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20.02.2015

00:05 Uhr

Wirtschaftsforscher zu Griechenland

„Euro-Austritt würde Chaos auslösen“

VonDietmar Neuerer

ExklusivDer Schuldenstreit zwischen Griechenland und den Europartnern steht Spitz auf Knopf. Auch ein Euro-Austritt des Landes ist nicht ausgeschlossen. Das könnte jedoch verheerende Folgen nach sich ziehen, warnt ein Experte.

Hellas steht bei der Euro-Zone und dem IWF mit 240 Milliarden Euro in der Kreide. Reuters

Griechenland-Flagge in Athen

Hellas steht bei der Euro-Zone und dem IWF mit 240 Milliarden Euro in der Kreide.

BerlinDer Mannheimer Wirtschaftsforscher Hans-Peter Grüner hat davor gewarnt, die Risiken eines möglichen Ausscheidens Griechenlands aus der Euro-Zone, den sogenannten Grexit, zu unterschätzen. „Die Einführung einer neuen Währung und die Umstellung alter Verbindlichkeiten auf diese neue Währung würden in Griechenland zu einem wirtschaftlichen Chaos führen“, sagte Grüner dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).

Gläubiger würden nach Grüners Einschätzung darauf pochen, dass ihre Forderungen in Euro beglichen werden. Dafür könnten sie als „starkes Argument“ anführen, dass ein Ausstieg aus der Währungsunion vertraglich nicht vorgesehen sei. „Wenn niemand weiß, welchen rechtlichen Anspruch er aus einer alten Forderung in Euro noch ableiten kann, und wenn diese Frage erst einmal einen langen Weg bis zum europäischen Gerichtshof antritt, steht die Bonität vieler griechischer Firmen in Frage“, warnt der Professor an der Universität Mannheim. „Das würde die Unsicherheit in jeder Geschäftsbeziehung innerhalb Griechenlands und mit Firmen in Griechenland noch weiter verstärken.“

Zahlen und Fakten zum griechischen Schuldendrama

Aktuelle Situation

Griechenland kommt seit fast fünf Jahren nur noch mit internationalen Finanzhilfen über die Runden. Die neue Regierung in Athen will die ihrer Meinung nach unsozialen Sparauflagen nicht erfüllen.

Zwei Rettungspakete

Ausgezahlt wurden bis Anfang Februar: aus dem ersten Paket bilaterale Kredite der Europartner über 53 Milliarden Euro, aus dem zweiten Paket 141 Milliarden Euro.

Quelle: dpa

Schuldenberg

Trotz eines Schuldenschnitts 2012 umfasste er nach zuletzt verfügbaren Zahlen immer noch rund 315 Milliarden Euro. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sollen die Schulden von bislang über 170 Prozent bis auf 112 Prozent im Jahr 2022 gedrückt werden.

Quelle: dpa

Laufzeiten

Die Hilfskredite unter dem Euro-Rettungsschirm EFSF haben jetzt schon eine durchschnittliche Laufzeit von rund 32 Jahren. Die ohnehin niedrigen Zinsen werden erst von 2022 an fällig. Auch die Tilgung beginnt beim EFSF erst 2022.

Quelle: dpa

Verlängerung

Das laufende Kredithilfsprogramm der Europäer wurde bereits bis Ende Februar verlängert. Eine weitere Verlängerung müsste von Athen beantragt werden. Parlamente einiger Staaten müssten aber zustimmen. Es stehen im Programm noch 1,8 Milliarden Euro bereit.

Quelle: dpa

Weitere Hilfen

Eine angedachte vorbeugende Kreditlinie von rund 11 Milliarden Euro soll es bislang nur dann geben, wenn das laufende Rettungsprogramm abgeschlossen ist, also die Spar- und Reformauflagen erfüllt werden. Seit kurzem dürfen griechische Banken keine Staatsanleihen des Landes mehr als Sicherheiten für Geld der Europäischen Zentralbank (EZB) hinterlegen. Vorerst bekommen die Banken noch Notkredite (ELA) der griechischen Notenbank. Dem Vernehmen nach hat der EZB-Rat bislang ein ELA-Volumen von bis zu 65 Milliarden Euro bewilligt.

