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03.12.2012

14:30 Uhr

Wirtschaft schwächelt

Frankreichs Wettlauf mit den Finanzmärkten

VonThomas Hanke

Ball Paradox in Paris: Ausgerechnet die Sozialisten um Präsident Francois Hollande müssen das Land aus der Wirtschaftsschwäche herausführen – Tempo der Reformen muss noch gesteigert werden.

Gemeinsam mit Italiens Premier Mario Monti und den anderen Südländern gegen Deutschland – dieser Plan von Francois Hollande ist gescheitert. dapd

Gemeinsam mit Italiens Premier Mario Monti und den anderen Südländern gegen Deutschland – dieser Plan von Francois Hollande ist gescheitert.

ParisKranker Mann Europas, Das nächste Griechenland, Zeitbombe im Herzen Europas: Die Titel, mit denen Frankreich in jüngster Zeit belegt wird, sind niederschmetternd. Schlagartig scheint Ökonomen, Politikern und Medien bewusst zu werden, was als schleichende Entwicklung seit mehr als einem Jahrzehnt anhält: Unser Nachbar und wichtigster Partner verliert an wirtschaftlicher Leistungskraft. Aber nicht die Kritiker, sondern die französische Regierung selber liefert die wohl schonungsloseste Beschreibung: „Die Lage unserer Wirtschaft erlaubt es weder, heute der internationalen Konkurrenz standzuhalten, noch sich durch die notwendigen Investitionen effektiv auf die Zukunft vorzubereiten.“

Die Analyse stammt aus dem „Pakt für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung“, den der Premierminister Jean-Marc Ayrault vor knapp einem Monat vorgelegt hat. Er unterfüttert sie mit zahlreichen Fakten: Zwischen 2000 und 2011 ist der Anteil der Industrie an der französischen Wertschöpfung von 18 auf 12,5 Prozent gefallen. Frankreich liegt damit auf dem 15. Rang in der Eurozone, weit hinter Italien, (18,5 Prozent), Schweden (21 Prozent ) oder Deutschland (26 Prozent); die Industrie hat in zehn Jahren 750 000 Arbeitsplätze verloren. Das geht aber nicht auf eine rasche Modernisierung und Automatisierung zurück, denn sie nutzt lediglich 35 000 vergleichsweise alte Roboter, während in Italien 60 000 und in Deutschland 150 000 zum Einsatz kommen. Die Handelsbilanz (ohne Energie) ist von einem Überschuss in Höhe von 17 Milliarden Euro 2002 in ein Defizit von 25 Milliarden Euro 2011 umgeschlagen.

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Den Sozialisten anlasten kann man diese düstere Bilanz nicht. Sie waren zehn Jahre lang nicht an der Macht. Die konservativen Vorgänger schauten tatenlos zu, wie sich das früher nahezu ausgeglichene wirtschaftliche Verhältnis zu Deutschland immer mehr zu einer Schieflage zulasten Frankreichs entwickelte. Ganz unschuldig sind allerdings auch die Sozialisten nicht: Sie haben 2002 die Arbeitszeit gesetzlich auf 35 Stunden verkürzt. Will ein Unternehmen länger arbeiten, muss es sich seitdem mit allerlei Tricks und Kniffen, meist mit teuren Überstunden an der gesetzlichen Hürde vorbeimogeln.

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

Wachstum

Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

Schulden

Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

Industrie

Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

Arbeitskosten

Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.

Die französische Wirtschaft nimmt mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis, dass die strukturellen Schwächen nun auf die politische Tagesordnung kommen: „Gut, dass das Thema nun erkannt wird“, sagte Alstom-Chef Patrick Kron dem Handelsblatt. Der Transport- und Energieausrüster ist ein Beispiel für die Strategie, mit der Frankreichs Großkonzerne den Problemen begegnen: Sie weichen ins Ausland aus. Nur noch zwanzig Prozent der Alstom-Belegschaft arbeiten in Frankreich. Immer häufiger beliefern große französische Gruppen ihre Kunden mit Produkten, die sie nicht mehr in Frankreich fertigen.

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Die Zahl exportierender Unternehmen ist in Frankreich wesentlich geringer als in Deutschland. Das spiegelt sich in den Verlusten an Marktanteilen wider, die unser Nachbarland erlitten hat. 1998 machte der Anteil Frankreichs an den Güterexporten der Eurozone 16,9 Prozent aus. In den ersten acht Monaten dieses Jahres erreichte er nur noch 12,6 Prozent. Kein anderes Land der Währungsunion ist so stark zurückgefallen.

Kommentare (2)

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Skyjumper

03.12.2012, 14:31 Uhr

Von einer ursprünglich vorgesehenen steuerlichen Mehreinnahme in Höhe von 20 Mrd., davon die Hälfte, also 10 Mrd., durch die Industrie ....... nunmhr also eine steuerliche Entlastung der Industrie um 20 Mrd.€. Sofern mein Kopfrechner da richtig agiert ergibt sich da ein Delta von immerhin 30 Mrd.

30 Mrd., die entweder durch eine entsprechend steigende Neuverschuldung hereinkommen müssen (die 100 % Grenze winkt schon mal am Sichthorizont), oder die durch anderweitg gesteigerte Staatseinnahmen hereinkommen müssen.

Im Gedankenmodell soll dies offenbar über eine angehobene MwSt. erfolgen. Da aber diejenigen, die bereits jetzt ihr Einkommen zu 100% verkonsumieren müssen, nicht mehr als eben diese 100% ausgeben können, wird das wohl nicht ganz aufgehen.

Hollande braucht eigentlich nur einen Blick schräg rüber nach Spanien zu werfen um zu erkennen, wo er dann landet.
Nach 2 Jahren Abmagerungskur hat sich Frankreich dann wieder Marktanteile zurück erkämpft, was dann Deutschland dazu zwingt nachzuziehen und zudem Spanien und Portugal wieder in Bedrängnis bringt. Ein Teufelskreis der vergeblichen Bemühungen einen global gleichgross bleibenden Kuchen, von dem immer kleinere Anteile auf Europa entfallen, 2x essen zu wollen.

Vive_la_France

03.12.2012, 16:05 Uhr

Frankreich wird sich besinnen und versuchen, seinen Haut zu retten, indem es sicherstellen will, in den Nordeuro aufgenommen zu werden. Hier in einer Fiskalunion könnten die Nordländer - und insbesondere Deutschland - wunderbare Dienste leisten, die überbordenden Pensionsansprüche der französischen Beamten zu decken und auch ansonsten trefflich weiter über die eigenen Verhältnisse auf Kosten anderer zu leben.
Alternativ wäre das Durchsetzen von Eurobonds, um weiterhin schön "Grande Nation" spielen zu können. Was heißt denn schließlich Wettbewerb und Globalisierung? Das sind nur Petitessen für la France. Es ist so schön, wie Gott in Frankreich zu leben. Vor allem, wenn man die Rechnung nur zum Teil begleichen muß und immer Dumme findet.

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