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11.10.2012

14:55 Uhr

Wirtschaftsforscher

„Wir vermuten, dass Griechenland nicht zu retten ist“

Während Bundesfinanzminister Schäuble sich gegen einen weiteren Schuldenschnitt Griechenlands wehrt, sprechen sich Forschungsinstitute dafür aus - auch wenn Athen seine Schulden vermutlich niemals begleichen könne.

Soll es einen weitern Schuldenschnitt für das Land geben? dpa

Soll es einen weitern Schuldenschnitt für das Land geben?

Berlin/AthenDie führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland befürworten einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland. Es sei unwahrscheinlich, dass Athen seine Schulden jemals werde begleichen können, sagte Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle bei der Vorstellung des gemeinsamen Herbstgutachtens am Donnerstag in Berlin. Daher wäre das Beste, man käme zu einer weiteren Restrukturierung oder Insolvenzlösung unter Beteiligung der Gläubiger.

„Wir vermuten, dass Griechenland nicht zu retten ist“, sagte Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, nannte dies dann aber „etwas platt formuliert“. Eine Umstrukturierung sei nötig. Für Athen dürfte es schwer werden, die weiteren Reformprogramme umzusetzen. Kai Carstensen vom Münchener ifo-Institut verwies darauf, dass in Griechenland Lohnstückkosten im Staatssektor gesunken seien, aber nicht im selben Maße in der Privatwirtschaft. Der entscheidende Punkt für die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands, dass die Preise von Produkten heruntergingen, sei nicht bisher erreicht.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte ausweichend auf die Forderung von IWF-Chefin Christine Lagardere, Griechenland müsse mehr Zeit für Reformen gegeben werden. Man werde den Bericht der Troika der internationalen Gläubiger abwarten. „Das ist Grundlage für unsere Bewertung“, sagte sie am Donnerstag in Berlin.

Zugleich räumte sie ein, dass auch die deutsche Wirtschaft von der Rezession in den südlichen Euro-Staaten betroffen werde. Die Bundesregierung wolle deshalb die Binnennachfrage stabilisieren, unter anderem mit den vorgesehenen Steuererleichterungen.

Die größten Schuldenmacher in der Euro-Zone

Irland

Das höchste Defizit in der Euro-Zone hat Irland. Es beträgt 8,3 Prozent des Bruttosozialprodukts.

Griechenland

Rund 7,3 Prozent beträgt das Haushaltsdefizit Griechenlands für 2012.

Spanien

Der Krisenstaat auf der Iberischen Halbinsel kommt auf ein Haushaltsdefizit von 6,9 Prozent.

Slowakei

Platz vier unter den größten Schuldensündern belegt mit einem Defizit von 4,8 Prozent die Slowakei.

Portugal

Knapp hinter der Slowakei reiht sich Portugal ein: Hier schlägt 2012 ein Defizit von 4,7 Prozent des Bruttosozialprodukts zu Buche.

Frankreich

Mit Hilfe von Steuererhöhungen und Einsparungen will Frankreich sein Haushaltsdefizit im nächsten Jahr eindämmen. Dieses Jahr beträgt es noch 4,5 Prozent.

Niederlande

Rund 20 Milliarden Euro müssten die Niederlande sparen, um ihr Defizit unter drei Prozent zu drücken. Derzeit liegt es bei 4,4 Prozent des Bruttosozialprodukts.

Slowenien

Auch Slowenien ringt mit steigender Verschuldung und schrumpfendem Wirtschaftswachstum. Das Haushaltsdefizit liegt 2012 bei 4,3 Prozent.

Zypern

„Sparen, kürzen, streichen“: So lautet auch das Motto in Zypern. Das Haushaltsdefizit liegt 2012 bei 3,4 Prozent des Bruttosozialprodukts.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hingegen findet deutliche Worte und geht auf Konfrontation zum Internationalen Währungsfonds. Er lehnte am Donnerstag in Tokio kurz vor einer IWF-Tagung dessen Vorschlag ab, dass Griechenland durch einen Forderungsverzicht der staatlichen Gläubiger geholfen werden sollte. Zudem wies er Forderungen des Fonds zurück, Deutschland solle mehr für das Wachstum tun.

„Das ist einer der Vorschläge, die nicht zielführend ist“, merkte er zur Debatte über einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland an. Auch Vorschläge aus dem Fonds, Deutschland möge mehr für die Ankurbelung seiner Binnennachfrage tun, „verraten nicht viel Kenntnis von der Lage in Deutschland“. Äußerungen von IWF-Chefin Christine Lagarde, die den Griechen zwei Jahre mehr zum Erreichen der Konsolidierungsziele geben würde, wollte er nicht kommentieren.

Kommentare (56)

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Deutscher_im_Ausland

11.10.2012, 14:45 Uhr

Mit jedem Tag werden Frau Lagadere und Hollande einen weiteren Schuldenerlass für Griechenland akzeptabler finden. Sind doch die zuvor bei französischen Banken liegenden Forderungen ggü Griechenland inzwischen auf den ESM, die EZB und damit weit überwiegend den deutschen Steuerzahler übertragen worden.
Vielen Dank, Frau Merkel.
Ironie der Geschichte: Für diese Dummheit dürfen Sie sich in Griechenland auch noch als Nazi beschimpfen lassen.

unkenrufer

11.10.2012, 15:04 Uhr

"...es gebe Untersuchungen, nach denen die Wirtschaftsleistung in der Euro-Zone um 6,5 Prozent niedriger wäre, wenn es die gemeinsame Währung nicht gäbe..."

Herr Schäuble, das klingt so, als ob die deutschen Bürger in den letzten 10 Jahren Vorteile vom EURO gehabt hätten. Es mag ja sein, dass einige Unternehmen gut verdient haben. Was aber hat der EURO dem Normalbürger gebracht? Arbeitsplatzverluste, stagnierende Löhne, prekäre Arbeitsverhältnisse, Wertverlust bei den Lebensversicherungen, Erosion der Sparvermögen. Das wiegt schwerer als der Entfall des Geldwechselns beim Reisen in die EURO-Länder. Nein Herr Schäuble, für den deutschen Normalbürger war der EURO bisher ein Verlustgeschäft. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem was uns in den nächsten Jahren noch bevorsteht. Herr Schäffer wird uns als erster Finanzminister der BRD immer in guter Erinnerung bleiben. Herr Waigel und Sie werden als Versager in die Annalen der BRD eingehen.

Liberoo

11.10.2012, 15:06 Uhr

"Deshalb seien solche Vorschläge, wie sie auch vom IWF kommen, nicht von viel Sachkenntnis gekennzeichnet."

Was denn, will Dr. Schäuble dem IWF und Catastroika-Mitglied die Kompetenz absprechen? Ist ja ungeheuerlich.

"Zudem habe EZB-Präsident Mario Draghi habe deutlich gemacht, dass für die EZB ein solcher Forderungsverzicht ebenfalls nicht infrage komme."

Wieso auch? Die EZB kann doch unbegrenzt griechische Staatsanleihen aufkaufen.

Hatte die Kanzlerin eigentlich eine große Wirtschaftsdelegation mit nach Griechenland genommen? Warum werden denn nicht große Anstrengungen und Investitionen getätigt, um Griechenland wieder auf die Beine zu helfen?

Und zu guter letzt: Hat Griechenland schon seine erste Rate an den ESM überwiesen? Fälligkeit 23.10.2012

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