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13.04.2012

07:02 Uhr

Wirtschaftswachstum

Euro-Schuldenkrise zieht China runter

VonFinn Mayer-Kuckuk

Die Eurokrise macht sich auch in China bemerkbar. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt leidet unter einer schwachen Nachfrage aus Europa. China wächst zwar dennoch - aber die Zeiten des Turbo-Booms sind vorbei.

Chinas Containerhäfen haben immer noch gut zu tun, doch die Exportwirtschaft hat sich abgekühlt. dpa

Chinas Containerhäfen haben immer noch gut zu tun, doch die Exportwirtschaft hat sich abgekühlt.

PekingDas chinesische Wachstum gerät immer weiter in einen Abwärtstrend. Im ersten Quartal ist die Wirtschaft nur noch um 1,8 Prozent gewachsen, wie das Nationale Statistikamt am Freitagvormittag in Peking mitteilte. Aufs Jahr hochgerechnet ergibt das eine Wachstumswert von 8,1 Prozent. „Die Wirtschaft hat eine moderat schnelle Ausdehnung beibehalten“, sagte Amtssprecher Sheng Laiyun.

Ein Wachstumswert von knapp über acht Prozent markiert zwar aus europäischer Sicht einen weiterhin beneidenswerten Boom. Für chinesische Verhältnisse gilt ein solcher BIP-Anstieg jedoch nur als mäßig – in den vergangenen drei Jahrzehnten erreicht das Wachstum in der Regel ein Niveau um zehn Prozent. Die aktuelle Zahl liegt außerdem niedriger als noch im vergangenen Monat von einem Beamten der Entwicklungs- und Reformkomission geschätzt.

China und EU handeln jeden Tag für mehr als eine Milliarde Euro

Gegenseitige Abhängigkeit

China und Europa sind voneinander abhängig. Das Reich der Mitte wird in diesem Jahr zum größten Exportmarkt der Europäer aufsteigen und damit die USA überholen. Umgekehrt ist die Europäische Union der größte Abnehmer chinesischer Ausfuhren. Beide Seiten handeln jeden Tag mit Waren im Wert von mehr als einer Milliarde Euro.

Ausfuhren gestiegen

Nach einem Zuwachs von 37 Prozent 2010 stiegen die europäischen Ausfuhren nach China im vergangenen Jahr von Januar bis November um 21 Prozent auf 124 Milliarden Euro. Deutschland hat mit deutlichem Abstand und knapp der Hälfte der EU-Ausfuhren nach China den größten Anteil daran, gefolgt von Frankreich und Großbritannien. 60 Prozent der EU-Ausfuhren waren Maschinen und Fahrzeuge.

Während die 27 EU-Länder im Jahr 2010 rund 19,8 Millionen Autos produzierten, waren es in China nicht viel weniger: rund 18,3 Fahrzeuge.

Weltgrößte Devisenreserven

Die Importe aus China kletterten nach einem Anstieg von 31 Prozent 2010 im vergangenen Jahr bis November um weitere fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 244 Milliarden Euro. Seit Jahren gibt es ein großes europäisches Defizit im Handel mit China, das 2010 noch bei 168 Milliarden Euro lag. Aus diesem Überschuss sammelt China die Euros in seinen weltgrößten Devisenreserven im Wert von insgesamt 3,18 Billionen US-Dollar an. Rund ein Viertel sollen Euros sein.

Negative Leistungsbilanz

Während die Leistungsbilanz der 27 EU-Länder im vergangenen Jahr bei minus 24 Milliarden Euro lag, konnte China einen deutlich positiven Saldo von 258 Milliarden Euro verbuchen. Auch das BIP der Chinesen war 2011 mit 12.900 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch wie das BIP der EU (5100 Milliarden Euro).

Schlechter Marktzugang

Die Wirtschaftskooperation zwischen Europa und China ist rasant gewachsen. Doch beklagen europäische Unternehmen in China schlechten Marktzugang, ungleiche Wettbewerbsbedingungen, mangelnde Transparenz und Rechtsunsicherheiten.

Urheberrechte verletzt

Schlechter Schutz des geistigen Eigentums ist unverändert ein großes Problem. Sieben von zehn in China tätigen europäischen Unternehmen wurden nach eigenen Angaben schon Opfer von Urheberrechtsverletzungen mit teils erheblichen Verlusten. Mehr als die Hälfte aller Raubkopien, die der Zoll in Europa sicherstellt, stammt aus China.

