Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.09.2015

20:10 Uhr

Wladimir Putin

Der König der Überraschungstaktik

VonAndré Ballin

Erst das Dementi, nun das plötzliche Vorpreschen: Putin lässt in der Syrien-Krise die Waffen sprechen. Der russische Präsident verfolgt dabei zwei Hauptziele.

Der russische Präsident ist politisch schwer auszurechnen. dpa

Wladimir Putin

Der russische Präsident ist politisch schwer auszurechnen.

MoskauÜberraschungen bleiben sein Markenzeichen: Wladimir Putin hat sich vom Föderationsrat, dem Oberhaus des russischen Parlaments, zu einem Militäreinsatz außerhalb der russischen Grenzen ermächtigen lassen. Die russischen Senatoren billigten die Entscheidung einstimmig, alle 162 Anwesenden hätten mit „Ja“ gestimmt, teilte der Leiter der Präsidialadministration, Putins Langzeit-Vertrauter Sergej Iwanow mit.

„Es geht nicht um das Erreichen irgendwelcher außenpolitischen Ziele oder die Befriedigung irgendwelcher Ambitionen, derer uns unsere westlichen Partner dauernd beschuldigen, sondern ausschließlich um das nationale Interesse“, betonte er dabei.

Worin das nationale Interesse Russlands liegt, führte Iwanow nicht weiter aus. Doch Russland verfolgt in Syrien zwei Hauptziele. Erstens ist Putin am Machterhalt von Präsident Baschar al-Assad gelegen, der trotz gelegentlicher atmosphärischer Störungen zwischen Moskau und Damaskus ein treuer Verbündeter Russlands ist und so den Einfluss Russlands in der Nahostregion sicher stellt. Dies beinhaltet sowohl den Besitz einer Militärbasis als auch potenziell die Möglichkeit zur Erschließung der Öl- und Gaslagerstätten vor der syrischen Küste durch russische Konzerne. Andere Verbündete hat Russland in dem Land nicht.

Zweitens ist der Islamische Staat (IS), gegen den das russische Militär allem Anschein nach nun Luftschläge führen wird – ein Bodenkrieg ist zu verlustreich und riskant für Moskau – eine ernsthafte Bedrohung für die innere Sicherheit Russlands. Zahlreiche Kämpfer stammen aus Russland und der GUS, im Kreml wird ihre Rückkehr als Destabilisierungsfaktor speziell für den Kaukasus befürchtet.

Syrien-Konflikt: Putin macht ernst – Bomber greifen an

Syrien-Konflikt

Putin macht ernst – Bomber greifen an

Massive Unterstützung bekommt Syriens Diktator Assad von seinem Verbündeten Russland. Putins Intervention in den Krieg scheint überraschend – ist sie aber tatsächlich nicht. Die USA bestätigen die ersten Angriffe.

Unklar bleibt dabei auf den ersten Blick, warum Putin erst vor wenigen Tagen in einem Interview ein militärisches Engagement in Syrien völlig ausschloss. „Russland wird sich nicht an Militäroperationen auf dem Territorium Syriens oder anderer Staaten beteiligen, zumindest planen wir das zum heutigen Tag nicht“, sagte er in einem Interview.

Die Überraschungstaktik ist allerdings seit jeher ein Merkmal der Putin'schen Politik. Über ein Jahrzehnt lang hat er mit Personalentscheidungen im Kreml alle politischen Experten überrumpelt, sei es mit dem Rauswurf seines Premiers Michail Kassjanow kurz vor seiner ersten Wiederwahl oder der jüngsten Entlassung des mächtigen Eisenbahnchefs Wladimir Jakunin, sei es mit Kandidaten, die vorher niemand auf dem Zettel hatte, wie Michail Fradkow (Premier 2004 – 2007) oder sei es mit seinem eigenen Abgang samt Wiederkehr auf den Präsidentenposten.

Dementis und Verschleierungen gehörten auch zum Krim-Szenario Anfang 2014. Die damals ebenfalls im Expressverfahren durchgezogene Genehmigung des Militäreinsatzes durch den Föderationsrat ließ die internationalen Spannungen im März 2014 auf den Höhepunkt steigen.

Diesmal ist eine ähnliche Reaktion nicht zu erwarten. Auch der Westen kämpft in Syrien gegen den IS. Dass Putin erst nach seiner Rückkehr aus den USA die überraschende Wende verkündet, zeugt eher davon, dass der Kremlchef Eigenständigkeit in der Frage demonstrieren will.

Trotz des gemeinsamen Kampfes gegen den IS bleiben die Vorstellungen über die Zukunft Syriens nämlich nach wie vor weit voneinander entfernt. Wenn es Assads Truppen mit russischer Luftunterstützung und russischen Panzern vom Typ T-90 gelingen sollte, die antike Oasenstadt Palmyra von den IS-Kämpfern zurückzuerobern, wäre das für Putin ein grandioser PR-Erfolg.

Kampf gegen IS

Internet-Videos von Putins Angriffen in Syrien aufgetaucht

Kampf gegen IS: Internet-Videos von Putins Angriffen in Syrien aufgetaucht

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Kommentare (16)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Sergio Puntila

30.09.2015, 20:26 Uhr

...Putin holt die Kohlen aus dem Feuer und bekommt dafür den goldenen "König der Überraschungstaktik" am Bande von der westlichen Wertegemeinschaft verliehen?

Das kann man doch mal einen veritablen außenpolitischen Erfolg der westlichen Wertegemeinschaft nennen: selbst zu nix in der Lage oder Willens, Putin den Vortritt zu lassen bei einem wie auch immer zu bewertenden Vorstoß.

Was in der Causa nur zu gerne unterschlagen wird: Syrien wird, wenn nicht eingeschritten wird, die Matrize für die Zukunft nicht nur der Region geben.

So gesehen wäre das Begründungsmuster der Putin-Administration garnichtmal von der Hand zu weisen.

Der Tea-Party in den USA scheint nicht nur jedes Mittel Recht die Welt ins Unglück zu stürzen: sie wird es sein, die als ursächlicher Verhinderer des Weltfriedens bezeichnet werden müssen.

Problematisch dürfte es allerdings werden, wenn ausgerechnet Putin der Tea-Party bei ihren zusehends abenteuerlicheren Vorstellungen eines "Armageddons" den Assistenten geben sollte.

Frau Margrit Steer

30.09.2015, 20:36 Uhr

Es ist doch erst einmal wichtig, den grausigen Krieg dort zu beenden, an dem die USA ja nicht unschuldig ist
Und wenn Putin nun handelt, ist ja wohl allemal besser, als wir uns benehmen, indem wir seit Jahren zusehen

Herr Renatus Isenberg

30.09.2015, 20:58 Uhr

Putin verblüfft immer wieder. Es gibt keinen Staatsmann weltweit, der in der Sicherung nationaler Interessen Putin das Wasser reichen kann. Putin agiert und stellt alle Truthähne in Europa und USA vor den Spiegel.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×