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21.09.2012

21:33 Uhr

Wirtschaftsreformen

Öffnung für internationale Ketten stürzt Indien ins Chaos

Ausländische Handelsketten sollen Zugang zum indischen Markt bekommen - Walmart macht bereits Pläne. Doch mit der Öffnung hat sich die Indiens Regierung in Gefahr gebracht. Rücktritte sollen nun Neuwahlen abwenden.

Demonstranten verbrennen eine Figur des indischen Premierministers Manmohan Singh. dpa

Demonstranten verbrennen eine Figur des indischen Premierministers Manmohan Singh.

Neu-DelhiDie Diskussion um die Öffnung des indischen Einzelhandels für internationale Handelsunternehmen hat in Indien zu einer Regierungskrise geführt. Trotz des Ausscheidens einer Bündnispartei am Freitag konnte die indische Regierung vorgezogene Neuwahlen vorerst aber abwenden. Premierminister Manmohan Singh verteidigte die beschlossenen Wirtschaftsreformen.

Wie aus Singhs Kabinett verlautete, reichten am Freitag sechs Minister der Trinamool-Partei wie erwartet ihren Rücktritt ein. Auch die 19 Abgeordneten der Partei entzogen der Regierung ihre Unterstützung. Im Gegenzug sagte aber die Samajwadi-Partei (SP), eine Regionalpartei aus dem Bundesstaat Uttar Pradesh, zu, Singhs Regierung mit ihren 21 Abgeordneten im Parlament zu unterstützen.

Damit will die Partei die oppositionelle konservative Hindu-Partei Bharatiya Janata daran hindern, an die Macht zu gelangen, sagte SP-Chef Mulayam Singh Yadav. Er ließ offen, ob seine Partei der Regierung offiziell beitritt und im Zuge der Regierungsumbildung Ministerposten besetzt. Grundsätzlich lehnt auch Yadav die Zulassung ausländischer Supermarktketten ab.

Die indische Regierung hatte in der vergangenen Woche beschlossen, den Einzelhandel stärker für ausländische Handelsketten zu öffnen. Sie will damit erreichen, dass mehr Nahrungsmittel auch tatsächlich zum Verbraucher gelangen - derzeit verrotten 35 bis 40 Prozent der Ernten wegen mangelnder Lager- und Transportmöglichkeiten. Die ausländischen Konzerne sollen zudem zehn Millionen neue Jobs schaffen.

Am Donnerstag hatten Händler, Ladenbesitzer und Arbeiter gegen die geplante Öffnung des Einzelhandels für Unternehmen wie Walmart, Metro oder Tesco mit einem 24-Stunden-Streik protestiert. Ihr Protest richtete sich auch gegen die jüngste Erhöhung des Dieselpreises um zwölf Prozent.

Singh verteidigte die Beschlüsse am Freitag in einer seltenen Fernsehansprache an die Nation. "Es gibt Zeiten, in denen wir nein sagen müssen zu der einfachen Option und ja zu der schwierigeren", sagte er. "Dies ist ein solcher Fall." Die Zeit für "harte Entscheidungen" sei gekommen. Zugleich erklärte er, dass sich die Zulassung ausländischer Handelsketten nicht auf kleine Händler auswirke, sondern im Gegenteil neue Jobs schaffen werde.

Finanzminister P. Chidambaram stellte derweil neue Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft vor, die Investoren dazu bringen sollen, mehr Geld in Aktien anzulegen. Heimische Unternehmen sollen dazu gebracht werden, günstiger im Ausland Geld zu leihen.

Der US-Handelsriese Walmart kündigte unterdessen an, nach der Verabschiedung der Reform binnen 18 Monaten den ersten Laden in Indien zu eröffnen. "Das ist der Plan", sagte ein Unternehmenssprecher der Nachrichtenagentur AFP. Details wollte er nicht nennen.

Von

afp

Kommentare (3)

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Rechner

22.09.2012, 02:32 Uhr

Mit ihrem Protektionismus schneiden sich die Inder ins eigene Fleisch.

Das Geschrei der Kleinhändler unterscheidet sich nicht wesentlich von dem anderer Kasten, die versuchen ihre Privilegien zu verteidigen.

Offensichtlich geben sich die Inder alle Mühe weiter hinter China zurückzufallen.

Suum cuique.

doyen

22.09.2012, 10:47 Uhr

Wer die großen Handelsketten unterstützt ist ein Narr, denn sie sind es die die Umwelt kaputt machen, Bauern und kleine Händler in den Konkurs treiben. Und wenn sie die Konkurrenz dann komplett ausgelöscht haben bestimmen sie die Preise.

Das hat nun überhaupt nichts mit Kasten zu tun, sondern ist überall zu beobachten.

Novaris

22.09.2012, 11:26 Uhr

@Rechner, das Problem ist vielschichtig und die Proteste der Händler, Ladenbesitzer und Arbeiter sind in Teilen nachvollziehbar.
Tesco, Wal-Mart und andere Ketten werden z.B. Lebensmittel wohl nicht nur in Indien einkaufen sondern, weil billiger, auf dem Weltmarkt und dadurch verlieren Händler, Ladenbesitzer und auch Arbeiter, die Waren und Dienstleistungen in Indien produzieren, ihre Existenzgrundlagen.
Sicher, der Mainstream sagt dann : Wenn Waren und Dienstleistungen auf dem Weltmarkt billiger eingekauft werden können wie im Inland, so sind sie auf dem Weltmarkt einzukaufen und das gereicht dem Verbraucher zum Vorteil, was allerdings wiederum zu kurz gedacht ist.
Fakt ist : Es ist für keinen Staat, entgegen herrschender Meinung, ein Vorteil, wenn ganze Wirtschaftsbereiche durch Billigproduktionen im Ausland - teilweise dort subventioniert - im Inland ruiniert, Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren und vom Staat alimentiert werden müssen, die Konsumenten zwar vordergründig mitunter billigere Waren einkaufen können aber über höhere Steuern und Abgaben die Kosten für Arbeitslose bezahlen und mögliche Preisvorteile so indirekt verlieren. Der Profiteur steht allerdings
fest : Die Handelskette ---- und das nicht nur in INDIEN sondern auch in den Transformationsländern in Osteuropa etc. --- und sogar in Deutschland !
Die Gegenrechnung mit den von den Handelsketten geschaffenen Arbeitsplätzen, meist im Niedrichlohnbereich, ist überwiegend negativ.
Ob die indische Regierung die hier betroffenen Waren und Dienstleistungen mit Restriktionen belegen will ist nicht bekannt.

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