei gegründet. An der Spitze von Staat, Partei und Armee steht der Machthaber Kim Jong Un; er „erbte“ die Machtposition von seinem Vater. Bereits sein Großvater Kim Il Sung war mit Hilfe Moskaus an die Spitze der Partei gelangt und wird als Staatsgründer verehrt.

Die Spannungen zwischen den beiden koreanischen Staaten haben sich in jüngster Zeit verschärft. Anfang Juli kündigten die USA und Südkorea an, ein modernes Raketenabwehrsystem in Südkorea zu stationieren. Nordkorea drohte daraufhin mit Vergeltung. Am Dienstag feuerte Nordkorea drei Raketen in Richtung Japanisches Meer ab.

Welchen Zweck Pjöngjang mit den rätselhaften Radiosendungen verfolgt, ist unklar. Politik-Experte Yoo hält es für unwahrscheinlich, dass Nordkorea sich auf eine solch altmodische Kommunikationsmethode verlässt – zumal der südkoreanische Geheimdienst das Code-Muster vermutlich bereits kenne. Seiner Ansicht nach bedient sich Nordkorea inzwischen vielmehr einer modernen Form der sogenannten Steganographie: Dabei werden Botschaften zum Beispiel in Audio- oder Videofiles verborgen, um geheime Informationen zu übermitteln.

Von

ap

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