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03.09.2014

14:05 Uhr

Wirtschaftskrise der Ukraine

Ganz nah am Abgrund

VonJan Mallien

Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für die ukrainische Wirtschaft einen Einbruch um mehr als sieben Prozent. Doch das ist das optimistische Szenario. Es könnte noch schlimmer kommen. Das hat mehrere Gründe.

Der ukrainischen Wirtschaft droht ein schwerer Absturz.

Der ukrainischen Wirtschaft droht ein schwerer Absturz.

DüsseldorfDie Ukraine braucht nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) möglicherweise mehr Finanzhilfen als bisher angenommen. „Eine weitere Verschärfung der geopolitischen Spannungen könnte erhebliche ökonomische Konsequenzen haben“, warnt der Fonds in einem aktuellen Bericht.

Bisher hat der IWF für dieses und nächstes Jahr 17 Milliarden Dollar an Hilfen für die Ukraine fest zugesagt. Seine Experten rechnen für 2014 mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 7,25 Prozent.

Doch das ist nur die optimistische Prognose. Sie setzt voraus, dass sich bald eine Lösung des Konfliktes im Osten des Landes abzeichnet. „Das Programm hängt entscheidend von der Annahme ab, dass der Konflikt in den kommenden Monaten nachlässt“, schreibt der IWF. Falls der Konflikt das gesamte Jahr 2015 weitergehe, könnte die Ukraine alleine weitere 19 Milliarden Dollar benötigen, um die Reserven der Zentralbank aufzustocken. Dann werde „eine neue Strategie benötigt,“ zu der auch stärkere Einsparungen und schärfere Reformen gehören könnten.

Ukraine-Experte Robert Kirchner von der auf Osteuropa spezialisierten Beratung Berlin Economics hält Wachstumsprognosen für die Ukraine derzeit für sehr schwierig. „Absehbar ist ein deutlicher Rückgang der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr“, sagt er. Das liege zum einen am Konflikt im Osten der Ukraine – zum anderen an den Problemen im Handel mit Russland und der unterbrochenen Gaszufuhr.

Putin spricht...

über Krieg und Frieden

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
am 4.3. in einer Pressekonferenz

„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

über Rüstung

„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
am 10.09. in einer Pressekonferenz

über die Zukunft der Ostukraine

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
am 4. 3. in einer Pressekonferenz

„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

über die Führung der Ukraine

„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
am 18. 3. in der Rede an die Nation

„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

über den Westen

„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

über Russen im Ausland

„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

Direkt betroffen vom Konflikt im Osten des Landes sind die beiden Regionen Donezk und Lugansk, die zusammen 16 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen und etwa ein Viertel der Industrieproduktion. Doch auch in anderen Landesteilen  macht sich der Konflikt bemerkbar. „Der Krieg im Osten hat auch starke indirekte Auswirkungen, zum Beispiel durch die Unterbrechung von Lieferketten“, sagt Kirchner. So nimmt beispielsweise Metinvest, der größte Stahlproduzent der Ukraine, derzeit keine neuen Aufträge entgegen. Das Unternehmen will angesichts der unsicheren Versorgungslage zunächst die bestehenden Aufträge abarbeiten.

Noch schwieriger könnte die Lage werden, wenn Russland das Freihandelsabkommen mit der Ukraine aufkündigt. Seit 2013 bereits gibt es stärkere Restriktionen an der Grenze – besonders für Nahrungsgüter wie Käse. Obwohl der Handel mit Russland zuletzt zurückgegangen ist, machte er noch etwa 25 Prozent der Exporte aus. Besonders für den Maschinenbau ist Russland ein wichtiger Markt.

Kommentare (20)

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Frau Helga Trauen

03.09.2014, 14:19 Uhr

Und wer soll das bezahlen? Haben Steinniere, Erika, Bundes-Uschi und Siggi Popp mal darüber nachgedacht?

Herr Die Wahrheit oder nichts

03.09.2014, 14:24 Uhr

"Haben Steinniere, Erika, Bundes-Uschi und Siggi Popp mal darüber nachgedacht?"

Haben sie. Und sie sind zu der Lösung gekommen: Die Deutschen bezahlen das. Also 99,9% der Deutschen. Die Herrschaften selbst und einige Konzernlenker bleiben natürlich aussen vor. Ist ja wohl normal...

Herr C. Falk

03.09.2014, 14:26 Uhr

Langsam scheint sich doch Realismus breitzumachen und die Erkenntnis, dass nur die Einleitung von Verhandlungen zur Stabilisierung der Verhältnisse in der Ukraine noch einen wirtschaftlichen Kollaps verhindern können.

Die wirtschaftlichen Beziehungen der Ukraine zu Russland sind viel zu eng und zu schwergewichtig, als dass bei großen Beeinträchtigen
dieser Verflechtungen als Ausgleich Warenströme in Richtung EU einen Ausgleich zu schaffen vermögen.

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