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22.04.2015

19:26 Uhr

Wirtschaftskrise und Sanktionen

Arm auf Russisch

VonPauline Tillmann

Russlands Präsident Wladimir Putin sagt, das Schlimmste habe das Land bereits hinter sich. Doch der Wirtschaft geht es gar nicht gut. Das spüren vor allem die Rentner. Ein Ortsbesuch in der Armenküche in St. Petersburg.

Die Ärmsten der Armen in Russland sind die Rentner. Getty Images

Viele Rentner in Russland sind arm

Die Ärmsten der Armen in Russland sind die Rentner.

St. PetersburgMontags steht immer „Brei“ auf dem Speiseplan – aus Hirse, Reis, Grieß oder Haferflocken. Der Grund ist einfach: Brei macht satt und ist billig. Und das ist es, was in der Armenküche der Malteser in St. Petersburg zählt. Jede Portion, die in dort ausgegeben wird, ist stark rationiert. Denn pro Person steht der Küchenchefin Elena Prokofjew umgerechnet ein Euro zur Verfügung. Heute ist nicht Montag, deshalb gibt es Sauerkraut-Suppe, eine halbe Tomate, zwei Stück Brot, zwei Knoblauchzehen und einen Becher Johannisbeeren-Saft. Immerhin.

Die Ärmsten der Armen sind in Russland die Rentner. Die meisten bekommen eine durchschnittliche Rente von kaum mehr als 8.000 Rubel. Umgerechnet sind das 150 Euro – im Monat. Davon müssen sie Miete, Lebensmittel und Medikamente bestreiten. Gerade in einer Stadt wie St. Petersburg, die kaum günstiger ist als Berlin oder Hamburg, ist das nur schwer vorstellbar. Deshalb kommen viele zur Armenküche, um wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu bekommen.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Dabei wird Kremlchef Wladimir Putin nicht müde, immer wieder zu betonen, dass es Russland gut gehe, dass das Land das schlimmste hinter sich habe. Dass die Sanktionen das russische Volk nicht unterkriegen würden. Dass sich die Wirtschaft erholen würden. Doch die Realität sieht für viele anders aus.

Ludmila Sergejewna steht am Ausgabefenster der Armenküche. Die gibt es hier in St Petersburg, Russlands zweitgrößter Stadt, seit 1992. In einem Hinterhof, direkt gegenüber vom Deutschen Generalkonsulat, befindet sich das ockerfarbene Gebäude. Dort gibt es das Essen.

Kommentare (7)

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Frau Ich Kritisch

22.04.2015, 19:38 Uhr

das sollten sich viele sehr aufmerksam durchlesen...
in ca. 10 Jahren wird es hier auch so sein!
Im Zuge der Gleichschaltung in der EU. Wer heute in GR - Spanien etc in die Armenküchen guckt sieht nicht viel andere Bilder...

Herr Jürgen Jantschik

22.04.2015, 19:41 Uhr

Berichtet lieber über = arm auf deutsch !! Im Verhältnis gesehen - geht es armen deutschen Rentnern denn besser ??? Schaut euch mal in Deutshcland um, liebe Redaktion !! Lieber in die Ferne schauen, wenn das Schlechte liegt so nah !!!

Herr Lutz Bogatz

22.04.2015, 20:42 Uhr

Na da kann man doch nur stolz sein einer Nation anzugehören die das Elend
maßgeblich mit verursacht oder ???

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