Quelle: dpa

Auch wenn Griechenland bei einem Euro-Austritt eindeutig festlegen würde, dass alte Forderungen in Euro bestehen blieben, bleibe dieses Problem weiter bestehen. „Denn griechische Firmen müssten dann ihre Schulden in Euro begleichen, während sie nur Drachmen einnehmen“, gab Grüner zu bedenken. „Verbreitete Insolvenzen wären die Folge, und die damit verbundene Unsicherheit würde die Krise verstärken.“

Grüner ist davon überzeugt, dass die Einführung einer neuen Währung oder die Einführung einer Parallelwährung so oder so mit einer verstärkten Wirtschaftskrise in Griechenland einherginge. Es wäre aus seiner Sicht zudem „unwahrscheinlich, dass sich die jetzige Regierung in einer solchen Situation lange halten könnte“. Nach einem Machtwechsel müsse sich Europa aber dann der Frage der Mithilfe beim Wiederaufbau der griechischen Volkswirtschaft stellen. „Sollte Griechenland rechtswidrig und einseitig eine andere Währung einführen, so schließt das eine Rückkehr in die Währungsunion nicht aus“, fügte der Experte hinzu.

Die Finanzminister der Euro-Gruppe wollen am heutigen Freitag in einer Sondersitzung über einen neuen Hilfsantrag beraten. Griechenland bittet darin um Unterstützung für weitere sechs Monate. In Athen erklärte ein Regierungssprecher, die Euro-Finanzminister hätten nur die Optionen, dem griechischen Vorschlag zuzustimmen oder diesen abzulehnen.

In der Euro-Gruppe hatte der Antrag unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Die Bundesregierung lehnt die Vorschläge aus Athen ab. Es handle sich nicht um einen substanziellen Lösungsvorschlag, erklärte ein Sprecher von Finanzminister Schäuble in Berlin. Der griechischen Regierung gehe es vielmehr um eine Brückenfinanzierung, ohne die Anforderungen des Hilfsprogramms zu erfüllen.

Kommentare (53)

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Herr Peter Mitchell

20.02.2015, 07:25 Uhr

Hat der Author denn griechische Verwandte oder Freunde oder besitzt er ein Hotel auf einer der Griechischen Inseln. Welche Geschäftsbeziehungen sollen denn in die Brüche gehen? Export von Oliven, Souflaki, Feta? Was exportiert denn Griechenland in die EU außer landwirtschaftliche Erzeugnisse? Kenne kein erfolgreiches griechisches Produkt mit USP als Marke in Europa außer Landwirtschaft.
Und Gott gewahre uns von der Blödheit der Politiker nach einem GREXIT die jemals wieder zurück in den EURO zu lassen. Solch einer kann sich eigentlich gleich von der Politik verabschieden. Die Münzunion hatte leider nur eine Halbwertszeit von knapp weniger als 100 Jahren, hoffentlich hält es dieses mal länger!

Herr Woifi Fischer

20.02.2015, 07:29 Uhr

„Euro-Austritt würde Chaos auslösen“ Es ist immer das gleiche, es steht das Thema Griechenland Austritt aus der EU, und sofort ist ein Experte (Professor) zur Stelle, der dieses Problem als Katastrophe diagnostiziert. Von demselben Experten war nichts zu hören, als man Griechenland in die EU holte. Also nicht auf selbsternannte Experten hören, sie haben keine der vielen Probleme der EU oder der Welt vorhergesehen.

Herr Rene Weiß

20.02.2015, 07:36 Uhr

Ein Verbleib hat schon Chaos ausgelöst. Noch mehr geht gar nicht.

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