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21.09.2011

11:47 Uhr

Wiebes Weitwinkel

Retten oder bestrafen?

VonFrank Wiebe

Die Euro-Debatte lässt alte Links-rechts-Diskussionen wieder aufflammen: Die einen wollen die Probleme mit immer neuen Rettungspaketen lösen, die anderen den Gürtel noch enger schnallen.

Die Euro-Debatte teilt die Lager in Links und Rechts. dpa

Die Euro-Debatte teilt die Lager in Links und Rechts.

Neulich stöhnte ein führender Notenbanker im privaten Gespräch: „Mir gehen diese Rettungs-Europäer auf die Nerven. Egal, was man beschließt – die wollen immer noch ein Paket draufsatteln.“

In der Tat, es gibt diese Leute, die jedes europäische Problem mit ein paar Milliarden mehr – für die im Zweifel der deutsche Steuerzahler geradestehen muss – erschlagen wollen. Aber das Gegenteil gibt es auch: Das sind die Bestrafungs-Europäer. Diese Leute wollen den Gürtel immer noch ein Loch enger schnallen (lassen). Sie glauben, dass sich ökonomische Strukturen mit dem moralischen Zeigefinger verbessern lassen. Die einen wollen die Probleme mit Geld ertränken, die anderen wollen sie aushungern.

Wie die Euro-Krise die Märkte beeinflusst

Welche unmittelbaren Folgen hat ein schwächerer Euro?

Ein Blick auf den Ölmarkt zeigt das recht anschaulich: Denn auf einem globalisierten Markt wie diesem ist ein schwächerer Euro gleichbedeutend mit einem stärkeren Dollar. Da auf dem Ölmarkt in US-Dollar gehandelt wird, muss in Euro logischerweise mehr für ein Barrel Rohöl bezahlt werden. Das kann auf längere Sicht auch Folgen für die Verbraucher haben: Denn wenn der Ölpreis steigt, verteuern sich auch andere Produkte wie Benzin und Heizöl. „Generell gilt: Was nicht in Euro gehandelt wird, wird teurer“, erläutert Adalbert Winkler, Professor für Development Finance an der Frankfurt School of Finance & Management.

Wie heftig ist der Kursrutsch denn?

Die aktuelle Schwäche am Devisenmarkt ist relativ: Der Euro ist in den vergangenen Monaten stark gesunken und lag am Dienstag zeitweise unter 1,36 Dollar - der Rekord liegt bei fast 1,60 Dollar im Jahr 2008. Allerdings hatte die Gemeinschaftswährung ihren Auftritt 1999 mit nur etwa 1,18 Dollar - und war dann sogar bis auf etwa 0,83 Dollar im Jahr 2000 abgesackt, bevor ein mehr oder weniger stetiger Aufwärtstrend einsetzte.

Gibt es denn auch positive Effekte eines schwächeren Euro?

Ja, das gilt etwa für den Export deutscher Produkte in Länder außerhalb der Eurozone wie etwa in den Dollar-Raum: „Denn Waren mit einem festen Europreis sind für den Abnehmer nun günstiger, was die Nachfrage steigert“, sagt Professor Michael Frenkel, Rektor der WHU - Otto Beisheim School of Management in Vallendar. Viele Produkte „Made in Germany“ sind seiner Ansicht nach bei einem schwachen Euro in Kombination mit ihrem hohen
Qualitätsstandard dann noch stärker gefragt. „Hiervon profitiert die stark auf den Export ausgerichtete deutsche Wirtschaft.“ Auf der anderen Seite verteuern sich natürlich die Importe.

Werden die Währungsschwankungen denn eins zu eins weitergegeben?

Das kann man so pauschal nicht beantworten. „Es ist immer die Frage, ob beispielsweise Importeure die Preisanpassungen auch mit Blick auf künftige Marktanteile wirklich umsetzen können“, gibt Professor Winkler zu bedenken. Das kann man sich in etwa so vorstellen wie bei den Discountern: Diese geben Preissteigerungen angesichts den gnadenlosen Konkurrenzkampfes in der Branche in aller Regel auch nicht im Alleingang weiter - aus Furcht, die Kundschaft abzuschrecken.

