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19.06.2014

10:37 Uhr

Wirtschaftskrise

Argentinien vor erneuter Staatspleite

Das argentinische Wirtschaftsministerium meldet, die geplante Schuldenrückzahlung am 30. Juni sei „unmöglich". Im Land geht die Angst vor einer neuen Staatspleite um. Die Regierung gerät unter Druck, auch aus den USA.

Die argentinische Präsidentin, Cristina Fernandez de Kirchner: Unter ihrer Ägide droht die Staatspleite. dpa

Die argentinische Präsidentin, Cristina Fernandez de Kirchner: Unter ihrer Ägide droht die Staatspleite.

Buenos AiresArgentinien droht die Staatspleite. Eine am 30. Juni fällige Rückzahlung von Verbindlichkeiten sei „unmöglich", teilte das Wirtschaftsministerium am Mittwochabend (Ortszeit) in Buenos Aires mit. Grund sei ein Urteil des Obersten Gericht der USA, wonach das Land mehrere Hedgefonds mit einem Milliardenbetrag entschädigen muss. Das vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnittene Land geht damit schweren Zeiten entgegen, zumal die Wirtschaft stagniert, die Inflation steigt und die Währungsreserven schmelzen.

In den USA wehrten sich Hedgefonds unter Führung von NML Capital des Milliardärs Paul Singer und Aurelius Capital Management erfolgreich dagegen, auf Ansprüche gegen das klamme Land zu verzichten. Sie hatten sich nicht an zwei Schuldenschnitten beteiligt, die Argentinien 2005 und 2010 mit gut 90 Prozent seiner Gläubiger vereinbart hatte. Letztere verzichteten dabei auf knapp ein Drittel ihrer Ansprüche von 100 Milliarden Dollar.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Das Oberste Gericht der USA hatte am Montag ein Urteil der Vorinstanz bestätigt, das Argentinien zur Gleichbehandlung aller Gläubiger verpflichtet. Damit müssten 1,3 Milliarden Dollar an die "Geierfonds" - wie sie Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner bezeichnet - gezahlt werden. Fließt das Geld nicht, wird das als „technischer Zahlungsausfall" gewertet. Der Streit wird vor US-Gerichten ausgefochten, weil die Staatsanleihen damals in Dollar unter amerikanischem Recht begeben worden waren.

Das Land könne es sich nicht leisten, gleichzeitig die Hedgefonds zu bedienen und die am 30. Juni fällige Rückzahlung einer Anleihe zu stemmen, erklärte das Wirtschaftsministerium. Die Forderungen der Hedgefonds summierten sich auf bis zu 15 Milliarden Dollar. Das entspricht mehr als der Hälfte der Währungsreserven des Landes. Die Hoffnungen ruhen nun darauf, dass Verhandlungen mit den Hedgefonds in letzter Minute zum Erfolg führen.

„Ich bin von Argentinien informiert worden, dass Vertreter nächste Woche in New York sein werden und verhandeln wollen", sagte der von der Regierung beauftragte Anwalt Carmine Buccuzzi. Aurelius-Chef Mark Brodsky bestätigte das, äußerte aber zugleich Zweifel an den Erfolgschancen. „Ich rechne mit einer Scharade", sagte Brodsky. „Aber ich hoffe, dass ich daneben liege."

Staatspräsidentin de Kirchner sprach von „Erpressung". Man sei aber zu Verhandlungen bereit. Wirtschaftsminister Axel Kicillof bot als Ausweg an, die unter US-Recht stehenden Anleihen gegen solche zu tauschen, für die Argentinien die Zuständigkeit hat. Argentinien hatte sich zuletzt 2001/02 für zahlungsunfähig erklärt.

Von

rtr

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