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02.02.2009

14:34 Uhr

Wirtschaftskrise in Asien

Chinas Massen droht die Arbeitslosigkeit

VonAndreas Hoffbauer

Die globale Wirtschaftskrise sorgt in China für eine bislang unbekannte Welle der Arbeitslosigkeit. Der Einbruch der Exportwirtschaft, der bereits zu einem massiven Fabriksterben in den Küstenregionen geführt hat, erwischt nun die armen ländlichen Regionen. Dorthin sind bereits 20 Mio. Wanderarbeiter zurückgekehrt, die durch die Krise ihren Arbeitsplatzt in den Städten verloren haben. Die Zahl dürfte in den kommenden Monaten stark zunehmen.

Ein Wanderarbeiter in einem Außenbezirk von China. Foto: reuters Reuters

Ein Wanderarbeiter in einem Außenbezirk von China. Foto: reuters

PEKING. Die Regierung in Peking spricht bereits vom "härtesten Jahr" seit der Jahrtausendwende und warnt in einem über die Statsmedien verbreiteten Regierungspapier erneut vor sozialen Unruhen. Vor allem auf dem Land, wo mit gut 700 Mio. Bauern noch immer die meisten Chinesen leben, sei die Entwicklung besonders "berdrohlich".

Dabei hatte Regierungschef Wen Jiabao noch am Sonntag auf seiner Europareise erklärt, Chinas Wirtschaft zeige erste Anzeichen der Erholung. Gestern deutete er in London jedoch ein weiteres Paket zur Ankurbelung der Konjunktur an. "Wir könnten weitere, zeitnahe und entscheidende Maßnahmen ergreifen", sagte Wen Jiabao in einem Zeitungsinterview.

China hatte bereits im November ein fast eine halbe Billion Euro umfassendes Konjunkturpaket aufgelegt und seitdem weitere Milliardenprogramme für seine Wirtschaft beschlossen. Dennoch sehen Beobachter keine Entwarnung. Analystin Wang Tao von UBS in Peking etwa sieht die Gefahr, dass "lokale Proteste stark zunehmen können." Und Louis Kuijs, Chefökonom im Pekinger Büro der Weltbank, warnt: "China stehen sechs harte Monate bevor."

Chinas Arbeitslosenwelle setzt nach Ansicht von Beobachtern auch die regierende Kommunistische Partei zunehmend unter Druck, die ihre Legitimation bislang stark mit dem wirtschaftlichen Aufschwung verknüpft hat. Doch der Unmut unter dem Heer der Wanderarbeiter steige, wenn sie nun keinen Job mehr finden, sagt Liu Kai Ming, der seit Jahren mit einer Organisation in Shenzhen um bessere Arbeitsbedingungen für Wanderarbeiter kämpft. "Sie haben nur ihren Job und das bisschen Lohn", so der Arbeitsrechtler. "Wenn sie das verlieren, dann haben sie gar nichts mehr."

Vor allem, wenn die Rückkehrer auf ihren Feldern nun Fabriken vorfinden. Nach offizieller Statistik wurden bereits mehr als 7 Mio. Hektar Land, für die Wanderarbeiter das Nutzungsrecht besaßen, wieder von den lokalen Behörden übernommen und zu Industrieansiedlungen verwendet. Dies entspricht fast einem Zehntel der gesamten Agrarfläche im Reich der Mitte.

Und in Chinas ländlichen Gebieten liegen die Einkommen deutlich unter den städtischen Löhnen. Viele Familien in armen Provinzen wie Anhui hängen darum vom Geld der Familienmitglieder ab, die als Wanderarbeiter nach Peking oder in die Küstenregionen gezogen sind.

Doch diese Überweisung bleibt nun immer öfter aus. Laut chinesischen Medienberichten haben bereits 670 000 kleine Firmen in ganz China wegen der Krise aufgeben müssen. Das hat Folgen: Mehr als 15 Prozent der 130 Millionen chinesischen Wanderarbeiter aus ländlichen Regionen hätten darum ihre Stelle verloren, sagte gestern Chen Xiwen, Vize-Direktor des Büros für ländliche Entwicklung, in Peking.

Er rechnet dieses Jahr mit 25 Mio. Arbeitssuchenden in Chinas Dörfern. Grundlage für den alarmierenden Trend ist das Ergebnis einer Erhebung des chinesischen Landwirtschaftsministeriums in rund zwölf Provinzen, die Chen in Peking vorstellte.

Für einige Analysten ist diese Einschätzung noch zu optimistisch an. Yiping Huang, Asien-Volkswirt bei der Citigroup in Hongkong, hält eine Verdoppelung der ländlichen Arbeitslosenzahl für möglich, sollten Chinas Konjunkturprogramme nicht wirklich greifen. "Einige Leute reden schon von 30 oder 40 Mio. Arbeitslosen auf dem Land", so Huang.

Und nicht nur dort wird die Lage bedenklich. Die in China nur für die Städte erfasste Arbeitslosenquote hat sich bereits mehr als verdoppelt. Lag sie im vergangenen Jahr offiziell bei rund 4 Prozent, erreichte sie nach einer Bewertung der Chinese Academy of Social Science in Peking bereits Anfang Januar 9,4 Prozent, dürfte nun zweistellig sein.

Noch im Januar hatte die offizielle Pekinger Statistikbehörde die Zahl der arbeitslosen Wanderarbeiter im ganzen Land mit nur 6 Mio. angegeben. Jetzt wird in dem Papier der Regierung an die Unternehmen appelliert, sie sollten gegenüber den Wanderarbeitern nun mehr soziale Verantwortung zeigen. Diese haben in der Regel keinen Anspruch auf Sozialleistungen.

Die Rechte der Wanderarbeiter seien in China nicht sehr gut geschützt, beklagte gestern auch der hohe Beamte Chen Xiwen. Er forderte die lokalen Behörden auf, sie sollten bei möglichen Konflikten keine Gewalt einsetzen. Vor allem in in der Export-Provinz Guangdong, aber auch in anderen Regionen, ist es bereits zu gewaltätigen Protesten von entlassenen Wanderarbeitern gekommen.

Auch gestern wurde berichtet, dass Beschäftigte vor geschlossenen Fabriken in China demonstriert haben. Sie hatten nach der Rückkehr vom chinesischen Neujahrsfest plötzlich keine Arbeit mehr.

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