Hat die Euro-Schwäche auch Auswirkungen auf Geldanlagen und Kredite?

Ja. „Ist Geld in ausländischer Währung angelegt, macht sich dies im Depot positiv bemerkbar“, erläutert Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Er rät aber ab, die Geldanlage einzig und allein auf Währungsgeschäfte auszurichten. „Hier sollte immer das Prinzip der vernünftigen Streuung des Vermögens auf unterschiedliche Anlageformen gelten.“ Ein schwacher Euro ist für Kredite, die in Fremdwährung laufen - etwa manche Immobilienfinanzierungen - schlecht. „Denn sie werden je nach Restschuld entsprechend teurer.“

Im Grunde lebt so mit der Euro-Debatte die alte Links-rechts-Diskussion wieder auf – mit ähnlichen Reflexen, Argumenten und psychologischen Mustern. Die Linken sehen vor allem Opfer und fordern Verständnis und Geld, die Rechten sehen vor allem Täter und fordern Härte und strenge Spielregeln. Entgegen ihrem jeweiligen Selbstverständnis sind dabei die Linken häufig politisch naiv und die Rechten ökonomisch ahnungslos. Denn die Vorstellung, man könne immer mehr Geld innerhalb Europas umverteilen, ohne Widerstände hervorzurufen und unkontrollierbare Strukturen zu schaffen, ist schon recht blauäugig. Und die Idee, dass man Länder, denen die Wettbewerbsfähigkeit fehlt, gesundsparen kann, ist nicht gerade von ökonomischem Verständnis durchtränkt.

Auch auf der moralischen Ebene weisen die Weltbilder rechts und links ihre – auch schon von früher bekannten – blinden Flecken auf. Wer von links immer mehr Geld – oder Haftung, was dasselbe ist – fordert, hat offenbar kein Problem damit, dass es sich um das Geld anderer Leute handelt. Wer von rechts immer wieder Härte, Einschränkung oder gar den Rauswurf aus der Währungsunion verlangt, geht sehr sorglos mit der Frage um, was das für die jeweilige Bevölkerung bedeutet. Oder, kurz gesagt: Wie schon immer wollen die Linken kollektiv bezahlen und die Rechten kollektiv bestrafen.

Wie kommt es, dass diese Front so deutlich aufbricht? Wäre es nicht sinnvoller, sich um sachliche Lösungen zu bemühen?

Was die Euro-Krise Deutschland im Ernstfall kostet

IWF

Das Rettungspaket des Internationalen Währungsfond (IWF) hat einen Gesamtumfang von 250 Milliarden Euro.

Daran wäre Deutschland im Fall eines Ausfalls von Griechenland, Italien, Portugal und Spanien mit 15 Milliarden Euro beteiligt.

ESM (Bareinzahlung)

Insgesamt 80 Milliarden Euro in bar haben die beteiligten Staaten zum Euro-Rettungsschirm ESM beigesteuert.

Deutschland trägt im Fall eines Ausfalls von Griechenland, Italien, Portugal und Spanien mit 22 Milliarden Euro fast ein Drittel.

ESM (Bürgschaften)

Zu den Bareinzahlungen haben die Euro-Länder Garantien in Höhe von insgesamt 620 Milliarden Euro übernommen.

Im Ernstfall müsste Deutschland die Kosten bis zu 168 Milliarden Euro mittragen.

IWF-Rettungsplan für Griechenland

Für die Rettung Griechenlands hat der IWF 30 Milliarden Euro bereit gestellt.

Zwei Milliarden Euro davon kommen aus Berlin.

EU-Rettungsplan für Griechenland

Die Europäische Union hat für die Griechenland-Rettung ein Paket von 80 Milliarden Euro geschnürt.

Die Bundesregierung ist mit 27 Milliarden Euro beteiligt.