Zögerliche Investitionen

Die 27 EU-Staaten zählen mit 7,1 Milliarden Euro 2010 zu den fünf wichtigsten Investoren in China - neben Taiwan, Hongkong, USA und Japan. Rund 20 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in China stammen aus Europa. China investiert aber nur sehr zögerlich in Europa. Zwar stiegen die chinesischen Investitionen 2010 von 0,3 auf 0,9 Milliarden Euro, doch stammen nur 1,7 Prozent aller ausländischen Investitionen in Europa aus China.

Doch überraschend kommt der Durchhänger dennoch nicht. Die Wirtschaftsplaner in Peking drosseln derzeit bewusst die Konjunktur. Sie haben zwar noch reichlich Möglichkeiten, das Wachstum zu stützen. Doch die Regierung will sich Mittel wie Zinssenkungen und Konjunkturpakete für den Fall aufheben, dass die Weltwirtschaft auch in den kommenden Monaten nicht wieder auf die Beine kommt.

Außerdem drohte China im vergangenen Jahr bereits eine Überhitzung der Wirtschaft: Die Immobilienpreise sind in einigen Lagen um bis zu 50 Prozent angestiegen, während die Unternehmen in immer neue Fabriken investiert haben, obwohl deren künftige Auslastung alles andere als sicher ist. Die Zentralbank hat daher den Geschäftsbanken Geld entzogen, um die Firmen und Anleger auf Diät zu setzen.

China und Deutschland im Zahlenvergleich

Fläche in Quadratkilometern (gerundet)

China: 9.600.000
Deutschland: 357.000

Bewaldete Fläche

China: 22 Prozent
Deutschland: 32 Prozent
(Angaben von 2010)

Landwirtschaftlich genutzte Fläche

China: 56 Prozent
Deutschland: 48 Prozent
(Angaben von 2009)

Einwohner

China: 1.347.000.000
Deutschland: 82.000.000
(Angaben von 2011, Zahlen gerundet)

Lebenserwartung von Frauen

China: 75 Jahre
Deutschland: 83 Jahre
(Angaben von 2009)

Lebenserwartung von Männern

China: 72 Jahre
Deutschland: 77 Jahre
(Angaben von 2009)

Breitband-Internetanschlüsse je 100 Einwohner

China: 8
Deutschland: 31
(Angaben von 2009)

Personenwagen je 1000 Einwohner

China: 27
Deutschland: 502
(Angaben von 2008)

CO2-Emission pro Kopf in Tonnen

China: 5
Deutschland: 10
(Angaben von 2008)

Quellen: Weltbank, CIA, Statistisches Bundesamt, Deutsche Botschaft in Peking, Auswärtiges Amt

Ökonomen sehen den Hauptgrund für die Notwendigkeit der Schrumpfkur in der schwachen Konjunktur in Europa und Amerika. China hatte sein Entwicklungsmodell in den 90er-Jahren darauf ausgerichtet, hohe Exporteinnahmen für Investitionen zu nutzen. Doch seit der Krise von 2008/2009 fragen die Amerikaner viel weniger chinesische Waren auf Pump nach; derzeit sind es Länder der Eurozone, die weniger konsumieren.

Kommentare (4)

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Schlaumeier

13.04.2012, 07:38 Uhr

Schluß mit diesem verfluchten Gelddrucken, weltweit. Wachstum auf Pump ade. Es kommen ganz, ganz magere Jahre.

Account gelöscht!

13.04.2012, 08:20 Uhr

Aber nein, es ist alles in Ordnung und die Einlagen der Sparer sind sicher ;) :D *lach* Würde mich nicht wundern wenn jeder Deutsche Haushalt demnächst nen Spanier und Chinesen aufnehmen muss... als Zeichen des guten Willens versteht sich :D

Pequod

13.04.2012, 09:54 Uhr

So bleibt immer noch die Möglichkeit mit Chinas großen
Devisenreserven die Schlüsselindustrien Europas aufzu-
kaufen und diese, ohne das Eurosionssystem, wieder auf
marktwirtschaftlichen Kurs zu bringen.

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