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20.01.2017

08:36 Uhr

Wirtschaftswachstum

China hält Wachstumsmanipulationen für Einzelfälle

VonStephan Scheuer

Chinas Wirtschaft wächst schneller als erwartet. Im vergangenen Quartal lag der Zuwachs bei 6,8 Prozent. Aber stimmen die Zahlen? Eine Provinz hat eingeräumt, über Jahre geschönte Daten übermittelt zu haben.

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PekingChinas oberster Statistiker Ning Jizhe klammert sich an seine Unterlagen. Auf seiner Stirn sind dicke Schweißperlen. 20 Minuten lang rattert er die Zahlen und Daten der zweitgrößten Volkswirtschaft im vergangenen Jahr herunter. Wachstum im Gesamtjahr im Vergleich zum Vorjahr: 6,7 Prozent. Wachstum im vierten Quartal: 6,8 Prozent. Das ist Standard. Das ist gewohnt. Aber an diesem Freitag ist eigentlich nichts wie gewohnt.

Skandale über manipulierte Wirtschaftsdaten gab es in China oft. Aber vor wenigen Tagen hat der Gouverneur nordostchinesischen Provinz Liaoning, Chen Qiufa, öffentlich zugegeben, dass seine Region über Jahre die Wachstumszahlen massiv geschönt hat. „Das Fabrizieren der Finanzdaten von Städten und Gemeinden in Liaoning war an der Tagesordnung und ging über eine lange Zeit. Viele Parteien waren daran beteiligt. Verschiedenste Tricks wurden eingesetzt“, sagte Chen im Arbeitsbericht seiner Regierung.

Es war das erste Mal, dass ein so hochrangiger Regierungsvertreter die Manipulation öffentlich eingestand. Chen versprach, in seiner Provinz werde aufgeräumt. Prompt gab er deutlich schlechtere Wachstumszahlen für seine Region bekannt. Liaoning ist Chinas einzige Provinz, die sich im vergangenen Quartal laut offizieller Zahlen in der Rezession befand.

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Chefstatistiker Ning schaut nervös auf, als er bei der Pressekonferenz in Peking zu Liaoning gefragt wird. Genau könne er sich dazu nicht äußern, sagt der Sprecher des nationalen Statistikbüros. „Sie sollten sich an das Statistikamt in Liaoning wenden“, weicht Ning aus. „Die nationalen Statistiken sind richtig und verlässlich. Nur in einzelnen Regionen hat es Probleme mit gefälschten Daten gegeben“, sagt Ning.

Die Pekinger Behörde traut den Daten aus den Provinzen nicht. Schon im vergangenen Jahr gab das Amt bekannt, dass sie von einer Million großer Firmen im ganzen Land die Informationen direkt abfragt, um Manipulation auf Provinzebene zu umgehen. 20.000 Mitarbeiter sind damit befasst, Informationen zu prüfen und Missbrauch zu verhindern.

Kommentare (7)

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Herr Holger Narrog

20.01.2017, 10:17 Uhr

Wenn man in privaten, westlichen Konzernen arbeitet stellt man fest dass Zahlen politisch sein können. Kostenträchtige Massnahmen werden vorgezogen, oder nach hinten geschoben. Ausgaben werden ggf. aktiviert... Was ich nicht erlebt habe sind reine Phantasiezahlen. Ich nehme an dass die Unternehmenszahlen zusammen mit Schweizer Statistiken noch die besten Zahlen sind die es auf der Erde gibt.

Staatliche Statistiken sind häufig sehr politisch. Die Zahlen zur Einwanderung in D und der damit verbundenen Kosten sind erstaunlich niedrig. Gem. diverser Studien sollen diese ein Gewinn sein. Selbst die Wetterdaten sind politisch geworden. Seit vielen Jahren haben wir regelmässig das wärmste Monat/Jahr während die Landschaft vor meinem Fenster tief verschneit ist.

Somit kann man davon ausgehen dass die chinesischen Wirtschaftsdaten auch politisch sind. Ein guter Indikator für das chinesische Wirtschaftwachstum sind die Stromverbrauchszahlen. Dieser hatte 2016 ziemlich stagniert. Die aktuellen Zahlen werde ich mir demnächst ansehen.

Herr Tom Schmidt

20.01.2017, 12:31 Uhr

@Narrog

Es gibt noch andere "legale" Arten zu fälschen: Geld drucken! Das Ganze wird in die BIP Berechnung mit einbezogen. Darum freuen sich alle wenn sich z.B. eine Blase entwickelt, erst einmal fühlt sich das wie richtiges Wachstum an...

Im Falle von China ist es aber wohl schlimmer, wenn man nicht die Wirtschaftszahlen schönt, sondern die Wachstumszahlen, dann baut sich ein exponentielles Problem auf.

In der Krise 2009/2010 hat China selbst verlautbart, dass es 50 % der eigenen Wirtschaftsleistung als neue Kredite vergibt...

Beim Export wurde so gefälscht, dass sich die Frage stellte, ob China überhaupt einen Exportüberschuss hat. Ich verweise auf den Artikel von Finn Mayer-Kuckuck hier im Handelsblatt, wenn man das damalige Problem (versteckter Kapitalimport durch überhöhte Rechnungen) mit einem "Entdeckungswirkungsgrad der Zollbehörder versieht, dann kommt ganz schnell raus, dass da gar kein Überschuss war! Trotzdem stiegen die Erfolge im nächsten Jahr weiter (obwohl ein Jahr nach dem Entdecken so eine Effektes Rezession und Stagnation in den Zahlen hätte sein müssen.

So, und wenn man jetzt diese ganzen Effekte über Jahre zusammenzählt, dann sind vielleicht inzwischen 40% der chinesischen Wirtschaftsleistung Fake-News!

Aber wenn das hochkocht wird es heißen, dass an diesem Absturz und Schock, der um die Welt gehen wird, nur Donald Trump und sein Twittern schuld ist... Hauptsache man hat einen Schuldigen!

Herr Tom Schmidt

20.01.2017, 12:41 Uhr

Interessant ist auch, dass unsere Presse jetzt offensiver mit den chinesischen Zahlen umgeht und nicht einfach die Nachrichten der chin. Regierung einfach weiterkolportiert. Aber man ist noch vorsichtig, auf SPON z.B. waren die chin, Wachstumszahlen gestern noch die wichtigste Zahl der Weltwirtschaft, dann ein kritischer Artikel zum Wahrheitsgehalt und heute kommen die Zahlen dann nur ganz kurz und verschwinden dann in tieferen Ebenen.

Auch hier ist der Artikel relativ schnell weg, obwohl allein die Überschrift geradezu nach einem Kassensturz ruft, wie gesagt, rein überschlagsmässig über all die Jahre mit den ganzen Fehlallokationen... wenn sich die Hälte des chin. BIP in Luft auflöst ist man wahrscheinlich noch gut bedient... was das aber für das Finanzsystem bedeutet? Aber wahrscheinlich will keiner es gewesen sein, der das bennennt!

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