EZB-Staatsanleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank hat für rund 96 Milliarden Euro Staatsanleihen gefährdeter Euro-Länder erworben.

Mit 32 Milliarden Euro trägt Deutschland davon ein Drittel.

Target-Verbindlichkeiten

Die Target-Verbindlichkeiten Griechenlands, Portugals, Irlands und Spaniens machen mit 340 Milliarden Euro einen Großteil der Gesamtsumme aus.

Deutschlands Anteil: 113 Milliarden Euro.

Gesamt

Insgesamt umfassen sämtliche Rettungspakete ein Volumen von 1496 Milliarden Euro.

Im denkbar schlechtesten Fall müsste Deutschland also mit 379 Milliarden Euro tief in die Tasche greifen.

Das Bemühen um sachliche Lösungen gibt es ja – zum Glück. Anders als in manchen Phasen vor Jahrzehnten ist der Dialog zwischen rechts und links heute noch nicht abgerissen oder durch pure Polemik ersetzt worden – so viel Fortschritt haben wir doch geschafft. Der empfindliche Punkt ist allerdings: Die Probleme sind so komplex geworden und halbwegs überschaubare Lösungen so weit in die Ferne gerückt, dass es kaum noch möglich ist, den Überblick zu behalten.

Wenn einen die Sachlogik überfordert, hat man die Wahl: sich die eigene Unsicherheit einzugestehen – oder vertrauten Reflexen ihren Lauf zu lassen. Und die zweite Variante fühlt sich meist besser an.

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

21.09.2011, 12:36 Uhr

"Die Probleme sind so komplex geworden und halbwegs überschaubare Lösungen so weit in die Ferne gerückt, dass es kaum noch möglich ist, den Überblick zu behalten."

Ich denke sie Probleme sind gar nicht so komplex. Mindestens die Ursachen der derzeitigen Situation sind, wenn man sie sehen will, klar erkennbar. Eventuell sind es die Grundannahmen, auf denen die Probleme wachsen konnten, die vielleicht zu groß zum Scheitern sind, weshalb man sich hinter der vermeintlichen Komplexität gut verstecken und die sachlich gebotenen Schritte hinausschieben kann.

Ansonsten sehr richtige Analyse der linkes-rechts-Reflexe, die die Diskussion immer wieder vergiften und die Kommunikation erschweren. Man muss schon sehr genau hinschauen, WIE etwas gemeint ist und ob es eben bloss aus einem Refelx oder aus einer tiefgründig-ausgewogenen Überlegung kommt.

Account gelöscht!

21.09.2011, 12:49 Uhr

Herr Wiebe, hier geht es nicht um "links" oder "rechts". Die Wahrheit ist einfach und extrem unbequem: Die "Euroretterei" muss nur noch ein Jahr so vorangetrieben werden, und dann ist Deutschland das Ziel der "Märkte". Und was das bedeutet, muss man niemanden sagen. Deutschland kann nicht die Schulden der anderen Europäer übernehmen! Der Euro war eine katastrophal-naive Idee. Es geht darum, diesen Fehler mit einem Ende mit Schrecken abzuwickeln - denn, wie Sie selbst bedeuten, ein Schrecken ohne Ende werden die Wähler nicht mitmachen!
Der Euro ist ein sozialistisches Projekt und wird genauso scheitern wie der Sozialismus früher im Osten. Es geht um Freiheit, Selbstbestimmung und Verantwortung! Das haben Sie leider gar nicht begriffen.

gabsch

21.09.2011, 14:02 Uhr


Ja,stimme Miss_Trauen da vollinhaltlich zu, möchte noch anmerken,
daß weder Griechenland,Portugal,Italien aus dem Euro aussteigen
sollten, sondern Deutschland.-Das wäre meiner Meinung nach noch
der gringste Schaden! Die Schweiz, Dänemark, Norwegen, die
Schweden leben ja auch mit harter Währung,und das wie man sieht
sehr ,sehr gut! LG

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