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19.06.2016

21:02 Uhr

Wirtschaft in Spanien

Das Ende der Siesta?

Schluss mit Siesta: Spanien will die spanische Mittagspause abschaffen. Diese soll schlecht für die Gesundheit der Menschen sein sowie für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Leicht wird die Abschaffung jedoch nicht.

Die Rollläden eines Weinladens in Chamberí sind während der Mittagsruhe herunter gelassen. Die Siesta dauert in Spanien meistens von 14 bis 17 Uhr. dpa

Siesta in Spanien

Die Rollläden eines Weinladens in Chamberí sind während der Mittagsruhe herunter gelassen. Die Siesta dauert in Spanien meistens von 14 bis 17 Uhr.

MadridDie Siesta, der „Mittagsschlaf“, gehört zu Spanien wie Paella, Flamenco oder Mallorca. Wenn Puri aber das Wort hört, das in ihrem Land vor allem für die sehr lange Mittagspause steht, wird sie wütend. „Die Siesta nimmt mir jeden Tag unnötigerweise ein Stück meines Lebens weg, ich habe kaum Zeit für meine Familie“, schimpft die dreifache Mutter aus Getafe südlich von Madrid, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte.

Als Angestellte eines Küchenstudios wird die 35-Jährige um 14 Uhr – wie sie sagt – „immer in die verdammte Zwangspause entlassen“. Und zwar bis 17 Uhr. In der Nähe ihres Ladens im zentralen Viertel Chamberí werden zur selben Zeit viele Rollläden mit Getöse runtergelassen, unzählige „Geschlossen“-Schilder nach draußen gehängt. Nur die wenigsten Arbeiter und Angestellten können hier zum Mittagessen schnell nach Hause fahren, denn die meisten wohnen in den Vororten. Bei ihren Lieben ist Puri abends erst gegen 21.30 Uhr. „Meine jüngste Tochter wurde von der Oma dann schon ins Bett gebracht.“

Wie Puri erheben immer mehr Spanier ihre Stimme zum Protest. Vor zehn Jahren wurde die „Vereinigung zur Rationalisierung der Zeiten“ (ARHOE) ins Leben gerufen, die eine zeitliche Anpassung des Tagesablaufs etwa mit den noch sehr späten Büro- und Ladenschließungszeiten an die Gewohnheiten in anderen Ländern Westeuropas fordert. „Was in Spanien passiert, ist nicht normal. Wir haben ein Anrecht darauf, unser Privatleben zu genießen“, meint der 49-jährige Jurist und ARHOE-Präsident José Luis Casero.

Die spanische Arbeitsmarktreform

Geringere Abfindungen

Bis 2012 mussten einem Angestellten in Spanien bei grundloser Kündigung eine Abfindung von 45 Tageslöhnen pro Jahr im Unternehmen gezahlt werden. Die konservative Regierung reduzierte diese Abfindung auf 20 Tageslöhne und legte für die Zahlungen zudem eine neue Höchstdauer von 24 im Unterschied zu davor 41 Monaten fest.

Flexiblere Kündigungen

Lange unterteilte der Arbeitsmarkt in Spanien sich vor allem in zwei Fraktionen: Eine „Elite“ nahezu unkündbarer Festangestellter und Angerstellten, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelten. Die Einführung eines neuen, flexibleren Kündigungsrecht erlaubte 2012 erstmals auch das Aussprechen betriebsbedingter Kündigungen bei sinkenden Unternehmensumsatz.

Lockere Tarifverträge

Gleichzeitig wurden auch Gehälter variabler gestaltet. Unternehmen erhielten die Möglichkeit, in Absprache mit den Mitarbeitern Löhne und Arbeitszeiten individuell zu vereinbaren - ohne sich an die geltenden Tarifverträge halten zu müssen.

Bonus für junge Angestellte

Weil in Spanien besonders viele junge Menschen arbeitslos sind, zahlt der Staat Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern eine Prämie. Pro eingestelltem 16-30-Jährigen gibt es bis zu 3300 Euro, für Frauen im gleichen Alter bekommt die Firma sogar bis zu 3600 Euro.

Bonus für alte Angestellte

Besonders betroffen von der schlechten Wirtschaftslage sind auch die älteren Arbeitslosen. Die Regierung zahlt daher jedem Unternehmen, das einen über 45-jährigen Spanier einstellt, bis zu 3900 Euro (für Frauen bis zu 4500 Euro). Der neue Mitarbeiter muss in den 18 Monaten vor Vertragsbeginn jedoch mindestens zwölf Monate arbeitslos gewesen sein. 

Zeitverträge mit Limit

Befristete Verträge dürfen nur noch maximal zwei Jahre gelten und nicht mehr verlängert werden. Soll der Angestellte im Unternehmen bleiben, muss der Vertrag in einen unbefristeten umgewandelt werden.

Casero und Puri stehen mit ihren Forderungen alles andere als alleine da. Der Rundfunksender „Cadena Ser“ bezeichnete den spanischen Tagesablauf etwa als „kafkaesk“. In der Tat: Weil die meisten Menschen spät nach Hause kommen, wird oft nicht vor 21 Uhr zu Abend gegessen. Die Hauptsendezeit beginnt im Fernsehen erst um 22 oder 22.30 Uhr.

„Man muss nach dem Abendessen aufräumen, man will sich mit Ehemann und Kindern unterhalten, ein bisschen Fernsehen gucken. Im Bett bin ich nicht vor ein Uhr morgens“, klagt Puri mit müdem Blick im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Der diesjährige Tag des Schlafes (21. Juni) steht unter dem Motto: „Guter Schlaf ist ein erreichbarer Traum“. In Spanien träumen viele Menschen jedoch eher erstmal von genügendem Schlaf.

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