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27.12.2014

11:12 Uhr

Wirtschaftskrise

Russland macht sich auf Konjunktureinbruch gefasst

Der Kreml stellt sich trotz aller Beteuerungen der Stärke auf einen Konjunktureinbruch ein. Finanzminister Siluanow fürchtet einen Rückgang von vier Prozent. Firmen leiden unter der Schwäche des Rubel, der weiter fällt.

Die Wirtschaftkrise trifft Russland mit voller Wucht: Eine Frau kauft Second-Hand-Kleidung auf der Straße in St. Petersburg. ap

Die Wirtschaftkrise trifft Russland mit voller Wucht: Eine Frau kauft Second-Hand-Kleidung auf der Straße in St. Petersburg.

MoskauDie russische Regierung stellt sich wegen des rasanten Preisverfalls von Öl und Rubel auf eine Wirtschaftskrise ein. Finanzminister Anton Siluanow sagte am Freitag, die Wirtschaftsleistung könne nächstes Jahr um vier Prozent schrumpfen, sollte der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau von rund 60 Dollar pro Fass bleiben.

Es wäre das erste Mal seit 2009, dass die russische Wirtschaft nicht wächst. Das würde auch den Haushalt des osteuropäischen Landes belasten. Das Defizit würde dann wohl auf über drei Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Für ein ausgeglichenes Budget müsse der Ölpreis steigen, sagte Siluanow.

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

Was wären die Folgen?

Eingriffe in die Finanzierung würden die russische Wirtschaft querbeet treffen. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, schreiben die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB). Sollte die EU dem Beispiel der USA mit einem Verbot für die Finanzierung erster russischer Unternehmen folgen, werde dies zwangsläufig sehr schnell wirken - denn bislang hätten russische Firmen Finanzierungen in Dollar zumindest teilweise durch Finanzierungen in Euro ersetzen können.

Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?

Von Handelsverboten beispielsweise bei Rüstung und Maschinen wären natürlich die Hersteller selbst betroffen. Schon jetzt berichten Maschinenbauer über Einbrüche, obwohl es noch gar keine konkreten Schritte gibt. „Die Russen würden uns die Maschinen ja gern abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch nach Russland ausgeführt werden können“, sagt der Präsident Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um. Die mittelständische Wirtschaft fürchtet, dass ein Embargo bei uns vor allem auf Klein- und Mittelbetriebe in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektronische Erzeugnisse, Pharma und Nahrungsmittel zurückschlagen würde.

Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?

Russland hat zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land aber nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden, hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft.

Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?

Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen.

Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

Auch das ist völlig unklar. Allerdings hätte Moskau genügend Mittel für einen Gegenschlag: Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Ein Großteil der Wirtschaftsmacht des „Rohstoffgiganten Russland“ beruht auf Erdöl, Erdgas, Kohle sowie Metallen wie Nickel, Aluminium. Und genau hier könnte das Drohpotenzial liegen - theoretisch zumindest: „Nach rationalen Erwägungen würden sich die Russen stärker selbst schaden, wenn sie uns den Gashahn beginnen abzudrehen, weil sie ... von den Einnahmen daraus abhängig sind“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Donnerstag im Südwestrundfunk.

Der Rubel ist unterdessen erneut auf Talfahrt gegangen. Einen Tag nachdem Siluanow den Kursverfall der russischen Währung für beendet erklärt hatte, verlor der Rubel am Freitag erneut vier Prozent an Wert und notierte am Abend bei mehr als 65 Rubel für einen Euro. Damit endete eine fünftägige Kurserholung, während der der Rubel um bis zu 15 Prozent zugelegt hatte.

Seit Juni hat er sich aber nahezu halbiert, weil das Angebot die Nachfrage deutlich übersteigt und sich die Opec-Länder gegen eine Produktionskürzungen entschieden. Anders als Russland betonte der Top-Produzent Saudi-Arabien, auf eine längere Phase niedriger Ölpreise vorbereitet zu sein und diese durchstehen zu können.

Nach der drastischen Anhebung des russischen Leitzinses im Kampf gegen den Rubelverfall hat Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew eine Normalisierung des Zinsniveaus gefordert. Durch die Erhöhung des Leitzinses auf 17 Prozent Mitte Dezember seien die Zinsen für Kredite auf mehr als 20 Prozent gestiegen, was die Lage für Unternehmer schwierig mache, sagte Uljukajew der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“.

Mit der Erhöhung wollte die Zentralbank die rasante Abwertung der russischen Währung stoppen. „Das ist uns gelungen“, meinte Uljukajew. Experten warnen indes, der Rubel könne weiter fallen.

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